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Berichte über Göttinger Betriebe

Systemgastronomie 2016 > Prekäre Beschäftigungen
Bäckereien > Löhne im Ev. luth. Kirchenkreis
Zeiss macht ernst mit Entlassungen > ELWA Clean
Schmorl & von Seefeldt macht dicht > Alcan / Novelis
Mahr > Gothaer
Lanco > Sartorius
BMW-Niederlassungen > Linos AG
Harald Mack Krankengymnastik > Adams
Ruch: Lohnkürzung bei Krankheit > Klinikum
Konflikt bei Ifas > Phywe
Arbeitshölle "Callcenter" 1. Mai 2012 > Lambda Physik
Callcenter/TelefonarbeiterInnen > Telekom Callcenter Göttingen
Bäckereigewerbe 2012 > Göttinger Betriebsexpress
> EMNID

 

Imbißketten und "Systemgastronomie"
Gewerkschaft fordert mehr als nur Mindestlohn!

Nach einer Pressemitteilung der NGG 6.12.16 /
Wenn es nach den Firmeneignern und -Leitungen geht, bleiben Beschäftigte der Restaurant-Kette im Landkreis Göttingen beim Verdienst weiter an der unteren Grenze. Der Grund: Der Bundesverband der Systemgastronomie (BdS), zu dem auch Marken wie Burger King oder Nordsee gehören, sperrt sich in der laufenden Tarifrunde weiterhin gegen eine spürbare Lohnerhöhung.

Die Gewerkschaft will nicht länger akzeptieren, dass der Sektor weiterhin als "Mindestlohnbereich" gehandhabt wird. Sollten die Arbeitgeber nicht spürbar nachlegen, werde es einen „heißen Advent“ geben, so die Gewerkschaft. Geplant seien betriebliche Aktionen und Demonstrationen in verschiedenen Städten. Bundesweit zählen die im BdS zusammengeschlossenen Franchise-Unternehmen mehr als 100.000 Beschäftigte in 2.700 Restaurants und Cafés. Von einem neuen Tarifvertrag würden neben den Mitarbeitern der beiden großen Fastfood-Ketten McDonald’s und Burger King auch Beschäftigte bei Starbucks, KFC, Vapiano und Tank & Rast profitieren. Für sie hatten die Arbeitgeber zuletzt einen Stundenlohn von 8,84 Euro in der ersten und 8,89 Euro in der zweiten Lohngruppe geboten, berichtet Manfred Tessmann von der NGG Süd-Ost-Niedersachsen.(...) Eine Unverschämtheit, denn schon per Mindestlohngesetz würden sie letztlich dasselbe verdienen.“ Die NGG fordert ein Lohn-Plus von mindestens sechs Prozent. Die unterste Lohngruppe soll überproportional angehoben werden – „damit eine Neun vor dem Komma steht“, Außerdem sollen die Ausbildungsvergütungen auf 800 Euro im ersten, 900 Euro im zweiten und 1.000 Euro im dritten Lehrjahr steigen.

NGG-Region Süd-Ost-Niedersachsen Wilhelmstr. 5 38100 Braunschweig www.ngg-son.de , Geschäftsführer Manfred Tessmann

 

1020 Göttinger Bäckerei-Beschäftigte gucken in die Röhre

2.9.16 / Insgesamt arbeiten im Landkreis Göttingen rund 1.020 Beschäftigte im Backgewerbe, darunter rund 190 geringfügig Beschäftigte.
Nur wer in einem Betrieb des Bäcker-Innungsverbandes Niedersachsen/Bremen arbeitet, kommt in den Genuss tariflicher Lohnerhöhungen (ab diesem Monat um bis zu 5,5 Prozent). Die Bäckerei-Beschäftigten im Landkreis Göttingen haben davon nichts, weil die Göttinger Bäcker-Innung seit 2 Jahren nicht an den Tarifverhandlungen teilnimmt.
Das bedeutet einen realen Verlust für die Beschäftigten:
Ein Bäckergeselle mit Berufserfahrung verdient in Niedersachsen nach Tarif jetzt 13,09 Euro pro Stunde 63 Euro mehr im Monat, eine erfahrene Fachverkäuferin bekommt 60 Cent mehr Stundenlohn das sind 98 Euro mehr monatlich.

Infos von Katja Derer Gewerkschaftssekretärin der NGG Süd-Ost-Niedersachsen . Informationen zum neuen Tariflohn in Bäckereien gibt es ab sofort bei der NGG-Hotline: 0531 / 24 27 4-0.

 

BMW Niederlassungen von Schließung bedroht

28.7.16 Die BMW Group plant die Anzahl der BMW Filialen weiter zu reduzieren. In den letzten Jahren wurden bereits 14 Filialbetriebe in Frankfurt, Bonn, Essen, Darmstadt, München, Berlin, Hamburg und Mannheim geschlossen. Weitere Filialen in Hamburg, München und Nürnberg sollen 2016 bzw. 2017 geschlossen werden. Die Betriebsratsvorsitzende der BMW-Niederlassung Göttingen informiert daüber dass der Gesamtbetriebsrat diese Vorgehensweise als "Kahlschlag" entschieden ablehnt. Die Beschäftigten bei BMW, so der Gesamtbetribesrat, haben ein gemeinsames Ziel. BMW Niederlassungen müssen erhalten bleiben! Um dies zu untermauern, haben am Mittwoch, den 27.7.2016, bundesweit Betriebsversammlungen in den BMW Niederlassungen stattgefunden. Die Betriebe blieben in diesem Zeitraum geschlossen.

Mahr (Ex Feinprüf) teilt den Betrieb auf
12.10.01 / Aus Betriebsexpress Nr. 167 Mittwoch den 10. Oktober 2001

"Was wird aus dem ,,Stiefkind?
(..) Der Bereich Spinnpumpen wird aus der GmbH ausgegliedert und ab sofort unter dem Namen ,,Mahr Metering Systems" (Mahr Dosier-Systeme) als eigenständige Firma weitergeführt werden. (..)  Mahr exportierte dieses Produkt bisher in alle Welt und galt als Marktführer.
Betriebsänderungen und Ausgründungen dieser Art sind in.den vergangenen Jahren von vielen Unternehmen verstärkt betrieben worden. Oft verfolgten sie das Ziel, wenig profitable Betriebsteile auszuschlachten oder zu verkaufen, verbunden mit der Absicht die betriebliche Interessenvertretung zu schwächen. Solche Erwägungen scheinen, zumindest gegenwärtig, bei Mahr keine Rolle zu spielen. Nach den Worten von Geschäftsführer Gais wird erwogen, andere auf diesem Sektor tätige Firmen ,,hinzuzukaufen". Die Mahr-Geschäftsführung erklärte die mit der Ausgründung verbundenen Ziele wie folgt: Konzentration auf ein eigenständiges Geschäftsfeld und Erschließung neuer, verbesserte Möglichkeiten der Kooperation mit oder Übernahme anderer Firmen, Bessere Wachstumsaussichten.
Gut hundert Beschäftigte waren bisher bei der Produktion Spinnpumpen beschäftigt - etwa 20 % der Mahr-Belegschaft mit einem Umsatz von etwa 30 Mio. jährlich. In der Tat stand bisher der Bereich Spinnpumpen im Rahmen der GmbH am Rande des Interesses und die Neugründung kann auch die Chance enthalten Umsatz und Produktion zu steigern. Dass dies dann aber unbedingt am Standort Göttingen der Fall sein muss, will niemand garantieren. Die Beschäftigten bei Mahr machen auch nicht das erste Mal Erfahrungen mit einer solchen Massnahme: vor einigen Jahren wurde die EDV-Abteilung ausgegliedert, wobei sich die Arbeitszeitregelungen für viele der Betroffenen verschlechtert haben.
Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass die Ausgliederung unter dem betroflenen Belegschaftsteil anfänglich auf Skepsis stieß. Betriebsrat und IG Metall konnten allerdings erreichen, dass die neue Firma ,,Mahr Metering Systems" alle auch für die Mahr GmbH geltenden Vereinbarungen und Tarife übernehmen wird. Weder werden bestehende Arbeitsverträge der ArbeitnehmerInnen geändert, noch müssen sie gekündigt werden. Eine einfache Erklärung jeder/s Beschäftigten, in der neuen Gesellschaft arbeiten zu wollen, ist ausreichend. Dieses Ergebnis hängt sicherlich auch mit dem entschlossenen Auftreten des Betriebsrats und der IG Metall und dem mit über 80 % guten gewerkschaftlichen Organisationsgrad bei Mahr zusammen. (...)

