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Betriebliche Niedriglohnbereiche

Bäckerei Ruch :rechtswidrige Lohnkürzung bei Krankheit
Callcenteroffensive/TelefonarbeiterInnen
Arbeitskonflikt bei EMNID
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Bäckerei Ruch: rechtswidrige Lohnkürzung bei Krankheit
Der GeRUCH der Unternehmenswillkür

2.4.07 / Am Samstag gab es eine Flugblattaktion mit Transparent vor der Bäckereifiliale von Ruch und Gerhardy in der Groner Straße. Die Feinbäckerei Ruch & Gerhardy GmbH hat ihren Hauptgeschäftssitz in Rosdorf Am Flüthedamm 2 . Allein im Stadtgebiet von Göttingen gehören ihr 27 Filialen und außerhalb Göttingens besitzt sie noch weitere 29 Filialen in Hann. Münden, Dransfeld, Duderstadt, Dassel, Einbeck, Duderstadt, Northeim, Vellmar, Veckerhagen, Fuldabrück, Grebenstein, Reinhardshagen, Sandershausen, Adelebsen, Hofgeismar, Fuldatal, Gimte und Kassel. 2006 war in der Bäckereifachzeitschrift von insgesamt 270 Beschäftigten die Rede.

Foto: vom 2.4.07 / Eine der 51 Filialen der Ruch&Gerhardy GmbH in der Groner Straße Nr. 25 und Bistro Nr. 26.. 1969 erfolgte hier die Übernahme der Bäckerei Fischer "ein Meilenstein in der Geschichte der Bäckerei Ruch" heisst es in der Firmenchronik.

Klar, dass diese Bäckerei mit derart vielen Filialen auch kommunalpolitischen Einfluss in Göttingen hat. Dies sollte aber nicht ermöglichen, quasi-feudalistische Arbeitsverhältnisse gegen geltendes Arbeitsrecht einzuführen. Nachdem bekannt geworden war, dass in diesem Betrieb Beschäftigten wegen Krankheit der Lohn um 30 % gekürzt worden war wurde einer der beiden Geschäftsführer Thorsten Ruch in der örtlichen Presse damit zitiert dass er durchaus wisse, er habe gegen geltendes Arbeitsrecht verstossen aber es habe ihm gereicht. Das Schlimme ist, dass sich die Betroffenen nicht einmal trauen, arbeitsrechtlich dagegen vorzugehen aus Angst um ihren Arbeitsplatz

"Was sagt eigentlich der Betriebsrat dazu?" haben wir uns gefragt. ( Nachtrag am 4.4.07 Die Frage, was der Betriebsrat dazu sagt war etwas blauäugig, denn wie zu erfahren war gibt es in dieser Firma keinen Betriebsrat für die 270 Beschäftigten - da wirds aber mal Zeit! ) Die zuständige Gewerkschaft ist übrigens die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mit Sitz in Braunschweig und hatte den Fall in die Medien gebracht.

Der Geschäftsführer Ruch mag vielleicht beurteilen können, ob ein Brötchen richtig gebacken ist, aber ihm kann letztlich nicht überlassen bleiben zu beurteilen, ob eine Arbeitsunfähigkeit wegen Krankheit vorliegt - dies ist Aufgabe eines Arztes. Die Entscheidung, Lohnkürzung wegen Krankheit vorzunehmen stellt einen gravierenden Vorgang dar, gegen den sich die Protestkundgebung am Samstag gerichtet hat. Ohne direkt von einem Einkauf bei Ruch abzuraten forderten die ca. 25 Protestierenden die Kunden auf, zu überlegen, ob ein solches Gebaren zu tolerieren sei.

Filialen von Ruch in Göttingen:

Kurze Geismarstraße 37
David-Hilbert-Straße 2
Nikolausberger Weg 34
Friedrich-Ebert-Straße 27
Theaterstraße 6
Geismarlandstraße 65
Göttinger Straße 76
Am Wolfshof 1
Am Gladeberg 32
Steinflurweg 3
Allerstraße 31
Hauptstraße 54
Nikolausberger Weg 43

Königsallee 68
Feldtorweg 1
Bahnhof
Rosdorfer Weg 23
Groner Straße 25/26
Am Steinsgraben 19
Hauptstraße 23
Am Eikborn 26
Kurze Geismarstraße 3-5
Am Markt 4
Reinhäuser Landstraße 163
Nonnenstieg 2
Theaterstraße 17a

(Wir schlagen vor: 30 % des Unternehmensgewinns eines Monats werden an die Belegschaft ausgezahlt, wenn Herr Ruch mal krank ist - Gleichbehandlungsgrundsatz)

