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Dunkle Wolken über Mahr (ehemals
Feinprüf) Artikel aus dem Göttiner Betriebsexpress Nr. 169, vom 24.
April 2002
Bilanz 2001 ist verregnet
Die Kolleginnen sollen es ausbaden. TOP 100? Wenn
man in den letzten Jahren über Mahr (ehemals Feinprüf) gelesen hat, dann hatte
man den Eindruck, dort ist wirklich alles in bester Ordnung. Ende März wurde im
GT feierlich verkündet, dass sich Mahr einen Platz in der Bestenliste der ,,bp
100" der deutschen Mittelstandsunternehmen erobert hat. Und laut GT-Kommentar
am 28. März könnte alles noch viel besser sein, ,,wenn man die Unternehmer und
ihre Mitarbeiter doch nur machen ließe". Dass das aber nicht immer der cleverste
Weg ist, zeigt die aktuelle Situation beim angeblichen Top-100-Betrieb Mahr.
Management spielt ,Global Player'... Bereits zwei
Wochen vorher hatte das Unternehmen erste Zahlen für das Geschäftsjahr 2001 veröffentlicht
- und die sahen nun wirklich nicht rosig aus. Zwar konnte Mahr beim europäischen
Umsatz knapp 10% zulegen, aber das Geschäft in den USA ist um 17% zurückgegangen.
Letztlich fehlten am Umsatzziel von 180 Mio. satte 24 Mio. . Da bleibt
dann für einen Jahresgewinn nichts mehr übrig - trotz der üblichen Hin-und Herschiebereien
wird wohl für 2001 ein Verlust in der Bilanz stehen. Dass es ausgerechnet in den
USA diesen gewaltigen Einbruch gegeben hat, ist ein Schlag ins Kontor für die
Mahr-Manager Keidel und Gais. Im Jahr 1999 hatte man eine amerikanische Messtechnikfirma
gekauft, um auf dem amerikanischen Markt besser präsent zu sein. Mit der 1918
gegründete ,Federal Products Co.' wurde die Mahr-Gruppe um einen Schlag um fast
40% größer. Die Parole ,,Umsatz verdoppeln" wurde überall bei Mahr plakatiert.
Zum Glück in Englisch, um die neue Internationalität zu demonstrieren, so dass
das niemand so recht verstanden hat. Die Baden-Württembergische BWBank hat
die Übernahme im Geschäftsbericht 1999 denn auch als das herausragende Geschäft
ihrer amerikanischen Tochter BW Capital Markets bezeichnet. Wenn eine Bank ein
Geschätt als so bedeutend einstuft, dann darf man davon ausgehen, dass die Bank
daran gut verdient hat - der Kauf dürfte also nicht ganz billig gewesen und auch
nicht aus eigener Tasche finanziert worden sein. und hat sich verhoben
Die rechte Freude an der Mahr Federal sollte aber nicht aufkommen. An der US-Tochter
wurde herumsaniert bis zum Quietschen. Da wurde die Produktion einiger Teile nach
Tschechien verlegt - was wie bei jeder Verlagerung erstmal zu Anfangsproblemen
und Qualitätsschwierigkeiten führte. Als sich dann abzeichnete, dass in den USA
wenig zu tun ist, wurde die Produktion wieder zurückverlegt - gerade als die Probleme
in Tschechien halbwegs beseitigt waren. In nur zwei Jahren ist die Anzahl der
Beschäftigten in Providencel USA von 430 auf 220 zurückgegangen. Schon Ende letzten
Jahres hatten viele Kolleginnen das Gefühl, dass da ein ganz dicker Hund begraben
liegen muss. Es war den KollegInnen ja nicht verborgen geblieben, dass die Umsatzziele
Monat für Monat verfehlt wurden, ohne dass sich in Göttingen was Wesentliches
getan hat. ,,Da muss woanders eine viel größere Baustelle sein", war die
Meinung. Offensichtlich hat sich Mahr mit dem Kauf der Federal Products verhoben.
Jetzt sind da Kapitalkosten zu tragen, denen auf der anderen Seite kein entsprechender
Umsatz gegenüber steht. In solch einer Situation muss dann das Geld, das die KollegInnen
erwirtschaftet haben, vollständig für Zinsen zur Bank getragen werden und in der
Bilanz stehen rote Zahlen. Guter Rat ist teuer....
