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Kritik an Otto Hahns Beteiligung an der Giftgasentwicklung und -anwendung

>Siehe auch goest-Seite zu Otto Hahn und die Radioaktivität

Redaktionelle Vorbemerkung

Martin Melchert recherchiert für die Göttinger AntiAtomBewegung 2005 zur NS-Atombombenforschung und der "Göttinger Erklärung". Bei einer Podiumsdiskussion im Deutschen Theater im März 2013, so Melchert, habe der MPI-Wissenschaftshistoriker Horst Kant abgestritten, dass Otto Hahn Giftgas entwickelt habe.
Fakt hingegen scheint zu sein: "Nachdem er im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 kurzfristig als Offizier an der Front eingesetzt worden war, arbeitete Hahn für die militärische Giftgas-Einheit unter der Leitung von Fritz Haber." (>>Quelle) Selbst das Max Planck Institut kommt nicht umhin zu bemerken: Otto Hahn sei "1914-1918 Offizier im Ersten Weltkrieg, u.a. in der Gaskampftruppe um Fritz Haber" gewesen.>>Quelle
Martin Melchert legt wegen der Nichtbeachtung dieser Tatsachen nun eine ausführliche Dokumentation vor, die wir hier ungekürzt veröffentlichen.
Otto Hahn ist einer der Nobelpreisträger, auf den die Göttinger Stadtmarketing-MacherInnen in der "Stadt die Wissen schafft" so gern hinweisen, er ist seit 1959 >>Ehrenbürger der Stadt Göttingen dessen Portrait als Ölgemälde im Ratssaal hängt. Er ist Namensgeber für das >>Otto-Hahn-Gymnasium, für die Otto-Hahn-Straße und das >>Otto-Hahn-Zentrum. Das >>Wiki des GT (Göttinger Tageblattes) erwähnt Otto Hahns Arbeiten für den Gaskrieg mit keinem Wort.
Entsprechend unwillig wird die Dokumentation Martin Melcherts aufgenommen werden, die Otto Hahn der Beteiligung an der Giftgasproduktion für kriegerische Zwecke vorwirft. Die Rechercheergebnisse benötigen u.E. die Unterstützung von unabhängigen Medien um Eingang in die Diskussion um eine kritische Einschätzung Otto Hahns zu finden. / 3.7. 2014.

Kritischer Osterspaziergang auf den Spuren von Otto Hahn

Statt der monatlichen Anti-Atom-Mahnwache fand am Ostermontag den 6.4.15 ein Kritischer Osterspaziergang auf den Spuren von Otto Hahn statt . Nach ihm sind in Göttingen Straßen und Schulen benannt. Das Bündnis Anti-Kriegsforschung richtete am 24.März 2015 einen Appell an die Stadtratsfraktionen, die 1959 unter fragwürdigen Umständen verliehene Ehrenbürgerwürde neu zu bewerten.