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Aus Göttinger Betriebsexpress Nr. 167, 10.10.01 
"Callcenteroffensive"/TelefonarbeiterInnen
"Nachfolgend dokumentieren wir ein Flugblatt der Initiative ,,Call Center Offensive", das sich mit den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in Call Center am Beispiel der EMNID-Telefonstudios auseinandersetzt. Auch in Göttngen betreibt EMNID ein solches Studio. Gleichzeitig ist dies nur eines von mehreren CaIl Centern, die hier in Göttingen in jüngster Vergangenheit eingerichtet wurden. Jede dieser Neueröffnungen wurde gefeiert wegen der Schaffung neuer Arbeitsplätze. Doch hinter den Kulissen sieht es für die Beschäftigten meist alles andere als rosig aus.
Bei EMNID arbeiten heißt: schwankender Lohn, ständige Überwachung durch Reinhören (auch. ,,Qualitätskontrolle" genannt), den Einleitungstext mindestens 1000 mal pro Schicht runterleiern, sich den Mund fusselig reden, sich über harte oder weiche Geburtstagsschlüssel ärgern und die Worte ,,vollkommen zufrieden, sehr zufrieden, zufrieden, weniger zufrieden oder unzufrieden" aus dem privaten Wortschatz zu streichen, auf Arbeit wird man sie noch oft genug sagen. Bei EMNID arbeiten heißt weiter: sich genau überlegen, ob man die Pause jetzt wirklich machen will, weil's nicht bezahlt wird, viel zu lange Fragebögen, Abbrüche im Interview, die einem natürlich auch nicht bezahlt werden, bzw.die Zielperson vollschleimen, damit sie das Interview auch zuende macht. (,,,). 
EMNID hat Telefonstudios in Bielefeld, Berlin, Göttingen, Köln und München. Bei EMNID arbeiten wir formal als Selbständige - "freie Telefoninterviewer" nennen sie das - ohne jede Rechtssicherheit. Konkret: wir bekommen keinen bezahlten Urlaub, schon gar kein Krankengeld und wir genießen nicht den geringsten Kündigungsschutz. Dabei arbeiten wir eigentlich genau wie Arbeitnehmerinnen: weisungsgebunden, immer für den gleichen Auftraggeber und und und, aber angeblich sind wir freie Mitarbeiterinnen. Gut für EMNID: so müssen sie nämlich keine Sozialabgaben für uns zahlen und die anderen oben genannten Dinge sparen sie auch. Das muss nicht so bleiben.

Zum Beispiel bezahlter Urlaub...
Der steht laut Bundesurlaubsgesetz allen ,,arbeitnehmerähnlich" Beschäftigten - also auch freien Mitarbeiterinnen - zu: ab 6 Monaten Beschäftigung die gesetzlich fixierten 24 Urlaubstage, sonst anteilig zur Beschäftigungszeit entsprechend weniger. Auch wenn man in jedem normalen Arbeitsvertrag mehr als dieses absolute Minimum vorfindet, sollte man sich diesen Urlaub trotzdem nicht entgehen lassen - entspricht schließlich einer Lohnerhöhung von fast 10%. Im Bielefelder EMNID-Studio haben einige Agents daraufhin bezahlten Urlaub gefordert, drei von ihnen per Klage vor dem Arbeitsgericht. Da EMNID solche Klagen scheut wie der Teufel das Weihwasser (könnte ja sein, dass ein Gericht einen Präzedenzfall schafft und EMNID fortan allen Mitarbeiterinnen Urlaubsgeld zahlen muss...), strebt die Geschäftsleitung nun eine außergerichtliche Einigung an und bietet den renitenten Agents 24 bezahlte Urlaubstage im Jahr -nur dass EMNID offenbar noch etwas wirre Vorstellungen von den Modalitäten des Anspruchsnachweises seitens der Agents hat. Darüber wird weiter verhandelt. Auf der anderen Seite verteilt EMNID in Bielefeld seither neue Rahmenverträge an die InterviewerInnen, in denen diese sinngemäß erklären sollen, auf sämtliche etwaigen gesetzlichen Ansprüche freiwillig zu verzichten. Ob so ein Vorgehen vor Gericht Bestand hat, ist noch nicht geklärt. Tatsache ist, dass die Unterschrift unter einen solchen ,,Vertrag" den juristischen Aufwand, die redlich verdienten Urlaubsansprüche geltend zu machen, doch erheblich erhöht. Wer sich aber für das volle Sozialleistungspaket interessiert, sollte mal überlegen, ob sich nicht eine Klage vor dem Arbeitsgericht auf Feststellung des Arbeitnehmerstatus lohnt. Auch hier gibt es bereits den Versuch seitens eines - noch - ,,freien Telefoninterviewers" aus Bielefeld. Der Prozess beginnt Mitte September und wir dürfen gespannt sein, was sich EMNID einfallen lässt, um das Gericht von der Legalität des Status Quo zu überzeugen. Pech für uns, wenn wir unser Recht nicht einfordern!    (Weitere Infos: www.callcenteroffensive.de)"