Inzwischen hat man die ,Unternehmer' lange genug ohne Erfolg ,machen lassen' -
es mussten drastische Maßnahmen her. Was für Maßnahmen wusste man nicht - in solch
einer Situation schlägt immer die Stunde der Unternehmensberater. Die Beraterfirma
Mercer hat sich also an die Arbeit gemacht und die Mahr-Gruppe durchleuchtet.
Über das Ergebnis wurden die Kolleginnen in den letzten Tagen von der Geschäftsleitung
informiert. 8% weniger Umsatz als geplant ist im Jahr 2002 zu erwarten. Ein Teil
der geplanten Maßnahmen klingt nach dem üblichen Standard: Lager reduzieren, Kosten
senken, sparen, sparen, sparen Die Geschäftsleitung hat allerdings auch einen
konkreten Vorschlag zur Reduktion der Produktionskäpazität vorgelegt: -
Überstunden- und Gleitzeitabbau - Kündigung von Zeitverträgen - das betrifft
bis Jahresende ca. 20 Kollöglnnen - Reduzierung der Arbeitszeit in der Messtechnik
um 5 bis 6 Stunden pro Woche. - Laut Geschäftsleitung ist das die Alternative
zur Entlassung von ca. 80 Kolleginnen. Auch
wenn es gut ist, dass bei Mahr nicht als erstes an Entlassungen gedacht wird,
ist das für die Kolleginnen ein harter Schlag: 15% bis 17% weniger in der Lohntüte!
Und völlig ausgereift scheint der neue Geschäftsplan auch nicht zu sein. Die Messtechnik
hat 2001 einen Umsatz von knapp 70 Mio. gemacht, für 2002 gehen die neuen
Planungen von 71 Mio. aus. Wie soll das zu schaffen sein, wenn die
Arbeitszeit in diesem Bereich um 15-17% reduziert wird? Ist da nicht der nächste
Misserfolg vorprogrammiert? Die Mahr-Manager Keidel und Gais scheinen ja
eher relativ kurzfristig zu denken. Im Jahr 1999 sind sie aus dem Arbeitgeberverband
ausgetreten, mit derBegründung, dass die IG Metall die 32h-Woche im Tarifvertrag
durchsetzen will. Jetzt soll es gleich eine 29h-Woche sein. Alles
nur Tarif-Zirkus? Bei vielen KollegInnen besteht auch der Verdacht,
dass die dramatischen Worte der Geschäftsleitung von ,,Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit"
nur das übliche Getrommel sind, das den Tarifverhandlungen vorausgeht. Dafür spricht
auch der Tenor des GT-Kommentars vom 14. März zum Umsatzeinbruch bei Mahr. Laut
GT sind die hohen Forderungen der IG Metall und die Steuern und Lohnnebenkosten
an allem Schuld. Die Kolleginnen bei Mahr haben jetzt ihren Managern erst
mal gezeigt, dass sie mit einer solch drastischen Kürzung ihres Einkommens
nicht einverstanden sind. Zur Verhandlungsrunde über den Haustarifvertrag
am 19.4. sind über 400 Kolleginnen vor die Tür gegangen und haben damit
gezeigt, dass sie nicht bereit sind, die Zeche für Management-Fehler zu bezahlen.
Mitte der 90ger Jahre hatten sie sich von der Firma ins Bockshorn jagen lassen
und hatten sich einverstanden erklärt, ohne Bezahlung mehr zu arbeiten. Zu solchen
Sonderopfern sind die Kolleginnen diesmal offensichtlich nicht bereit. Eine besondere
Note erhielt der Warnstreik noch dadurch, dass Herr Gais für Mahr verkündet hat,
eine Lohnerhöhung von 2,5% sei das Äußerste - das ist zwar völlig unannehmbar,
aber immerhin 0;5% mehr als der Metallarbeitgeberverband herausrücken will. Mit
einer so entschlossenen Belegschaft im Rücken sollte es für den Betriebsrat und
die IG Metall jedenfalls möglich sein, in den Tarifverhandlungen und bei den Verhandlungen
um die Beschäftigungssicherung eine Lösung zu erarbeiten, die für die KollegInnen
annehmbar ist. zum
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