Bericht der Veranstalter/innen 7.4.15 Rege Teilnahme am kritischen Otto-Hahn-Spaziergang Am Ostermontag um 14 Uhr startete der Spaziergang auf den Spuren von Otto Hahn bei bestem Wetter. Erfreulich viele Menschen hatten sich auf den Schillerwiesen eingefunden, um insbesondere die frühere Geschichte des Nobelpreisträgers an Originalschauplätzen zu erfahren. Nach einer Einführung in die Thematik am Pavillon machten sich über vierzig Menschen auf dem Weg zum ehemaligen Wohnhaus von Otto Hahn in der Gervinusstraße 5. In einem kurzen Text wurde auf das Leben von Otto Hahn in Göttingen eingegangen: Zum einen als freundlicher Göttinger Mitbürger, was spontan von einer Nachbarin, die Otto Hahn noch kannte, unterstrichen wurde. Weiterhin als ein Protagonist der Göttinger Erklärung gegen die atomare Bewaffnung der jungen Bundesrepublik. Erwähnt wurden aber auch eine Ereignis, welches das Bild des freundlichen älteren Herren ins Wanken bringt: Die mögliche Verwicklung von Hahn in einen Schmuggel von Atomtechnologie aus Göttingen nach Brasilien. Dieser Verstoß gegen damals geltendes Recht flog 1953 erfreulicherweise auf. Auf dem früher von Hahn gerne genutzten Weg ging es dann auf den Hainberg zum Kehr, der nächsten Station. Hier ging es um den Einsatz des späteren Nobelpreisträgers im Ersten Weltkrieg. In einem Brief anlässlich des 75. Geburtstags von Gustav Hertz gab Hahn seiner Hoffnung Ausdruck, dass der ehemalige Kamerad ebenso wie er selbst mit einem Schmunzeln zurück an die Zeit vor einem halben Jahrhundert dachte. Gemeint war damit ihr Einsatz in einer Spezialtruppe, welche den Einsatz von Giftgas organisierte und durchführte. Der Einsatz einer Mischung von Chlor und Phosgen, welches im Körper zur Salzsäure wurde und die Lunge verätzte, brachte unzähligen Menschen einen qualvollen Tod. Hahn war hierbei nicht ein normaler Soldat, sondern als rechte Hand von Fritz Haber federführend. Obwohl ihn die Folgen des Giftgases erschreckten führte er sei Werk fort und resümierte später, er und seine Mitstreiter hätten beim Einsatz an der Front schließlich keinerlei Skrupel gehabt. Letzte Station des Spaziergangs war die Otto-Hahn-Bank am Tuchmacherborn. Nach einer Stärkung mit Tee und Keksen wurde hinterfragt, ob Otto Hahn mit seiner wechselhaften Biografie als Ehrenbürger der Stadt Göttingen weiterhin in Frage kommt. Ein Ehrenbürger sollte auch immer ein Vorbild für kommende Generationen sein Nach den Erkenntnissen über Verwicklung in den Giftgaskrieg ist das im Fall Otto Hahn sehr fraglich.


Otto Hahn und der Gaskrieg

Stand: 2017-03-23

Bisherige Fassungen
Überarbeitete Fassung / 4. Januar 2015
Überarbeitete Fassung / 19. Juli 2014
Überarbeitete Fassung / 18. Sept. 2014

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort 1
2 Vorbereitungen zum Gaskrieg 3
3 Einberufung der Gaskrieger. 6
4 Der Gaskrieg an der Front 11
5 Gaskriegsforschung im Hinterland 16
6 Die Gaskriegsforscher nach dem Krieg 19
7 Nachwort 24
8 Anhang 25
Zum Autor 25
Zur verwendeten Fachliteratur 26
Zum Bündnis Anti-Kriegsforschung 26

1       Vorwort

Der erste Weltkrieg spielt in der gesellschaftlichen Diskussion nach dem zweiten Weltkrieg fast keine Rolle mehr. Seine Grausamkeiten und Massenvernichtungstechniken relativieren sich im Bewusstsein von Atombomben und Konzentrationslagern.

Aus damaliger Sicht war er aber eine drastische Steigerung zu allem bisher da gewesenen. Neben Giftgas wurden im Laufe des Ersten Weltkrieges zahlreiche weitere Zerstörungstechniken erstmals in großem Stil eingesetzt, von Maschinengewehren über Handgranaten, Flammenwerfer und Panzer bis zu Flugzeugen und mit Torpedos ausgerüsteten U-Booten[1]. Oft zielten diese neuen Waffen zunächst auf den Überraschungseffekt, doch auch die Schutztechniken entwickelten sich auf beiden Seiten weiter (Stahlhelme, Tarnanzüge, Stacheldraht, Schützengräben, Bunker..). Die Erfinder des Giftgases waren auch die Erfinder der Gasmaske. Und sie waren auch die Erfinder immer neuer Masken-durchdringender Giftgase.

Die zu Grunde liegenden chemischen Stoffe waren in der Regel schon aus Friedenszeiten bekannt. Die „Leistung“ der Kriegsforscher lag darin,sie als Kampfstoffe für den Krieg erkannt und vorgeschlagen zu haben, die giftigsten Stoffe herausgefunden, neu kombiniert und so aufbereitet zu haben, dass sie für den Gaskrieg an der Front einsetzbar waren. So gesehen waren die Väter des Giftgases eher Entdecker und Entwickler als „Erfinder“.[2]

Erstaunlicherweise wurde Giftgas im Zweiten Weltkrieg an der Front nicht eingesetzt. Es gibt aber eine Entwicklungslinie vom Gaskampf 1915 bis zu den Gaskammern der NS-Vernichtungslager. Begründer dieser Entwicklung war Fritz Haber, seine rechte Hand Otto Hahn.