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Neues aus der Arbeitshölle Callcenter

31.10.12 // Mit Imagekampagnen, Filmen und schönfärberischen Anzeigen versucht diese Firma MitarbeiterInnen zu locken. Die Berichte von MitarbeiterInnen sprechen eine andere Sprache.
Nach der Veröffentlichung unseres ersten Artikels im Mai 2012 bekamen wir einige positive Rückmeldungen. Z.B. hiess es: " Der Artikel wurde begeistert aufgenommen. Wir haben den Artikel auf Facebook verlinkt und den Link zur Site www.goest.de möglichst großflächig verbreitet. Mal sehen ob der Standortleiter reagiert. Dieser ist im Übrigen auch bei Facebook zu finden "xxxxxxxxxx". Infos ähnlicher Art auch bei "Chef duzen" unter xxxxxxxxxxxx ."

Nun erreichte die goest-Redaktion am 28.10.12 erneut eine Mail mit einem Mitarbeiterbericht. Darin schildert er seine leidvolle Erfahrung mit dieser Göttinger Firma. Wer dort arbeitet oder gearbeitet hat erkennt die Firma meist anhand der anonymen Berichte wieder, was wir - wie bereits geschrieben - auch als Bestätigung für die Richtigkeit der Berichte ansehen. Wir werden auch zukünftig weitere Berichte veröffentlichen und hoffen, dass die Beschäftigten irgendwann einen Betriebsrat gründen und sich gemeinsam wehren.

Mail vom 28.10.12 an goest-Redaktion Absender xxxxx
die Mail wurde mit einem Handy verfasst, daher einige stilistische Mängel

Guten Tag liebes goest-team,
ich bin ebenfalls Mitarbeiter "gewesen" in diesem Sklavereitreibendem Laden. Ich bin einer derjenigen, die es dort sehr lange ausgehalten haben. Nach 4 Verlängerungen und seriöser Arbeit bin ich gesetzlich in einen Festvertag übergegangen. Wurde aufgrund einer Krankheit schikaniert und gedemütigt. Aufgrund einer Verletzung am Bein wobei ich später noch operiert wurde, hat mir die Geschäftsleitung das Leben nicht leicht gemacht. Ich war derjenige, der gemeinsam mit Ver.di versuchte einen BR zu gründen, leider schlug dies fehl. Nachdem kleine Verräter in dem Laden mich verpfiffen hatten musste ich mich beim Standortleiter xxxxxxx und Projektleiter xxxxxxx rechtfertigen weshalb ich auf sollche Ideen komme, man habe große Angst davor. Bei Teamleitern hieß es das "Böse Wort" ist gefallen. etc. Ab diesem Punkt an wurde ich nicht mehr als Bereicherung in.dem Laden angesehen. (vorher im so genannten sales team fest eingestellt und eine umsatzkanone gewesen mit vielen positiven ideen wie eine sales olympiade unter mitarbeitern etc.) aufgrund meiner schwellung im bein was sich 1 Jahr hingezogen hatte, ich trotzdem arbeiten war. zwar auch zwangsweise hin und wieder Krankgeschrieben war. Nicht.immer wegen dem Bein, wurde mir kurz nach dem Gespräch - Betrug bei der Lohnfortzahlung unterstellt und das Vertrauen in mich als MA nicht mehr gewährleistet. Es kam extra jemand aus HH um dies mir auf üble art und weise mündlich zu erläutern. Ein Hr. xxxxxxx vom Personalmanagment.Der sogenannte Standortleiter war zu so etwas nicht in der Lage. Eine absolute Witzfigur der von nichts Ahnung hat und nur Zahlen und Statistiken im Kopf hat. Das Gespräch begann ohne Guten Tag oder Vorstellung wer man ueberhaupt sei. Hr. ??? so und soviele Kranktage... man müsse über das Beschäftigungsverhältnis nachdenken... sie hängen doch mit ihrem Hausarzt unter eine decke und betrügen uns bei der Lohnfortzahlung. Ich wurde an dem Tag obwohl ich Krankgeschrieben war und kaum laufen konnte dafür hinbeordert. Wobei ich noch ehrlich war und denen von meiner Krankheit berichtete und über jegliche Reha-Maßnahen etc. unterrichtete. Es war einfach nur ein Grund für eine schnelle Kündigung. Man gut dases Anwälte gibt, die einen in sollchen fällen unterstützen. Mir wurde mein Gehalt nicht überwiesen 1 Tag vor der OP. Frau und Kind sitzen daheim und fragen sich wie man so was machen kann. Urlaubstage aus dem letzten Jahr wurden angerechnet etc. und alles weitere, was auf ihrer Seite steht, kann ich nur bestätigen. Versprochene Gelder für extraaufgaben und ueberstunden wurden nicht ausgezahlt. vertuscht und vom auftraggeber in die eigene tasche gesteckt. keine provisionsuebersicht und keine korrekte auszahlung der provision. jeden monat stimmte etwas nicht. schikanierungen etc. gehoeren dort zur tagesordnung. ich.bin froh dort nicht mehr zu arbeiten... es gibt einen haufen den ich noch beitragen.kann. aber derzeit nicht so bequem uber das handy zu.schreiben ich bitte um verstaendnis der rechtschreibung.ich hoffe dass ich durch meinen Text für weitere schlagzeilen sorgen kann. bei weiteren fragen, stehe ich Ihnen gerne zur verfügung. Leider gibt es in diesen unternehmen nur negatives zu berichten. MfG xxxxxx

 

Arbeitshölle "Callcenter"

7.5.12 Callcenter sind krankmachende Arbeitsstätten in denen viele Menschen nervlich zerrütten. Penible technische Überwachung mit darauffolgenden Schikanen, der Zwang auf Pausen zu verzichten, ein Lohn der kaum zum Leben reicht, Arbeitshetze und Nervenstress, Essen an der Tastatur, die Packung Kopfschmerztabletten daneben, das alles macht die Leute kaputt. Wer krank ist, wird sofort unter Druck gesetzt. Wer sich wehren will und z.B. das Wort "Betriebsrat" auch nur laut ausspricht, dem wird, wenn es der Leitung bekannt wird, gekündigt. Callcenter-MalocherInnen schließt euch heimlich zusammen und wehrt Euch!

Der erste Bericht eines Callcenter-Mitarbeiters in der Region Göttingen sprach schon Bände, in einem zweiten Bericht werden die üblen Verhältnisse um weitere Beispiele ergänzt.

Den Namen der Firma nennen wir (vorerst jedenfalls noch) nicht. Wenn jemand die Firma anhand der geschilderten Schweinereien identifizieren kann, dann sehen wir das als eine zusätzliche Bestätigung dafür, dass alles was der Mitarbeiter beschrieben hat, bis ins Detail stimmt. Wenn die Firmenleitung sich selbst wieder erkennt, verraten wir ihnen nichts neues und sie wissen, was wir von ihnen halten. Wenn Mitarbeiter ihre Firma anhand des goest-Artikels wiedererkennen, verstehen wir das als weiteren Beleg für die Richtigkeit der Berichte.

Dritter Bericht 1.6.12 / Mitarbeiter erkennt die Firma an der Beschreibung der Mißstände

"Der Bericht zum Callcenter XXXXXXXXXX ist mehr als richtig. Ich selbst bin derzeit dort noch angestellt aus Not der Finanzlage und Arbeitslosigkeit und derzeit verlassen nach und nach immer mehr erfahrene Kollegen diesen Scheissladen! Richtig so! Ich selbst bin auf neuer Stellensuche, sowie viele andere auch. Der pure Hohn ist weiterhin, die am heutigen Tage (31 Mai) des Herrn YYYYYYY (Standortleiter) gesandte Mail es gäbe zu den Feiertagen nun eine saftige Erhöhung, für die, die gearbeitet haben: 0,50 Euro mehr die Stunde! 50 Cent ! Wahnsinn! Kann ich einmal im Monat mehr zum Bäcker und frische Brötchen kaufen! Geilste hingegen des XXXXX sein profil auf "xing.de", mit der großen klappe, wie toll sein heimkino doch wäre und das er nach der suche des perfekten Klanges ist. Jaaaa. bei der Kohle ist das auch kein Wunder."