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Aus der Arbeitswelt: Protest bei EMNID
(Aus göttinger Drucksache Nr.455, 22.8.2003)

Emnid betreibt Markt- und Meinungsforschung, also Telefonumfragen. Seit drei Jahren betreibt der Laden auch in Göttingen ein Telefons3 tudio, in dem hauptsächlich Studis und SchülerInnen jobben.
Die InterviewerInnen haben den Status ,,Freie Mitarbeiterlnnen"; Emnid spart damit Sozialabgaben, kann Leute nach Belieben rauskicken und zahlt auf Honorarbasis (Geld gibt's für erfolgreich abgeschlossene Interviews, die Bezahlung ist je nach Länge und Auftraggeber mehr oder minder mies). Bisher war es so, dass es bei einem Verdienst unter 6 Euro/Stunde eine ,,Gnaden"-Zulage von Emnid gab, die diesen Mindestverdienst garantieren sollte.
Vom 1. Juli an wurde diese Zulage kompleitt gestrichen, und zwar für alle, die länger als sechs Monate dort arbeiten; Neueren wurde eine Schonfrist (,,Eingewöhnungszeit") eingeräumt. Für alle anderen läuft es auf Akkordarbeit hinaus, mit dem Risiko, Emnid ihre Arbeitskraft bei mies laufenden Studien gegebenenfalls gratis zu opfem. Kein Zufall, dass diese Maßnahme auf den Beginn der Ferienzeit fällt: Gerade haben viele Ferienjobberlnnen angefangen, die eh nicht so lange dort arbeiten wollen. Zudem wird ab August eine neue Software (,,Power-Dialing") eingeführt, die automatisch anwählt und direkt an die Intervicwer durchstellt, wenn jemand abnimmt. Damit soll eine höhere Interview-frequenz erreicht werden (was aber nach dem Gesetz der durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit garantiert keinen besseren Verdienst bringen wird, im Gegenteil), für die Mitarbeiter-Innen heißt das vor allem: Mehr Stress.
Obwohl die Streichung der Aufwandsentschädigung so kurzfristig und beiläufig angekündigt wurde, dass Emnid darauf hoffen konnte, die Maßnahme reibungslos durchzusetzen, war für viele InterviewerInnen damit das Ende der Fahnenstange erreicht: Sie haben sich zusammengeschlossen und eine Kampagne zur Wiedereinführung des Grundlohns ins Leben gerufen.
Die ersten Schritte bestanden in einem Brief an die Studioleitung, in dem diese aufgefordert wurde, sich gegenüber der Chefetage für die Forderung der InterviewerInnen einzusetzen; der Brief wurde im Studio öffentlich gemacht und die KollegInnen aufgefordert, sich per Unterschrift (anonym, als ,,Emnid-Mitarbeiterln") hinter den Briefzu stellen - dabei wurde eine über 90%ige Zustimmungsquote erzielt. Gleichzeitig wurde ein e-mail-Verteiler aufgebaut, um die MitarbeiterInnen regelmäßig über den Stand der Dinge informieren zu können, und Kontakt zu den anderen Ernnid-Studios (Bielefeld, Berlin, Köln) gesucht, wo die Göttinger Initiative positiv aufgenommen wurde.
Wie nicht anders zu erwarten, kam bei einem Gespräch mit der Studioleitung lediglich deren Unwillen heraus, sich hinter die InterviewerInnen zu stellen; sie steht aber nun unter dem Druck, den MitarbeiterTnnen die Lohrikörzung schrnackhaft zu machen, so dass demnächst eine "Informationsveranstaltung" angesetzt werden soll. Die Initiative der JnterviewerInnen hat jedoch nicht vor, sich von der ,,Notwendigkeit" der Kürzung überzeugen zulassen. Vielmehr will sie zur Durchsetzung ihres Ziels den Druck auf die Geschäftsführung aufrechterhalten, sei es durch ähnliche Aktivitaten tu anderen Siudios, Öffentlichkeitsarbeit, etc.
An der Emnid-Initiative zeigt sich, dass Lohnabhängige nicht zwangsläufig jede Verschärfüng ihrer Ausbeutung widerspruchslos hinnehmen. Die Logik ,,Wenn es dem Betrieb gut geht, geht es uns allen gut" greift nicht mehr. In Zeiten eines gesamtgesellschaftlichen Trends, in dem kaumjemand daran zweifelt, dass ,,wir alle" Opfer für den Standort bringen müssten, ist dei Protest bei Emnid zwar nicht der Auftakt ztu Weltrevolution, aber immerhin ein hoffnungsvoller Ansatz.

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