Die historische Rolle Habers im Gaskrieg ist heute weitgehend geklärt. Dietrich Stoltzenbergs Haber-Biografie von 1994 geht auf über einhundert Seiten sehr detailliert darauf ein.[3] Die Rolle Hahns im Ersten Weltkrieg wird dagegen in der öffentlichen Diskussion und selbst in machen kritischen Untersuchungsberichten ausgeklammert. Paradoxerweise ist es der Betroffene selbst, der in seinen Memoiren kurz vor seinem Tod bereitwillig darüber Auskunft gab. Auf diese Berichte stützt sich auch diese Abhandlung.[4] Andere prominente Beteiligte des Gaskriegs wie Walther Nernst, James Franck und Carl Duisberg haben sich später weniger offen über diese Zeit geäußert.[5]

Spätestens seit der Mitunterzeichnung der „Göttinger Erklärung“ 1957 gilt Hahn als geläuterter Mahner für den Frieden, als integrer Wissenschaftler, der zwar in der NS-Zeit direkt oder indirekt am Atomprojekt beteiligt war, aber die Fehlentwicklung der Atomforschung hin zu atomarer Bewaffnung in der Nachkriegszeit zu korrigieren versuchte. Mit Berücksichtigung seiner Rolle im 1.Weltkrieg und seinem späteren Umgang damit, lässt sich dieses Bild vom „geläuterten“ Wissenschaftler, der aus Fehlern lernt, nicht aufrecht erhalten. Hahn hatte in beiden Kriegen den Fehler gemacht, sich vom Regime in fatale Kriegsforschung einspannen zu lassen, hat dies zeitlebens weder erkannt noch bereut. Zweimal konnte er mitverfolgen, dass wissenschaftliche Experimente in den Einsatz von Massenvernichtungswaffen mündeten. Der Veranwortung für sein Handeln hat sich der Wissenschaftler nie gestellt. Was Otto Hahns Haltung zu Giftgas betrifft, so wird häufig seine selbstkritische Stellungnahme von 1968 - eine kurze Passage in seinen Memoiren herangezogen.[6] Andere späte Äußerungen lassen allerdings eine tiefere Reue komplett vermissen.[7] Die Gegenüberstellung dieser Zitate wird in dieser Arbeit viel Raum einnehmen. Für die Beurteilung wesentlicher sind aber die Fakten selbst: Hahns persönlicher langjähriger Beitrag zum Einsatz von Giftgas im 1.Weltkrieg. Dies soll hier dokumentiert werden und in den Zusammenhang mit der allgemeinen Entwickung der Gasforschung gebracht werden.

Mit Berücksichtigung seiner Rolle im 1. Weltkrieg lässt sich dieses Bild nicht aufrechterhalten. Hahn hatte in beiden Kriegen den gleichen Fehler gemacht, sich vom Regime in fatale Kriegsforschung einspannen zu lassen, aus Patriotismus oder aus wissenschaftlichem Eifer.

2       Vorbereitungen zum Gaskrieg

Wissenschaft, Militarismus und Patriotismus waren im deutschen Kaiserreich eng verbunden. „Im Frieden,“ so Haber, „gehört der Wissenschaftler der Menschheit, im Kriege aber nur dem Vaterland“.[8]

Der Feind, so resümierte der Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Adolf Harnack zwei Jahre nach Kriegsbeginn, hätte deutsche Wissenschaft und Wehrkraft so dicht zusammengebracht wie nur möglich.[9]

Schon im Oktober 1914, zwei Monate nach Ausbruch des Krieges veröffentlichten 93 Künstler und Wissenschaftler einen „Aufruf an die Kulturwelt“, in dem sie von einem „schweren Daseinskampf“ sprachen, der „Deutschland aufgezwungen“ worden sei. Ohne den „deutschen Militarismus“ wäre „die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt“ worden. Unterschrieben wurde das Pamphlet auch von namhaften Wissenschaftlern wie Fritz Haber, Walther Nernst, Max Planck und Felix Klein.[10]