Zweiter Bericht über die Zustände in einem Göttinger Callcenter

7.5.12 In einem weiteren Bericht werden die am 1. Mai geschilderten Zustände eines Göttinger Callcenters bestätigt:

"Sehr geehrte Damen und Herren, ich beziehe mich auf Ihren Artikel zum Thema -Arbeitshölle "Callcenter"-. Ich wusste sofort, welches Callcenter gemeint ist, denn ich habe selbst einmal dort gearbeitet. Es ist genau so, wie es geschildert wird, und teilweise noch schlimmer. Man kann sich nicht vorstellen, was man sich dort alles anhören muss, wenn man zwar einem Kunden geholfen hat (und dieser sogar ein schriftliches Lob einreicht, was aber natürlich komplett ignoriert wird - könnte den Mitarbeiter ja in seinem Verhalten bestärken), aber leider die Geforderte Maximale Gesprächsdauer von 4,5 Minuten überzogen hat. In dieser Zeit soll man auf den Kunden eingehen, ihn mit vorgeschriebenen floskeln soundso oft anreden, sein Problem am besten gleich lösen oder ggf. weitergeben, ihm noch etwas verkaufen (hier wird auch gefordert, dass man lügt, z.b. eine SIM-Karte als geschenkt anpreist, die Gebühr und die Versandkosten, die sich auf über 20,- belaufen einfach mal verschweigt...) und natürlich noch den vollständigen, inhaltlich korrekten, sinnvollen und bitte kurz zu haltenden Akteineintrag machen. Und wenn man mal seine Pause, die in großen für alle sichtbaren zahlen auf dem Bildschrim rückwärts läuft für 15 Sek überzieht.... Kaum vorstellbar. Aber leider wissen die Herren, dass sie am längeren Hebel sitzen. Schön war auch der Moment, in dem allen Mitarbeitern der Weihnachts- und Sylvesterurlaub gestrichen wurde, weil ja über die Feiertage extra viele Anrufe erwartet werden (haha). Nur Sonderfälle bei nachweislich vorliegender Hotelbuchung oder ohne Betreuungsmöglichkeit für die Kinder bekamen Urlaub. Und dann schickt der Chef am 15.12 (!) eine Email an alle, dass er jetzt in den "verdienten" Urlaub geht bis kommendes Jahr. Er war am 15.01 dann wieder da. Er wünschte allen schöne Feiertage mit der Familie und informierte uns, dass es ja sicherlich nicht viel zu tun gäbe für die wenigen, die arbeiten müssten. Es wäre ja zu erwarten, dass es über die Feiertage ruhig wird... Wie später bekannt wurde, gab es ein abkommen, dass alle anderen Callcenter, die für die gleiche Firma telefonieren, die Feiertage geschlossen hatten. Nur dieses nicht. Na, wer da wohl einen dicken Bonus bekommen hat. Und sowas wie Feiertags- oder Nachtzulage gibt es nicht, obwohl immer gearbeitet wird, bis 23 Uhr. Einen zusätzlichen Tag Urlaub, wenn man am Feiertag ran musste, wie der Gesetzgeber es vorschreibt? Nein, warum denn? Wenn der Mitarbeiter sich beschwert, kann er gerne zum Amt gehen, denn dann braucht er einen neuen Job. Ich könnte noch viel mehr berichten, und wenn interesse besteht und mit Anonymität garantiert wird, dann kann ich gerne genau benennen, um welches Callcenter es sich handelt. Damit nicht noch mehr Menschen sich dort kaputt arbeiten und dann unter einem Vorwand entfernt werden. Dass sollte sich jeder ersparen. Mit freundlichem Gruß,

Erster Bericht über die Verhältnisse in einem Göttinger Callcenter

Ein Callcenter-Malocher schildert die Arbeitsbedingungen in einem Callcenter der Region Göttingen folgendermaßen:

- - sehr niedriger Arbeitslohn, dieser beträgt 7€/h brutto.
- - schlechtes Arbeitsmaterial (Stühle in schlechtem Zustand, flackernde Bildschirme, etc.)
- - strenge Überwachung (sekundengenaue Messung der Gesprächszeiten, Pausenzeiten, etc.)
- - für eine volle Woche Urlaub (Mo-So) müssen 7 Tage Urlaub genommen werden, der Jahresurlaub beträgt 28 Tage
- - Mitarbeiter werden bei Krankmeldung mündlich sehr deutlich darauf hingewiesen, dass der Krankenstand im Betrieb viel zu hoch sei und das man nicht wegen jeder Kleinigkeit gleich zuhause bleiben müsse
- - Mitarbeiter werden auch per interner Mail darauf hin gewiesen, das der zu hohe Krankenstand bald Konsequenzen nach sich ziehen wird
- - bei Überschreiten der Gesprächszeiten wird der Agent im Beisein aller Kollegen gerügt und dabei oft auch persönlich beleidigt
- - beantragter Urlaub wird meist verspätet bearbeitet, Zusage oder Absage oft 1-2 Tage vor Urlaubsbeginn
- - wenn der Agent die Anforderungen (Verkaufsziel, Pausenzeit, Angebot von neuen Verträgen während des Gesprächs, etc.) nicht erfüllt oder erfüllen kann, wird der Agent genötigt, eine Zielvereinbarung zu unterschreiben, gleichzeitig wird der Agent darauf hingewiesen, dass erneute Verfehlungen oder nicht erreichte Ziele eine Abmahnung zur Folge haben können

Ein anderer Callcenter-Malocher schreibt warum gekündigt wurde:
"Ich habe mit sehr vielen meiner Kollegen gesprochen, über die Lage im Betrieb, Lösungsansätze, Notwendigkeit eines Betriebsrates, usw... Da sich so etwas schnell herumspricht, war die Konsequenz aus meinem Verhalten die Kündigung (...). Alle Mitarbeiter, mit denen ich gesprochen habe, stimmen einer Installation eines Betriebsrates vollkommen zu - aber leider sind die meisten meiner ehemaligen Kollegen auf diesen Job angewiesen (aus vielfältigen Gründen). Daher befürchten die Mitarbeiter, ebenfalls eine Kündigung zu bekommen, falls sie mit "Gewerkschaftsgeschichten" in Verbindung gebracht werden.
Teamleiter werden gezielt dazu angehalten, auf "böse Worte" wie Betriebsrat oder Gewerkschaft zu achten und diese Mitarbeiter zu melden. Es erfolgt eine Einschüchterung der Mitarbeiter in Bezug auf Betriebsratsbildung mit gezielten Informationen über CallCenter-Schließungen, falls ein Betriebsrat gegründet wird."

"Callcenter-MalocherInnen schließt euch heimlich zusammen und wehrt Euch öffentlich!"

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Schmorl&vonSeefeldt macht am 21. Juli 2004 dicht

16.7.04 / Die Hannoveraner Buchhandlung Schmorl & von Seefeldt macht ihre Filiale im Carré zum 21. Juli dicht. Außer dem direkten Verkauf lief sowieso alles über Hannover: Die Geschäftsführung Martin Schmorl und Marlies Unruh, die erweiterte Geschäftsleitung Zentrale/Hannover Friedhelm Mörke, die Betreuung des Internetangebotes, die buchalterische Bearbeitung der Lieferantenrechnungen, die Ansprechpartner für Lieferanten, die CD-Abteilung, Einkauf/Disposition, die Personalabteilung und Ausbildung Helma Kian und Anke Hanke, Werbemaßnahmen, PR und Veranstaltungsmanagement - alles lief von Hannover aus.

