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Göttinger Autor*innen
Renate Schoof

Informationen über die Autorin
Renate Schoof lebt als freie Schriftstellerin in Göttingen. Sie studierte Germanistik, Kunst und Religion für das Lehramt. Nach neunjähriger Tätigkeit als Lehrerin wandte sie sich ganz dem Schreiben zu.

www.renateschoof.de

Veröffentlichung 2012
Blauer Oktober
(Rezension G. Schäfer / goest , 19.6.12)

 

Oktober am blauen Meer aber das Rot und die Oktoberrevolution sind nicht vergessen

Die Autorin beschreibt die Seelenlandschaft der Romanfigur Ruth: wie sie das Leben wahrnimmt, was Empfindungen bei ihr ausgelöst, wie sie empfindet, sich ihre Empfindungen entwickeln, differenzieren, Pfade suchen. Die Seelenlandschaft besteht aus dem Erleben des Leidens an der Welt, den unerfüllten Sehnsüchten, dem Naturerleben, dem Leben mit Freundinnen und Freunden. . Hinzu kommen die Wirrungen ihres, aus dem eigenen Inneren kommenden Gefühlsgeschehens. Anstösse dazu kommen aus Literaturerfahrungen, aus den Kunstprojekten der anderen Romanfiguren oder Reflexionen über Politik. Alles bleibt bezogen auf die Seelenlandschaft der zentralen Figur Ruth. Die anderen Personen und auch die Ereignisse ordnen sich wie Satelliten um die Hauptperson, deren innere Betrachtungen so ausgebreitet werden, dass für die Darstellung der übrigen Personen nur wenig eigenständiger Raum bleibt. Kurios ist die beigeordnete imaginäre Person eines verstorbenen Mannes, der ihr Erleben begleitet. Sie lässt ihn in ihrer Phantasie als quasi autonome Person drastische Kommentare abgeben. Er, der ihr Innenleben genau kennt (in der Tat so gut wie sie sich selbst, da sie ihn erfindet) nimmt als Nichtexistierender keine Rücksicht mehr mit seinen Äusserungen. Er dient in der Romankonstruktion dazu, radikal zu entlarven, wenn Ruth sich selbst belügen will. Dergestalt ist auch er daher nur eine Erweiterung ihrer reflektorischen Innenwelt.



Blauer Oktober
VAT Verlag André Thiele, Mainz 2012 214 Seiten, 16.90 €
ISBN 978-3-940884-76-3

 

Der Roman ist die gigantische Innenschau einer Frau, die nahezu alle obligatorischen Bereiche abdeckt, die zu einer künstlerisch tätigen Intellektuellen aus den Zeiten der 68er gehören. Da tauchen viele Namen politischer Autorinnen auf, wie z.B. die nicht jedem bekannte Kollontai oder politische Meilensteine wie Allende und tragische Personenschicksale wie die des Victor Jara. Es wird en passant auf Ereignisse Bezug genommen, die die letzten 40 Jahre einer linken Intellektuellen in der BRD berührt haben. Angestossene Gefühle werden sogar in Verbindung gebracht mit den dazugehörenden Soundtracks. Ausgeschriebene Liedertextzeilen begleiten die Wege durch die Gefühlslandschaften der Hauptfigur Ruth.

Reflexionen über Gefühle, Sinnlichkeit, Liebe, Sexualität, über Naturwahrnehmung an der Küste, Mythen und religiöse Chiffren wechseln im Romanverlauf ab mit Reflexionen in Denkfiguren politischen Geschehens. Es wechselt ab, d.h., beide Bereiche sind nicht gegenseitig durchdrungen, nicht ineinander verschränkt. So kommt es, dass ein flammender Abschnitt über Politik eher wie ein Aufschrei hilflos im Raum steht. Dabei bleibt der Aufschrei nicht nur ohne Aussicht auf eine Änderung. (S. 162 ff) sondern erscheint nahezu deklaratorisch, losgelöst von existentiellen Fragen.

Die vordergründige Rahmenhandlung und die Personen des Romans kreisen so wie ein Teil des Ruth´schen Erlebens eher um die Produktion von Kunstwerken. Ruth trägt im Hintergrund die Sehnsucht nach einem Mann mit sich herum in den sie sich verliebt hat und der nach nur einem Tag wieder verschwunden bleibt. Diese Sehnsucht bleibt so unerfüllt wie ihre Sehnsucht nach Harmonie und Ästhetik in der Kunst und die Sehnsucht nach dem Ende aller Ungerechtigkeiten und Schlechtigkeiten der Welt. Dies bleibt alles so unerfüllt wie die Hippieträume von Blumenkindern der 68er oder wie die kühnen Träume der Politkader von damals. Der Rückzug auf die handhabbare Welt künstlicher Harmonie in der Kunst vermag die Unerfülltheit der großen Sehnsüchte nicht zu kompensieren. Daran ändern weder die gelegentlichen kleinen Glücksmomente in der Kunst etwas noch die Glücksempfindungen im Naturerleben.

So wird der Roman zu einer Dokumentation der nahezu verzweifelten Suche nach einer sinnvollen Verortung von Gefühlen und Gedanken. Diese Gefühle und Gedanken sind im Laufe des Lebens entstanden. Und in der Konfrontation mit der heutigen realen Welt wird klar, dass beides nicht mehr zusammenpasst. Bei aller Verzweifelung glaubt die Romanfigur, muß sogar noch die Sinnsuche verteidigt werden: " 'Es gibt Leute, die uns 68er als sinnversessen brandmarken, anfällig für jede Art von Ismen wie etwa Marxismus, Trotzkismus, Maoismus oder auch für die Sinn- und Deutungsangebote von Religion und Esoterik. Ganz so als sei Sinnsuche eine psychische Macke' empört sich Ruth."

Wer zu reichhaltigen sinnlichen Empfindungen in der Lage ist, lange Jahre Erfahrungen gemacht hat, differenziert zu denken vermag, wird angesichts der Realität nicht weniger kompliziert denken und leben können als die Seelenlandschaft der Romanfigur Ruth beschrieben ist.

Lesung am 20.6.12 in Göttingen

Autorin-Lesung mit Renate Schoof am Mittwoch, dem 20. Juni, 20 Uhr, Weender Str. 33, Deuerlich
Die Autorin las aus ihrem im März 2012 erschienenen Roman Blauer Oktober.

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