Diverse Naturwissenschaftler – auch der Göttinger Universität – engagierten sich im Krieg für konkrete militärische Projekte – teils sicher auch, um auf diese Weise von normalem Fronteinsatz verschont zu bleiben. So entwickelten Prof. Peter Debye und Dr Richard Courant für den Grabenkrieg die Erdtelegrafie, Prof. Max Born zog durch Schalluntersuchungen Rückschlüsse auf den Standort feindlicher Artillerie und die Flugbahn von Granaten, außerdem entwickelte er Sprechfunk für Kampfflugzeuge, Prof. Adolf Windaus beschäftigte sich mit Dynamit und der Rektor der Universität Prof. Hermann Simon mit Torpedo-Antrieben.[11]

Den wichtigsten Beitrag für den Krieg lieferte in Göttingen die staatlich subventionierte neue „Modellversuchsanstalt“ Ludwig Prandtls. Hier wurden in großem Stil die Flugeigenschaften von Kampfflugzeugen und Granaten geprüft.[12]

Otto Hahn hatte schon 1901 als Unterfeldwebel Militärdienst geleistet, war 1907 nach Berlin gezogen und lernte dort unter anderen die Wissenschaftler Franck, Hertz und Westphal kennen, die später auch in das Giftgasprojekt involviert waren. 1912 wurde er Abteilungsleiter am neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, wo er seitdem mit Lise Meitner Untersuchungen zu Betastrahlen, Actinium und Mesothorium durchführte. Zu Kriegsbeginn meldete er sich freiwillig aus „anerzogenem Pflichterfüllungsprinzip“ zum Landwehrregiment.[13] Der Wissenschaftshistoriker Gerlach beschreibt diese Zeit so:

„Mit der Zupfgeige sang er die Lieder der Soldaten. Mit seinen zahlreichen Witzchen und Geschichtchen (...) wie mit seiner bedingungslosen Hilfsbereitschaft war er bald bei jung und alt beliebt und geachtet.“[14]

An der Westfront erfuhr Hahn aber auch von den ersten Kriegsgräueln deutscher Soldaten. Zeitweise war er Leiter einer Maschinengewehrabteilung, woran er sich später mit einer Mischung aus Stolz, Zynismus, und Selbstkritik erinnert:

„Ich war im Umgang mit solchen Waffen völlig unerfahren und ließ beim ersten Einsatz solange feuern, bis wir wegen Ladehemmung aufhören mussten (...) Ich bekam wegen meiner Schießereien mit den erbeuteten Maschinengewehren ein offizielles Lob und das Eiserne Kreuz zweiter Klasse“.[15]

Schon seit August 1914 liefen in Deutschland die ersten Vorbereitungen zum Gaskrieg. Möglich wurde die Giftgasproduktion durch eine Erfindung, die Carl Bosch und Fritz Haber 1913 berühmt gemacht hatte: Im „Haber-Bosch-Verfahren“ entsteht durch Ammoniaksynthese Salpeter, der zu Stickstoff umgewandelt werden kann. Stickstoff ist geeignet für Kunstdünger, Salpeter ist notwendig für alle Arten von Sprengstoff. Habers Erfindung wäre also segensreich in Friedenszeiten für die Landwirtschaft, aber in Kriegszeiten noch wichtiger. Denn Natur-Salpeter wurde nur in Südamerika gewonnen und war nach Kriegsbeginn durch die Seeblockade für Deutschland nicht mehr zu bekommen. Ohne massenhaft produzierten künstlichen Salpeter wäre Deutschland spätestens 1916 die Kriegsmunition ausgegangen.[16]

Es gab aber noch ein weiteres Nebenprodukt des Haber-Bosch-Verfahrens: Chlorgas.