Im November 1999 eröffnete die Filiale auf ca. 1400 qm Verkaufsfläche über zwei Etagen. Spätere Trotz  Maßnahmen wie Flächenverkleinerung und Sortimentsveränderungen sowie regelmäßige Veranstaltungen in der Buchhandlung war die Weiterführung der Filiale nicht mehr profitabel für Herrn Schmorl.  Die Schließung kommt jetzt etwas plötzlich für die Beschäftigten aber auf das Verlangen nach einem Sozialplan antwortet die Geschäftsleitung, man solle doch froh sein, dass man wenigstens in der Vergangenheit Arbeitsplätze gehabt habe.

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Dunkle Wolken über Mahr (ehemals Feinprüf)
Artikel aus dem Göttiner Betriebsexpress Nr. 169, vom 24. April 2002

Bilanz 2001 ist verregnet Die Kolleginnen sollen es ausbaden. TOP 100?
Wenn man in den letzten Jahren über Mahr (ehemals Feinprüf) gelesen hat, dann hatte man den Eindruck, dort ist wirklich alles in bester Ordnung. Ende März wurde im GT feierlich verkündet, dass sich Mahr einen Platz in der Bestenliste der ,,bp 100" der deutschen Mittelstandsunternehmen erobert hat. Und laut GT-Kommentar am 28. März könnte alles noch viel besser sein, ,,wenn man die Unternehmer und ihre Mitarbeiter doch nur machen ließe". Dass das aber nicht immer der cleverste Weg ist, zeigt die aktuelle Situation beim angeblichen Top-100-Betrieb Mahr.
Management spielt ,Global Player'...
Bereits zwei Wochen vorher hatte das Unternehmen erste Zahlen für das Geschäftsjahr 2001 veröffentlicht - und die sahen nun wirklich nicht rosig aus. Zwar konnte Mahr beim europäischen Umsatz knapp 10% zulegen, aber das Geschäft in den USA ist um 17% zurückgegangen. Letztlich fehlten am Umsatzziel von 180 Mio. € satte 24 Mio. €. Da bleibt dann für einen Jahresgewinn nichts mehr übrig - trotz der üblichen Hin-und Herschiebereien wird wohl für 2001 ein Verlust in der Bilanz stehen. Dass es ausgerechnet in den USA diesen gewaltigen Einbruch gegeben hat, ist ein Schlag ins Kontor für die Mahr-Manager Keidel und Gais. Im Jahr 1999 hatte man eine amerikanische Messtechnikfirma gekauft, um auf dem amerikanischen Markt besser präsent zu sein. Mit der 1918 gegründete ,Federal Products Co.' wurde die Mahr-Gruppe um einen Schlag um fast 40% größer. Die Parole ,,Umsatz verdoppeln" wurde überall bei Mahr plakatiert. Zum Glück in Englisch, um die neue Internationalität zu demonstrieren, so dass das niemand so recht verstanden hat.
Die Baden-Württembergische BWBank hat die Übernahme im Geschäftsbericht 1999 denn auch als das herausragende Geschäft ihrer amerikanischen Tochter BW Capital Markets bezeichnet. Wenn eine Bank ein Geschätt als so bedeutend einstuft, dann darf man davon ausgehen, dass die Bank daran gut verdient hat - der Kauf dürfte also nicht ganz billig gewesen und auch nicht aus eigener Tasche finanziert worden sein.
und hat sich verhoben
Die rechte Freude an der Mahr Federal sollte aber nicht aufkommen. An der US-Tochter wurde herumsaniert bis zum Quietschen. Da wurde die Produktion einiger Teile nach Tschechien verlegt - was wie bei jeder Verlagerung erstmal zu Anfangsproblemen und Qualitätsschwierigkeiten führte. Als sich dann abzeichnete, dass in den USA wenig zu tun ist, wurde die Produktion wieder zurückverlegt - gerade als die Probleme in Tschechien halbwegs beseitigt waren. In nur zwei Jahren ist die Anzahl der Beschäftigten in Providencel USA von 430 auf 220 zurückgegangen. Schon Ende letzten Jahres hatten viele Kolleginnen das Gefühl, dass da ein ganz dicker Hund begraben liegen muss. Es war den KollegInnen ja nicht verborgen geblieben, dass die Umsatzziele Monat für Monat verfehlt wurden, ohne dass sich in Göttingen was Wesentliches getan hat. ,,Da muss woanders eine viel größere Baustelle sein", war die Meinung. Offensichtlich hat sich Mahr mit dem Kauf der Federal Products verhoben. Jetzt sind da Kapitalkosten zu tragen, denen auf der anderen Seite kein entsprechender Umsatz gegenüber steht. In solch einer Situation muss dann das Geld, das die KollegInnen erwirtschaftet haben, vollständig für Zinsen zur Bank getragen werden und in der Bilanz stehen rote Zahlen.
Guter Rat ist teuer....
Inzwischen hat man die ,Unternehmer' lange genug ohne Erfolg ,machen lassen' - es mussten drastische Maßnahmen her. Was für Maßnahmen wusste man nicht - in solch einer Situation schlägt immer die Stunde der Unternehmensberater. Die Beraterfirma Mercer hat sich also an die Arbeit gemacht und die Mahr-Gruppe durchleuchtet. Über das Ergebnis wurden die Kolleginnen in den letzten Tagen von der Geschäftsleitung informiert. 8% weniger Umsatz als geplant ist im Jahr 2002 zu erwarten. Ein Teil der geplanten Maßnahmen klingt nach dem üblichen Standard: Lager reduzieren, Kosten senken, sparen, sparen, sparen Die Geschäftsleitung hat allerdings auch einen konkreten Vorschlag zur Reduktion der Produktionskäpazität vorgelegt:

- Überstunden- und Gleitzeitabbau
- Kündigung von Zeitverträgen - das betrifft bis Jahresende ca. 20 Kollöglnnen
- Reduzierung der Arbeitszeit in der Messtechnik um 5 bis 6 Stunden pro Woche.
- Laut Geschäftsleitung ist das die Alternative zur Entlassung von ca. 80 Kolleginnen.

Auch wenn es gut ist, dass bei Mahr nicht als erstes an Entlassungen gedacht wird, ist das für die Kolleginnen ein harter Schlag: 15% bis 17% weniger in der Lohntüte! Und völlig ausgereift scheint der neue Geschäftsplan auch nicht zu sein. Die Messtechnik hat 2001 einen Umsatz von knapp 70 Mio. € gemacht, für 2002 gehen die neuen Planungen von 71 Mio. € aus. Wie soll das zu schaffen sein, wenn die Arbeitszeit in diesem Bereich um 15-17% reduziert wird? Ist da nicht der nächste Misserfolg vorprogrammiert?  Die Mahr-Manager Keidel und Gais scheinen ja eher relativ kurzfristig zu denken. Im Jahr 1999 sind sie aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten, mit derBegründung, dass die IG Metall die 32h-Woche im Tarifvertrag durchsetzen will. Jetzt soll es gleich eine 29h-Woche sein.

Alles nur Tarif-Zirkus?
Bei vielen KollegInnen besteht auch der Verdacht, dass die dramatischen Worte der Geschäftsleitung von ,,Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit" nur das übliche Getrommel sind, das den Tarifverhandlungen vorausgeht. Dafür spricht auch der Tenor des GT-Kommentars vom 14. März zum Umsatzeinbruch bei Mahr. Laut GT sind die hohen Forderungen der IG Metall und die Steuern und Lohnnebenkosten an allem Schuld.
Die Kolleginnen bei Mahr haben jetzt ihren Managern erst mal gezeigt, dass sie mit einer solch drastischen Kürzung ihres Einkommens  nicht einverstanden sind. Zur Verhandlungsrunde  über den Haustarifvertrag am 19.4. sind über 400 Kolleginnen   vor die Tür gegangen und haben damit gezeigt, dass sie nicht bereit sind, die Zeche für Management-Fehler zu bezahlen. Mitte der 90ger Jahre hatten sie sich von der Firma ins Bockshorn jagen lassen und hatten sich einverstanden erklärt, ohne Bezahlung mehr zu arbeiten. Zu solchen Sonderopfern sind die Kolleginnen diesmal offensichtlich nicht bereit. Eine besondere Note erhielt der Warnstreik noch dadurch, dass Herr Gais für Mahr verkündet hat, eine Lohnerhöhung von 2,5% sei das Äußerste - das ist zwar völlig unannehmbar, aber immerhin 0;5% mehr als der Metallarbeitgeberverband herausrücken will. Mit einer so entschlossenen Belegschaft im Rücken sollte es für den Betriebsrat und die IG Metall jedenfalls möglich sein, in den Tarifverhandlungen und bei den Verhandlungen um die Beschäftigungssicherung eine Lösung zu erarbeiten, die für die KollegInnen annehmbar ist.

