Aus der Arbeitswelt: Protest bei EMNID (Aus
göttinger Drucksache Nr.455, 22.8.2003)
Emnid betreibt Markt- und Meinungsforschung,
also Telefonumfragen. Seit drei Jahren betreibt der Laden auch in Göttingen ein
Telefons3 tudio, in dem hauptsächlich Studis und SchülerInnen jobben. Die
InterviewerInnen haben den Status ,,Freie Mitarbeiterlnnen"; Emnid spart
damit Sozialabgaben, kann Leute nach Belieben rauskicken und zahlt auf Honorarbasis
(Geld gibt's für erfolgreich abgeschlossene Interviews, die Bezahlung ist je nach
Länge und Auftraggeber mehr oder minder mies). Bisher war es so, dass es bei einem
Verdienst unter 6 Euro/Stunde eine ,,Gnaden"-Zulage von Emnid gab, die diesen
Mindestverdienst garantieren sollte. Vom 1. Juli an wurde diese Zulage kompleitt
gestrichen, und zwar für alle, die länger als sechs Monate dort arbeiten; Neueren
wurde eine Schonfrist (,,Eingewöhnungszeit") eingeräumt. Für alle anderen
läuft es auf Akkordarbeit hinaus, mit dem Risiko, Emnid ihre Arbeitskraft bei
mies laufenden Studien gegebenenfalls gratis zu opfem. Kein Zufall, dass diese
Maßnahme auf den Beginn der Ferienzeit fällt: Gerade haben viele Ferienjobberlnnen
angefangen, die eh nicht so lange dort arbeiten wollen. Zudem wird ab August eine
neue Software (,,Power-Dialing") eingeführt, die automatisch anwählt und
direkt an die Intervicwer durchstellt, wenn jemand abnimmt. Damit soll eine höhere
Interview-frequenz erreicht werden (was aber nach dem Gesetz der durchschnittlich
notwendigen Arbeitszeit garantiert keinen besseren Verdienst bringen wird, im
Gegenteil), für die Mitarbeiter-Innen heißt das vor allem: Mehr Stress. Obwohl
die Streichung der Aufwandsentschädigung so kurzfristig und beiläufig angekündigt
wurde, dass Emnid darauf hoffen konnte, die Maßnahme reibungslos durchzusetzen,
war für viele InterviewerInnen damit das Ende der Fahnenstange erreicht: Sie haben
sich zusammengeschlossen und eine Kampagne zur Wiedereinführung des Grundlohns
ins Leben gerufen. Die ersten Schritte bestanden in einem Brief an die Studioleitung,
in dem diese aufgefordert wurde, sich gegenüber der Chefetage für die Forderung
der InterviewerInnen einzusetzen; der Brief wurde im Studio öffentlich gemacht
und die KollegInnen aufgefordert, sich per Unterschrift (anonym, als ,,Emnid-Mitarbeiterln")
hinter den Briefzu stellen - dabei wurde eine über 90%ige Zustimmungsquote erzielt.
Gleichzeitig wurde ein e-mail-Verteiler aufgebaut, um die MitarbeiterInnen regelmäßig
über den Stand der Dinge informieren zu können, und Kontakt zu den anderen Ernnid-Studios
(Bielefeld, Berlin, Köln) gesucht, wo die Göttinger Initiative positiv aufgenommen
wurde. Wie nicht anders zu erwarten, kam bei einem Gespräch mit der Studioleitung
lediglich deren Unwillen heraus, sich hinter die InterviewerInnen zu stellen;
sie steht aber nun unter dem Druck, den MitarbeiterTnnen die Lohrikörzung schrnackhaft
zu machen, so dass demnächst eine "Informationsveranstaltung" angesetzt
werden soll. Die Initiative der JnterviewerInnen hat jedoch nicht vor, sich von
der ,,Notwendigkeit" der Kürzung überzeugen zulassen. Vielmehr will sie zur
Durchsetzung ihres Ziels den Druck auf die Geschäftsführung aufrechterhalten,
sei es durch ähnliche Aktivitaten tu anderen Siudios, Öffentlichkeitsarbeit, etc.
An der Emnid-Initiative zeigt sich, dass Lohnabhängige nicht zwangsläufig jede
Verschärfüng ihrer Ausbeutung widerspruchslos hinnehmen. Die Logik ,,Wenn es dem
Betrieb gut geht, geht es uns allen gut" greift nicht mehr. In Zeiten eines
gesamtgesellschaftlichen Trends, in dem kaumjemand daran zweifelt, dass ,,wir
alle" Opfer für den Standort bringen müssten, ist dei Protest bei Emnid zwar
nicht der Auftakt ztu Weltrevolution, aber immerhin ein hoffnungsvoller Ansatz. zum
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