Um die massenhafte Produktion von Salpeter und anderer kriegswichtiger Stoffe zu gewährleisten, gründete das Kriegsministerium 1914 die „Kriegsrohstoffabteilung“. Hier wurden die wichtigsten Chemiekonzerne gebündelt und die Zusammenarbeit mit Militär und Wissenschaft organisiert. Das Ministerium subventionierte die Großkonzerne und garantierte den Abkauf ihrer Produkte. Aus dem Zusammenschluss dieser Firmen (Hoechst, AEG, Bayer, Auerwerke, Leuna u.a.) wurde nach dem Krieg die „IG Farben AG“. Die Leitung der „Kriegschemikalien AG“ in der „Kriegsrohstoffabteilung“ übernahm Fritz Haber. Unter strenger Geheimhaltung wurde in seinem Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie (aber auch an den Instituten für Chemie, Physik und anderen) mit der Giftgasforschung begonnen.[17]

In den Bayer-Werken entwickelten Carl Duisberg und Walther Nernst zeitgleich mit Haber Feuerbomben und Granaten, die teilweise auch mit Tränengas oder „Niespulver“, Reiz- und „Stinkstoffen“ gefüllt wurden. In sehr begrenztem Umfang wurden solche Geschosse bereits im Winter 1914 von beiden Kriegsparteien eingesetzt.[18]

Professor Nernst war schon damals ein namhafter Physiker, hatte an der Göttinger Universität gewirkt und unter anderem auch theoretische Vorarbeit für die Ammoniaksynthese betrieben.[19] Während sich Haber zunächst mit der Gaswolkentechnik beschäftigte, konzentrierte sich Nernst auf die Möglichkeit, Gas zu verschießen. Er entwickelte sich in der Folgezeit zu einem Experten für Minenwerfer und wurde wissenschaftlicher Beirat der Obersten Heeresleitung. Nernst leitete auch den allerersten Gasangriff mit 3000 der von ihm selbst entwickelten „Ni-Stoff“-Granaten am 17. Oktober 1914 bei Neuve Chapelle, der aber wirkungslos blieb.[20]

Ein weiterer wichtiger Giftgasforscher der ersten Stunde war Hans Tappen, Erfinder des „T-Stoffes“, dessen Bruder Generaloberst Gerhard Tappen in der Obersten Heeresleitung zuständig war für Giftgasoperationen.[21]

Angriffe mit T-Stoff-Geschossen erfolgten bei Neuve Chapelle (Dez. 1914), Bolimow (Jan. 1915) und Nieuport (März 1915), deren Wirkungen wegen des kalten Wetters auch gering waren. Die gegnerische Armee bekam von der Beimischung chemischer Kampfstoffe in den Granaten wenig mit.[22]

Größere Giftgas-Tests gab es auf Truppenübungsplätzen mit Schafherden, bei denen teilweise auch der Kaiser und Bayerwerke-Chef Duisberg anwesend waren.[23] Duisberg:

„Die einzig richtige Stelle aber ist die Front, an der man so etwas heute probieren kann und auch für die Zukunft nicht so bald wieder Gelegenheit hat, so etwas auszuprobieren. (...) Ich kann deshalb nur noch einmal dringend empfehlen, die Gelegenheit dieses Krieges nicht vorübergehen zu lassen, ohne auch die Hexa-Granaten zu prüfen.“[24]

Bei dem Versuch, verschiedene Giftstoffe zu mischen, kam es am 17, Dez. 1914 am KWI für Physikalische Chemie zu einer schweren Explosion. Der Chemiker Otto Sackur starb, Haber blieb unverletzt, weil er kurz zuvor den Laborraum verließ.[25]

Von diesen frühen Gasexperimenten und -einsätzen bekam weder die deutsche Öffentlichkeit, noch offenbar die feindliche Armee etwas mit. Ob Otto Hahn über Lise Meitner von den Hintergründen der Explosion im Institut für Physikalische Chemie hörte, ist nicht überliefert. Stattdessen prägte ein ganz anderes Kriegserlebnis seine Weihnachtstage 1914: Am 24,Dezember kam es an verschiedenen Stellen der Westfront zu bewegenden Szenen, die die ganze Absurdität des Krieges deutlich vor Augen führten und die Weiterführung des Kriegsdienstes für alle Beteiligten eigentlich undenkbar machen ließen. Auch Otto Hahn, der Zeuge davon wurde, gab an, dass er dies nie vergessen werde:

„Von uns und von den Engländern, die uns auf etwa 50 Metern gegenüberlagen, erhoben sich erst wenige, dann immer mehr. Und es dauerte nicht lange, bis alle Soldaten aus den Gräben herauskamen. Wir verbrüderten uns. Die Engländer schenkten uns ihre guten Zigarren, und wir gaben ihnen, sofern wir hatten, Weihnachtskonfekt. Wir sangen Lieder, und für die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember kannte man auf beiden Seiten keinen Krieg.(...) Am 26.Dezember wurde das Feuer - offenbar von beiden Seiten - aber wieder aufgenommen und der Krieg ging weiter.“[26]