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Mahr (Ex Feinprüf) teilt den Betrieb auf
12.10.01 / Aus Betriebsexpress Nr. 167 Mittwoch den 10. Oktober 2001

"Was wird aus dem ,,Stiefkind?
(..) Der Bereich Spinnpumpen wird aus der GmbH ausgegliedert und ab sofort unter dem Namen ,,Mahr Metering Systems" (Mahr Dosier-Systeme) als eigenständige Firma weitergeführt werden. (..)  Mahr exportierte dieses Produkt bisher in alle Welt und galt als Marktführer.
Betriebsänderungen und Ausgründungen dieser Art sind in.den vergangenen Jahren von vielen Unternehmen verstärkt betrieben worden. Oft verfolgten sie das Ziel, wenig profitable Betriebsteile auszuschlachten oder zu verkaufen, verbunden mit der Absicht die betriebliche Interessenvertretung zu schwächen. Solche Erwägungen scheinen, zumindest gegenwärtig, bei Mahr keine Rolle zu spielen. Nach den Worten von Geschäftsführer Gais wird erwogen, andere auf diesem Sektor tätige Firmen ,,hinzuzukaufen". Die Mahr-Geschäftsführung erklärte die mit der Ausgründung verbundenen Ziele wie folgt: Konzentration auf ein eigenständiges Geschäftsfeld und Erschließung neuer, verbesserte Möglichkeiten der Kooperation mit oder Übernahme anderer Firmen, Bessere Wachstumsaussichten.
Gut hundert Beschäftigte waren bisher bei der Produktion Spinnpumpen beschäftigt - etwa 20 % der Mahr-Belegschaft mit einem Umsatz von etwa 30 Mio. jährlich. In der Tat stand bisher der Bereich Spinnpumpen im Rahmen der GmbH am Rande des Interesses und die Neugründung kann auch die Chance enthalten Umsatz und Produktion zu steigern. Dass dies dann aber unbedingt am Standort Göttingen der Fall sein muss, will niemand garantieren. Die Beschäftigten bei Mahr machen auch nicht das erste Mal Erfahrungen mit einer solchen Massnahme: vor einigen Jahren wurde die EDV-Abteilung ausgegliedert, wobei sich die Arbeitszeitregelungen für viele der Betroffenen verschlechtert haben.
Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass die Ausgliederung unter dem betroflenen Belegschaftsteil anfänglich auf Skepsis stieß. Betriebsrat und IG Metall konnten allerdings erreichen, dass die neue Firma ,,Mahr Metering Systems" alle auch für die Mahr GmbH geltenden Vereinbarungen und Tarife übernehmen wird. Weder werden bestehende Arbeitsverträge der ArbeitnehmerInnen geändert, noch müssen sie gekündigt werden. Eine einfache Erklärung jeder/s Beschäftigten, in der neuen Gesellschaft arbeiten zu wollen, ist ausreichend. Dieses Ergebnis hängt sicherlich auch mit dem entschlossenen Auftreten des Betriebsrats und der IG Metall und dem mit über 80 % guten gewerkschaftlichen Organisationsgrad bei Mahr zusammen. (...)

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Lanco falsch beraten
12.10.01 / Aus Betriebsexpress Nr. 167 Mittwoch den 10. Oktober 2001

Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern, dass es bei der Firma Lanco, Lange Fenster & Fassadenbau, zur Zeit nicht zum Besten bestellt ist. Der Göttinger Familienbetrieb ist im Weender Industriegebiet ansässig und ist eigentlich für soliden Fenster-und Fassadenbau in der Branche bekannt. Bis vor kurzem haben die beiden Brüder Jürgen und Werner Lange diesen Betrieb gemeinsam geführt. Allerdings ist der Minderheitsgesellschafter Werner Lange inzwischen aus dem Betrieb ausgestiegen.
Das Jahr 2000 scheint ein Albtraum für Lanco gewesen zu sein. Am Ende des Millenniumjahres hatte sich ein Millionenverlust angehäuft. Ursache ist zum einen die schlappe Konjunktur in der Baubranche, zum anderen wird immer wieder eine gigantische Fehlkalkulation als Ursache genannt. Beim Bau der Landesversicherungsanstalt Oberschwaben in Augsburg hat sich die Lanco-Geschäftsführung gründlich verrechnet, so dass man am Jahresende sagen konnte: außer Spesen nichts gewesen.
Jetzt kam die Stunde der guten Freunde: die Göttinger Sparkasse als Hausbank machte gewaltig Druck und gab einen Rat unter Freunden: sofort sei ein Unternehmensberater mit der Analyse der Firma zu beauftragen. Dass die Göttinger Sparkasse sich da nicht auf den eigenen Sachverstand verlässt, kann man noch nachvollziehen: in der Briese-Affäre haben die Sparkassen-Manager immerhin genug Geld in den Sand gesetzt. Warum sie allerdings Lanco jetzt den Schleswig-HoIsteiner Unternehmensberater Zemic aufs Auge gedrückt haben, verwundert doch. Dessen Rat hatte nämlich schon bei der Fa Adams nur zu Entlassungen geführt, ohne dass die Fast-Pleite abgewendet worden wäre. Solch ein Berater nimmt pro Tag so viel Geld, wie ein einfacher Arbeiter im Monat zur Verfügung hat, und die Qualität der Ratschläge gehen oft nicht über das hinaus, was man sich mit gesundem Menschenverstand überlegen kann - wenn sie das Niveau überhaupt erreichen.

Schwachstelle Unternehmensberater...
Im Fall von Lanco hat der Unternehmensberater jedenfalls eine sogenannte Schwachstellen-Analyse durchgeführt, die zu dem Ergebnis führte, dass die Firma Lanco ihre Blechverarbeitung schließen und an externe Firmen vergeben soll. Wieso bei einer Firma, die hauptsächlich Blechfassaden montiert, die Blechverarbeitung überflüssig ist - das wird das Geheimnis des Unternehmensberaters bleiben. Von den 137 Kolleginnen bei Lanco sollen 27 entlassen werden. Einige von diesen kolleginnen gehen jetzt sowieso in Rente und einige haben befristete Arbeitsverträge, die nicht verlängert werden. Aber es bleiben 21 Menschen, denen gekündigt worden ist. Die Zahl von 27 betroffenen kolleginnen ist keineswegs willkürlich gewählt und sie ist auch nicht durch geheimnisvolle betriebswirtschaftliche Berechnungen zustande gekommen. Es ist ganz einfach: ab 20% betroffener Kolleginnen, also ab 28 Menschen, hätte nach dem Betriebsverfassungsgesetz zwingend ein Sozialplan aufgestellt werden müssen, der die sozialen Härten für die Rausgeschmissenen wenigstens ein wenig mildert (Eine Verschärfung gegenüber den vorher geltenden 10%, die wir der Kohl-Regierung verdanken und die Schröder und Riester nicht wieder rückgängig gemacht haben).

...und auch der Betriebsrat
Die Firmenleitung hat zwar immer wieder Lippenbekenntnisse von sich gegeben, dass sie Hand in Hand mit Betriebsrat und Gewerkschaft das Schlimmste verhindern wolle - tatsächlich aber hat sie versucht, hinter dem Rücken der IG Metall einen Sozialplan auszuhebein. Ein weiteres Hindernis, bevor solche Massenentlassungen möglich sind, ist der Interessenausgleich mit dem Betriebsrat. Der muss einen solchen Interessenaus-gleich unterschreiben und tut dies natürlich nur, wenn ein ver-nünftiger Sozialplan abgeschlossen wordern ist. In diesem Fall wurden die Kolleginnen bei Lanco allerdings enttäuscht: ihr gewählter Betriebsrat ließ sich weichkiöpfen und unterschrieb einen Interessenausgleich ohne jegliche soziale Absicherung. Der Prokurist und Personalleiter Schmidt-Unverfehrt hatte die IG Metall erfolgreich ausgetrickst, auf der Strecke blieben die Interessen der KollegInnen, die angeblich überflüssig sind. Nicht einmal die mindesten Rechte der Beschäftigten hat der Betriebsrat letztlich gewahrt. Noch Wochen nach dem Deal mit der Geschäftsführung, als die ersten kündigungen längst auf dem Tisch lagen, hatte es keine Betriebsversammlung gegeben, um den Kolleginnen die bittere Wahrheit zu unterbreiten.

