|
|
Göttinger
Autor*innen Lesung
- Ein Treffen in Venedig (April 2011) G.
Schäfer / Buchbesprechung Kritisch-politische Stadtführung durch Venedig, Vergangenheitserinnerung und Kritik am Fortdauern von beschönigender Nazideologie, Erschrecken über Goethezitate, die Unfähigkeit zu trauern und die Aufklärung einer Familiengeschichte. Im Folgenden kurz die Rahmenhandlung: Einer Frau wird per Brief überraschend offenbart, wer ihr wirklicher leiblicher Vater ist. Sie hatte deshalb vorher auch nie erfahren, warum ihre Mutter sich von ihm getrennt hatte. Nach ersten brieflichen Kontakten mit dem Vater trifft sie ihn auf dessen ausdrücklichen Wunsch in Venedig. Der Vater hat ihr aufklärende Worte zur Familiengeschichte versprochen. Während des Venedigaufenthaltes zögert der Vater diese Aufklärungen jedoch immer wieder hinaus. Stattdessen macht er unter Zuhilfenahme von Goethezitaten verklausulierte Andeutungen. Soweit ein kurzer Abriß der Rahmenhandlung, ohne die Auflösung am Ende des Buches zu verraten. Die Handlung in Venedig spielen
zu lassen, lag nahe, weil Regine Wagenknecht die Stadt offensichtlich
wie ihre Westentasche kennt. Aus diesem Grunde enthält das Buch auch
viele genaue Ortsbeschreibungen. Es könnte hilfreich sein, während
der Lektüre einen Stadtplan neben das Buch zu legen. Wer sich in
Venedig auskennt, wird die kleinen Gassen, Kanäle, die Plätze
und Gebäude vor Augen haben. Wer sich weniger oder gar nicht dort
auskennt, kann aus den Beschreibungen immerhin einige gute Tipps für
eine eventuell spätere Reise dorthin notieren. Venedig ist nicht nur jene Traumstadt, die so schön ist, dass der eigene Körper beim Aufenthalt in dieser Stadt irgendwann nur noch zum Träger des Auges wird. (So formulierte sinngemäß Brotzky über Venedig) . Sowohl ihre teilweise unschöne Gegenwart wie auch die unschöne Vergangenheit finden Eingang in die Geschichte. In Venedig hat es unter der deutschen Besatzung durch die Nazis Deportationen von Juden gegeben. Dies war zunächst der ganz und gar unromantische Anlass für die Berührung der Autorin mit Venedig. Die Naziverbrechen, die Geschichte ihrer Aufdeckung und die ideologischen Rechtfertigungsversuche, sowie die neuerstehende rechte Ideologie gehören zu jenen Themen, die Regine Wagenknecht ausführlich in einer Veröffentlichungen 2005 bearbeitet hat. ("Judenverfolgung in Italien 1938-1945"). Dieses immer noch in Italien gern verschwiegene Thema ist in die Handlung der Novelle eingeflochten. Angesichts der Unerträglichkeit, mit der im Text die Aufklärung der Familiengeschichte durch den Vater hinauszögert wird, fühlte ich mich irgendwann daran verinnert, wie quälend lange es dauerte, bis die Verdeckungen, Verbiegungen und Beschönigungen bei der Aufarbeitung der Nazigeschichte aufgebrochen waren. Die
Einflechtung von Hinweisen auf Goethe sind keine Marotte der Germanistin
Wagenknecht, sondern von erschreckend anderer Bedeutung. Im Buch wird
eine mögliche Verbindung des Vaters zur Thulegesellschaft erwähnt.
In einem Text, der sich kritisch mit der real existierenden rechtsradikalen
Theoriegesellschaft "Thuleseminar" auseinandersetzt fand ich die Beschreibung
deren Geisteshaltung als "Rechtfertigungsideologie für die
Taten 'faustischer' Techniker". Durch diese Erläuterung begann
die Einbindung von Goethe-Zitaten für mich langsam verständlich
zu werden. Betrachtet man nun noch einmal die verschiedenen Stränge, die das Buch ineinander verwoben hat: das politische Venedig, die Nazi-Vergangenheit, Geschichtsaufarbeitung und Goethe, so sind das allesamt für sich genommen komplexe Themen. Sie entfalten sich im Spannungsfeld Vater-Tochter-Kennenlernen literarisch als Novelle. Es ist eine umfangreiche Aufgabe, all das zu erfassen, was hinter den vielen beiläufig wirkenden Bemerkungen inhaltlich weiterführt. Es zwingt sich nicht auf, aber es liegt bereit, entdeckt zu werden. Hinter der dahinfliessenden Handlung der Novelle führt eine Vielzahl von Pfaden thematisch in die Tiefe. Dabei wird nicht auf das Begehen dieser Pfade gedrängt. Es wird nicht einmal allzu deutlich darauf hingewiesen. Dennoch bestehen diese Möglichkeiten. Wer Hinweise auf solche Pfade sucht, findet einige davon auch in den Fußnoten am Ende des Buches.
Lesung
"Eure Ordnung ist auf Sand gebaut"
Rosa Luxemburg in Briefen,
Reden und Artikeln ausgewählt und kommentiert von Regine Wagenknecht
und Marc Czichy. Eine Veranstaltung am 9.3.11 im ver.di-Haus, Groner-Tor-Str.
32 Veranstaltungsnotizen
Es wurde
mit verteilten Rollen gelesen. Marc Czichy verlas die Rahmen- bzw. Hintergrundinformationen
zu den Texten von Rosa Luxemburg, die dann von Regine Wagenknecht (R.W.)
vorgetragen wurden; "vorgetragen" nicht gelesen, denn R.W. intonierte
mit angemessener Einfühlung Vorwürfe, Aufregung, Zugewandheit,
Empörung und Entkräftung, eben alles was in den Briefen und
Texten vorkam.
Artikel zu Emmy Nöther und Göttingen-Roman Regine Wagenknecht hat das Projekt der Göttinger Vierteljahreszeitschrift "Pampa" unterstützt, das als Nachfolge der "Revue Regional" ins Leben gerufen worden war und die Tradition der Göttinger Stadtzeitung als kritische Medienalternative fortsetzte. Einen ihrer Artikel aus der Pampa hat sie für goest überarbeitet und zur Veröffentlichung überlassen. Dieser Artikel erinnert an die weltberühmte Mathematikerin Emmy Noether , die in Göttingen gelehrt hat , an die aber allzu wenig erinnert wird, obwohl ohne Emmy Nöther die moderne Mathematik nicht denkbar wäre. Und noch ein weiterer Artikel von Regine Wagenknecht findet sich in Goest: eine Rezension des Göttingen-Romans "Das Buch Fritze". |