Zum Glück haben die Gekündigten Rückgrat gezeigt und haben mit Hilfe der Gewerkschaft auf Wiedereinstellung geklagt. Das hat immerhin einen solchen Druck entfaltet, dass die Geschäftsführung sich auf Verhandlungen über einen ,freiwilligen Sozialplan eingelassen hat. Letztlich konnte erreicht werden, dass je nach Betriebszugehörigkeit, Anzahl Kinder, Alter, Behinderung etc. ein Punktesystem aufgestellt wird, nachdem die Entlassenen eine Entschädigung bekommen. Immerhin werden so über 400.000 DM auf diejenigen verteilt, die die Firma verlassen müssen.

Bleibt die Frage, ob der Betriebsrat mit ein wenig mehr Rückgrat mehr für die Beschäftigten hätte herausholen können. Vielleicht wäre die komplette Schließung der Blechabteilung sogar zu verhindern gewesen, denn sie war eine sogenannte ,,Kernkompetenz" wie die Manager sagen. Eine eigene Blechabteilung garantiert der Firma jedenfalls eine pünktliche Bearbeitung der Aufträge ohne sich bei einer externen Firma ,,hinten anstellen" zu müssen. Und Pünktlichkeit und akkurate Bearbeitung sind am Bau wichtige Kriterien für einen Auftrag. In dieser Beziehung müssen sich die KollegInnen bei Lanco nicht verstecken: vor kurzem hat die Firma für die besonders pünktliche Bearbeitung eines Auftrages eine Sonderprämie eingesteckt.

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Harald Mack Krankengymnastik
Inhaber kündigt 5 Beschäftigten zu Weihnachten / 25.12.10

Ver.di vermutet Schikanen wegen Betriebsratswahl
Ver.di Süd-Ost-Niedersachen bzw. der verantwortliche Gewerkschaftssekretär Gunter Grimm informierte kurz vor Weihnachten darüber, dass Harald Mack der Inhaber der Krankengymnastik-Praxis in Grone 5 seiner bisherigen Angestellten eine Kündigung ausgesprochen hat in Verbindung mit sofortiger "Freistellung" und einem Hausverbot.
In dem Bericht von ver.di werden diese Kündigungen als Reaktion des Arbeitgebers auf die Gründung eines Betriebsrates gesehen. Zur Erläuterung der Situation und der Vorgeschichte heißt es:
"Das Team arbeitete immer auf Hochtouren für die Patienten, die Praxis und damit natürlich für seinen Arbeitgeber H. Mack. Dennoch erhöhte sich der Druck ständig: Angeblich zu niedrige Umsätze und angeblich zu hohe Löhne seien verantwortlich für eine schlechte wirtschaftliche Lage." Danach im Mai 2010 gründeten die Angestellten einen Betriebsrat. In der Folgezeit wurde die Situation jedoch noch skuriller. Es wurden , so der Bericht "neue, zum Teil gesetzeswidrige Arbeits-anweisungen erlassen, Fortbildungszuschüsse gestrichen, Urlaubsverbote und Abmahnungen ausgesprochen. Dies wirkt auf die Angestellten wie Sanktionen wegen der Betriebsratsgründung. Nur auf Intervention des Betriebsrats und der Gewerkschaft ver.di wurden diese "Arbeitsanweisungen" und Abmahnungen zum Teil zurückgenommen. Eine gute Zusammenarbeit seitens des Arbeitgebers mit dem Betriebsrat gibt es jedoch bis heute nicht. Mit den Kündigungen ist nun bei den Mitarbeitern der Eindruck entstanden, dass hier eine Betriebsratswahl abgestraft wird. Alle Gekündigten waren an der Organisation dieser Wahl beteiligt."

Inhaber sucht z.Zt. dringend neue Kräfte
Die Krankengymnastik-Praxis Harald Mack befindet sich in Grone im Greitweg 8a und die dort Beschäftigten bieten Massage, Fango, Bobath-Therapie, Manualtherapie, Lymphdrainage, Fußreflexzonenmassage, Hausbesuche und Rückenschule an.

Offensichtlich handelt es sich im beschriebenen Fall um eine fristgerechte Kündigung, die allerdings kaum als sogenannte betriebsbedingte Kündigung erfolgt sein kann. Dies wäre nur möglich, wenn z.B. nicht genügend Aufträge vorlägen oder andere betriebliche Gründe einen Personalabbau begründen. Gleichzeitig sind im Internet jedoch Anzeigen zu finden bei denen es heisst:

"Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir per sofort eine/n Physiotherapeuten/in. Es handelt sich um eine vorläufig auf 12 Monate befristete Vollzeitbeschäftigung mit Option auf Übernahme. ......" Die Anzeige wurde am 2.12.10 veröffentlicht. Die Einstellung soll für die Zeit vom 23.12.10 bis 22.12.11 erfolgen Quelle1

" 21.12.2010, Stellenbeschreibung: Harald Mack Krankengymnastik / Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir per sofort eine/n Physiotherapeuten/in. Es handelt sich um eine vorläufig auf 12 Monate befristete Vollzeitbeschäftigung mit Option auf Übernahme. ....."
Quelle 2

Im Internet findet man ein Foto des Teams (mit unbekanntem Datum) unter der Internetadresse: http://www.gelbe-seiten-svd.de/Anzeigen/bga_grafiken/80i10386.jpg das 9 Personen also wahrscheinlich den Inhaber mit 8 Beschäftigten zeigt. (Ab 5 kann ein Betriebsrat gebildet werden). Der Inhaber Harald Mack saß also nach der Kündigung mit nur noch 3 Leuten in seinem Betrieb und versuchte über die Weihnachtsferien neue Kräfte zu finden. Wer neue Arbeitskräfte sucht, kann schlecht behaupten, unter Arbeitsmangel zu leiden. Eine betriebsbedingte Kündigung in Folge schlechter Auftragslage oder Rationalisierung scheidet also mit hoher Wahrscheinlichkeit aus. Bleibt also die personenbedingte Kündigung, die noch etwas schwieriger durchzusetzen ist.

Betriebsrat muß gehört werden sonst ist die Kündigung unwirksam
Interessant wäre auch, was der Betriebsrat zur Kündigung gesagt hat - falls er überhaupt gehört wurde. Wenn der BR der Kündigung widerspricht wäre dies für einen Arbeitsgerichtsprozess durchaus von Bedeutung. Es ist aber schwer vorstellbar, wie der Geschäftsinhaber eine personenbezogen Kündigung gegen gleich 5 KollegInnen durchsetzen will. Wahrscheinlich hat er keine oder sehr wenige Kenntnisse vom Betriebsverfassungsgesetz und kennt nicht "§ 102 Mitbestimmung bei Kündigungen(1) Der Betriebsrat ist vor jeder Kündigung zu hören. Der Arbeitgeber hat ihm die Gründe für die Kündigung mitzuteilen. Eine ohne Anhörung des Betriebsrats ausgesprochene Kündigung ist unwirksam."

KOMMENTAR
Konflikte in Kleinbetrieben sind schwer handhabbar, wenn sie sich auf den formalen Weg begeben. Arbeitsgerichtsentscheidungen werden zwar wahrscheinlich für die Gekündigten entscheiden, aber wie soll ein Team funktionieren, wenn die Kontrahenten auf engstem Raum einer Praxis dauernd miteinander kooperieren sollen und sich nicht verstehen? Dennoch wird der Inhaber erkennen müssen, dass es ihn mehr Geld und Nerven kosten wird, wenn er die Kündigungen durchsetzen will - er wird wahrscheinlich verlieren und damit seinem Geschäft schaden.
Dem guten Mann kann nur geraten werden, sich so schnell wie möglich mit den entlassenen Kräften und dem gewählten Betriebsrat zusammenzusetzen um verbindliche Regelungen über die Betriebsabläufe zu vereinbaren um möglichst bald den geregelten Geschäftsbetrieb wieder aufnehmen zu können. Eine Entschuldigung für die Kurzschlußreaktion der Kündigung könnte da ein guter Einstieg sein. Begreifen wir es einmal als Einübung in den nach BetrVG gesetzlich geregelten Zustand. Den Flurschaden, der mit dieser gewerkschafts- und betriebsratsfeindlichen Handlung angerichtet wurde, könnte sich spürbar negativ im Stadtteil Grone auswirken. Da nützt auch keine Sponsortätigkeit des Arbeitgebers beim Sportverein Sparta.

14.1.11 / Die Internetseite http://www.physio-haraldmack.de/ ist inzwischen nicht mehr erreichbar und laut Aussage des Geschäftsinhabers "geschlossen".

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Bäckerei Ruch: rechtswidrige Lohnkürzung bei Krankheit
Der GeRUCH der Unternehmenswillkür

2.4.07 / Am Samstag gab es eine Flugblattaktion mit Transparent vor der Bäckereifiliale von Ruch und Gerhardy in der Groner Straße. Die Feinbäckerei Ruch & Gerhardy GmbH hat ihren Hauptgeschäftssitz in Rosdorf Am Flüthedamm 2 . Allein im Stadtgebiet von Göttingen gehören ihr 27 Filialen und außerhalb Göttingens besitzt sie noch weitere 29 Filialen in Hann. Münden, Dransfeld, Duderstadt, Dassel, Einbeck, Duderstadt, Northeim, Vellmar, Veckerhagen, Fuldabrück, Grebenstein, Reinhardshagen, Sandershausen, Adelebsen, Hofgeismar, Fuldatal, Gimte und Kassel. 2006 war in der Bäckereifachzeitschrift von insgesamt 270 Beschäftigten die Rede.

Foto: vom 2.4.07 / Eine der 51 Filialen der Ruch&Gerhardy GmbH in der Groner Straße Nr. 25 und Bistro Nr. 26.. 1969 erfolgte hier die Übernahme der Bäckerei Fischer "ein Meilenstein in der Geschichte der Bäckerei Ruch" heisst es in der Firmenchronik.

Klar, dass diese Bäckerei mit derart vielen Filialen auch kommunalpolitischen Einfluss in Göttingen hat. Dies sollte aber nicht ermöglichen, quasi-feudalistische Arbeitsverhältnisse gegen geltendes Arbeitsrecht einzuführen. Nachdem bekannt geworden war, dass in diesem Betrieb Beschäftigten wegen Krankheit der Lohn um 30 % gekürzt worden war wurde einer der beiden Geschäftsführer Thorsten Ruch in der örtlichen Presse damit zitiert dass er durchaus wisse, er habe gegen geltendes Arbeitsrecht verstossen aber es habe ihm gereicht. Das Schlimme ist, dass sich die Betroffenen nicht einmal trauen, arbeitsrechtlich dagegen vorzugehen aus Angst um ihren Arbeitsplatz

"Was sagt eigentlich der Betriebsrat dazu?" haben wir uns gefragt. ( Nachtrag am 4.4.07 Die Frage, was der Betriebsrat dazu sagt war etwas blauäugig, denn wie zu erfahren war gibt es in dieser Firma keinen Betriebsrat für die 270 Beschäftigten - da wirds aber mal Zeit! ) Die zuständige Gewerkschaft ist übrigens die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mit Sitz in Braunschweig und hatte den Fall in die Medien gebracht.

Der Geschäftsführer Ruch mag vielleicht beurteilen können, ob ein Brötchen richtig gebacken ist, aber ihm kann letztlich nicht überlassen bleiben zu beurteilen, ob eine Arbeitsunfähigkeit wegen Krankheit vorliegt - dies ist Aufgabe eines Arztes. Die Entscheidung, Lohnkürzung wegen Krankheit vorzunehmen stellt einen gravierenden Vorgang dar, gegen den sich die Protestkundgebung am Samstag gerichtet hat. Ohne direkt von einem Einkauf bei Ruch abzuraten forderten die ca. 25 Protestierenden die Kunden auf, zu überlegen, ob ein solches Gebaren zu tolerieren sei.

Filialen von Ruch in Göttingen:

Kurze Geismarstraße 37
David-Hilbert-Straße 2
Nikolausberger Weg 34
Friedrich-Ebert-Straße 27
Theaterstraße 6
Geismarlandstraße 65
Göttinger Straße 76
Am Wolfshof 1
Am Gladeberg 32
Steinflurweg 3
Allerstraße 31
Hauptstraße 54
Nikolausberger Weg 43

Königsallee 68
Feldtorweg 1
Bahnhof
Rosdorfer Weg 23
Groner Straße 25/26
Am Steinsgraben 19
Hauptstraße 23
Am Eikborn 26
Kurze Geismarstraße 3-5
Am Markt 4
Reinhäuser Landstraße 163
Nonnenstieg 2
Theaterstraße 17a

(Wir schlagen vor: 30 % des Unternehmensgewinns eines Monats werden an die Belegschaft ausgezahlt, wenn Herr Ruch mal krank ist - Gleichbehandlungsgrundsatz)

Tarifvereinbarungen im Bäckereigewerbe 2012

Ab August gibt es für die Beschäftigten in Bäckereien ein kräftiges Lohn-Plus. Das hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Süd-Ost-Niedersachsen mitgeteilt. "Ein Geselle mit Berufserfahrung hat dann am Monatsende rund 110 Euro brutto mehr in der Lohntüte. Die Verkäuferin, die schon seit Jahren hinter der Ladentheke steht, geht mit rund 92 Euro mehr nach Hause. Für beide ist dies ein Plus von 5,9 Prozent", sagt Katja Derer, die Gewerkschaftssekretärin der NGG-Region Süd-Ost-Niedersachsen. Einen weiteren Lohnzuschlag gebe es im Sommer des nächsten Jahres. Dann steige der Lohn für Beschäftigte, die schon länger in Bäckereien arbeiten, in einer zweiten Stufe nochmals um 4 Prozent. "Bäcker und Verkäuferinnen im Kreis Göttingen haben allerdings auch einen enormen Nachholbedarf". Im Bäckereihandwerk Niedersachsen/Bremen seien acht Jahre lang ‚Tarif-Windbeutel' gebacken worden. Vom Verhandlungserfolg der NGG profitierten auch die Mini-Jobber in Bäckereien. "Wer Teilzeit arbeitet, bekommt den vollen Tarif-Stundenlohn. Gerade viele Frauen, die im Laden oder in Filialen das Brot verkaufen, schneiden dadurch wesentlich besser ab". Selbst eine junge Fachverkäuferin im Kreis Göttingen müsse künftig mindestens 9,16 Euro pro Stunde verdienen.

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Aus Göttinger Betriebsexpress Nr. 167, 10.10.01 
"Callcenteroffensive"/TelefonarbeiterInnen
"Nachfolgend dokumentieren wir ein Flugblatt der Initiative ,,Call Center Offensive", das sich mit den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in Call Center am Beispiel der EMNID-Telefonstudios auseinandersetzt. Auch in Göttngen betreibt EMNID ein solches Studio. Gleichzeitig ist dies nur eines von mehreren CaIl Centern, die hier in Göttingen in jüngster Vergangenheit eingerichtet wurden. Jede dieser Neueröffnungen wurde gefeiert wegen der Schaffung neuer Arbeitsplätze. Doch hinter den Kulissen sieht es für die Beschäftigten meist alles andere als rosig aus.
Bei EMNID arbeiten heißt: schwankender Lohn, ständige Überwachung durch Reinhören (auch. ,,Qualitätskontrolle" genannt), den Einleitungstext mindestens 1000 mal pro Schicht runterleiern, sich den Mund fusselig reden, sich über harte oder weiche Geburtstagsschlüssel ärgern und die Worte ,,vollkommen zufrieden, sehr zufrieden, zufrieden, weniger zufrieden oder unzufrieden" aus dem privaten Wortschatz zu streichen, auf Arbeit wird man sie noch oft genug sagen. Bei EMNID arbeiten heißt weiter: sich genau überlegen, ob man die Pause jetzt wirklich machen will, weil's nicht bezahlt wird, viel zu lange Fragebögen, Abbrüche im Interview, die einem natürlich auch nicht bezahlt werden, bzw.die Zielperson vollschleimen, damit sie das Interview auch zuende macht. (,,,). 
EMNID hat Telefonstudios in Bielefeld, Berlin, Göttingen, Köln und München. Bei EMNID arbeiten wir formal als Selbständige - "freie Telefoninterviewer" nennen sie das - ohne jede Rechtssicherheit. Konkret: wir bekommen keinen bezahlten Urlaub, schon gar kein Krankengeld und wir genießen nicht den geringsten Kündigungsschutz. Dabei arbeiten wir eigentlich genau wie Arbeitnehmerinnen: weisungsgebunden, immer für den gleichen Auftraggeber und und und, aber angeblich sind wir freie Mitarbeiterinnen. Gut für EMNID: so müssen sie nämlich keine Sozialabgaben für uns zahlen und die anderen oben genannten Dinge sparen sie auch. Das muss nicht so bleiben.

Zum Beispiel bezahlter Urlaub...
Der steht laut Bundesurlaubsgesetz allen ,,arbeitnehmerähnlich" Beschäftigten - also auch freien Mitarbeiterinnen - zu: ab 6 Monaten Beschäftigung die gesetzlich fixierten 24 Urlaubstage, sonst anteilig zur Beschäftigungszeit entsprechend weniger. Auch wenn man in jedem normalen Arbeitsvertrag mehr als dieses absolute Minimum vorfindet, sollte man sich diesen Urlaub trotzdem nicht entgehen lassen - entspricht schließlich einer Lohnerhöhung von fast 10%. Im Bielefelder EMNID-Studio haben einige Agents daraufhin bezahlten Urlaub gefordert, drei von ihnen per Klage vor dem Arbeitsgericht. Da EMNID solche Klagen scheut wie der Teufel das Weihwasser (könnte ja sein, dass ein Gericht einen Präzedenzfall schafft und EMNID fortan allen Mitarbeiterinnen Urlaubsgeld zahlen muss...), strebt die Geschäftsleitung nun eine außergerichtliche Einigung an und bietet den renitenten Agents 24 bezahlte Urlaubstage im Jahr -nur dass EMNID offenbar noch etwas wirre Vorstellungen von den Modalitäten des Anspruchsnachweises seitens der Agents hat. Darüber wird weiter verhandelt. Auf der anderen Seite verteilt EMNID in Bielefeld seither neue Rahmenverträge an die InterviewerInnen, in denen diese sinngemäß erklären sollen, auf sämtliche etwaigen gesetzlichen Ansprüche freiwillig zu verzichten. Ob so ein Vorgehen vor Gericht Bestand hat, ist noch nicht geklärt. Tatsache ist, dass die Unterschrift unter einen solchen ,,Vertrag" den juristischen Aufwand, die redlich verdienten Urlaubsansprüche geltend zu machen, doch erheblich erhöht. Wer sich aber für das volle Sozialleistungspaket interessiert, sollte mal überlegen, ob sich nicht eine Klage vor dem Arbeitsgericht auf Feststellung des Arbeitnehmerstatus lohnt. Auch hier gibt es bereits den Versuch seitens eines - noch - ,,freien Telefoninterviewers" aus Bielefeld. Der Prozess beginnt Mitte September und wir dürfen gespannt sein, was sich EMNID einfallen lässt, um das Gericht von der Legalität des Status Quo zu überzeugen. Pech für uns, wenn wir unser Recht nicht einfordern!    (Weitere Infos: www.callcenteroffensive.de)"

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Aus der Arbeitswelt: Protest bei EMNID
(Aus göttinger Drucksache Nr.455, 22.8.2003)

Emnid betreibt Markt- und Meinungsforschung, also Telefonumfragen. Seit drei Jahren betreibt der Laden auch in Göttingen ein Telefons3 tudio, in dem hauptsächlich Studis und SchülerInnen jobben.
Die InterviewerInnen haben den Status ,,Freie Mitarbeiterlnnen"; Emnid spart damit Sozialabgaben, kann Leute nach Belieben rauskicken und zahlt auf Honorarbasis (Geld gibt's für erfolgreich abgeschlossene Interviews, die Bezahlung ist je nach Länge und Auftraggeber mehr oder minder mies). Bisher war es so, dass es bei einem Verdienst unter 6 Euro/Stunde eine ,,Gnaden"-Zulage von Emnid gab, die diesen Mindestverdienst garantieren sollte.
Vom 1. Juli an wurde diese Zulage kompleitt gestrichen, und zwar für alle, die länger als sechs Monate dort arbeiten; Neueren wurde eine Schonfrist (,,Eingewöhnungszeit") eingeräumt. Für alle anderen läuft es auf Akkordarbeit hinaus, mit dem Risiko, Emnid ihre Arbeitskraft bei mies laufenden Studien gegebenenfalls gratis zu opfem. Kein Zufall, dass diese Maßnahme auf den Beginn der Ferienzeit fällt: Gerade haben viele Ferienjobberlnnen angefangen, die eh nicht so lange dort arbeiten wollen. Zudem wird ab August eine neue Software (,,Power-Dialing") eingeführt, die automatisch anwählt und direkt an die Intervicwer durchstellt, wenn jemand abnimmt. Damit soll eine höhere Interview-frequenz erreicht werden (was aber nach dem Gesetz der durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit garantiert keinen besseren Verdienst bringen wird, im Gegenteil), für die Mitarbeiter-Innen heißt das vor allem: Mehr Stress.
Obwohl die Streichung der Aufwandsentschädigung so kurzfristig und beiläufig angekündigt wurde, dass Emnid darauf hoffen konnte, die Maßnahme reibungslos durchzusetzen, war für viele InterviewerInnen damit das Ende der Fahnenstange erreicht: Sie haben sich zusammengeschlossen und eine Kampagne zur Wiedereinführung des Grundlohns ins Leben gerufen.
Die ersten Schritte bestanden in einem Brief an die Studioleitung, in dem diese aufgefordert wurde, sich gegenüber der Chefetage für die Forderung der InterviewerInnen einzusetzen; der Brief wurde im Studio öffentlich gemacht und die KollegInnen aufgefordert, sich per Unterschrift (anonym, als ,,Emnid-Mitarbeiterln") hinter den Briefzu stellen - dabei wurde eine über 90%ige Zustimmungsquote erzielt. Gleichzeitig wurde ein e-mail-Verteiler aufgebaut, um die MitarbeiterInnen regelmäßig über den Stand der Dinge informieren zu können, und Kontakt zu den anderen Ernnid-Studios (Bielefeld, Berlin, Köln) gesucht, wo die Göttinger Initiative positiv aufgenommen wurde.
Wie nicht anders zu erwarten, kam bei einem Gespräch mit der Studioleitung lediglich deren Unwillen heraus, sich hinter die InterviewerInnen zu stellen; sie steht aber nun unter dem Druck, den MitarbeiterTnnen die Lohrikörzung schrnackhaft zu machen, so dass demnächst eine "Informationsveranstaltung" angesetzt werden soll. Die Initiative der JnterviewerInnen hat jedoch nicht vor, sich von der ,,Notwendigkeit" der Kürzung überzeugen zulassen. Vielmehr will sie zur Durchsetzung ihres Ziels den Druck auf die Geschäftsführung aufrechterhalten, sei es durch ähnliche Aktivitaten tu anderen Siudios, Öffentlichkeitsarbeit, etc.
An der Emnid-Initiative zeigt sich, dass Lohnabhängige nicht zwangsläufig jede Verschärfüng ihrer Ausbeutung widerspruchslos hinnehmen. Die Logik ,,Wenn es dem Betrieb gut geht, geht es uns allen gut" greift nicht mehr. In Zeiten eines gesamtgesellschaftlichen Trends, in dem kaumjemand daran zweifelt, dass ,,wir alle" Opfer für den Standort bringen müssten, ist dei Protest bei Emnid zwar nicht der Auftakt ztu Weltrevolution, aber immerhin ein hoffnungsvoller Ansatz.

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