Die Verbrüderungsszenen der Kriegsweihnacht 1914 blieben in der Geschichte moderner Kriege einmalig. Doch konnten die Menschen, die gerade zusammen feierten, weiterhin als Feinde aufeinander schießen? Die Kriegsindustrie arbeitete daran, dass das Gegenüberstehen von Mann gegen Mann schon bald nicht mehr relevant war. Moderne Distanzwaffen erlaubten Angriffe auf Feinde, die außerhalb von Sicht- und Hörweite waren. Und neue Massenvernichtungswaffen degradierten den einzelnen Soldaten zu einem Rädchen einer Maschinerie und ließen ihn sein Kriegshandwerk verrichten, ohne selbst die grausame Auswirkung seiner Handlung sehen zu müssen. So erkannte auch Otto Hahn: „Erst versucht man, den Unbekannten im feindlichen Graben auszuschalten, aber wenn man ihm Auge in Auge gegenübersteht, kann man den Anblick nicht ertragen(...)“[27]

Nachdem Hahn mit seiner Maschinengewehrabteilung nach den Weihnachtstagen von der Front abgezogen wurde, erhielt er Mitte Januar den Befehl, sich bei Prof. Fritz Haber zu melden. Habers Lösung gegen den festgefahrenen Stellungskrieg und sentimentale Verbrüderungstendenzen: Giftgas.

3       Einberufung der Gaskrieger

Im Januar 1915 ließ Haber alle zur Verfügung stehenden Chemiker und auch einige Physiker und Meteorologen zu sich rufen, um die Forschungsarbeit zu intensivieren und effektivere Gaseinsätze zu erarbeiten. Das Gaspionier-Regiment Nr. 35 (bzw später 36) wurde aufgestellt. Offenbar beteiligten sich alle eingeladenen Wissenschaftler, die teilweise wie Hahn schon an der Front lagen, widerspruchslos an diesem Projekt, sei es aus Patriotismus, wissenschaftlicher Neugier oder, um dem Fronteinsatz als einfacher Soldat zu entgehen. Ob dies immer eine ganz freiwillige Entscheidung war, ist strittig, da nicht zu klären ist, welche individuellen Konsequenzen eine Verweigerung gehabt hätte.[28] Vom Pazifisten Richard Willstätter, dem stellvertretenden Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie, ist bekannt, dass er sich zunächst sträubte, später aber auch für die Gasmasken-Entwicklung einspannen ließ. Haber soll zu ihm (scherzhaft?) gesagt haben:

„Ich bin Hauptmann, ich gebe Ihnen den Befehl zu der Arbeit.“[29]

(Haber wurde nach dem ersten großen Giftgasangriff zum Hauptmann befördert.)

Kaum bekannt ist, dass auch der Göttinger Professor Max Born, der zu dieser Zeit Sprechfunkgeräte für Jagdflugzeuge entwickelte, die Einladung Habers ablehnte:

„Ich hatte eine starke Abneigung gegen die chemische Kriegsführung, lehnte alle Angebote, daran teilzunehmen, ab und blieb bei meinen Funkern, die weniger brilliant als die Gasleute waren, doch eine viel harmlosere Aufgabe hatten, sofern man irgendeine mit dem Krieg verbundene Aufgabe als harmlos betrachten kann.“[30]

Auch Otto Hahn hatte zunächst gemischte Gefühle, als Haber ihm das Projekt vorstellte. In seinen Erinnerungen schrieb er:

„Ich wusste, daß nach der Haager Konvention die Verwendung von Gift im Krieg verboten war (...). Haber sagte mir, dass auch die Franzosen Giftpatronen besäßen - wir also nicht die Einzigen seien, die einen Gaskrieg vorbereiteten. Außerdem erklärte er mir, sei Gas am besten geeignet, den Krieg schnell zu beenden (...). Haber hat mich beruhigt, wenn man so will. Ich war damals noch gegen Giftgas, aber nachdem mir (...) Haber auseinandergesetzt hatte, worum es ging, hatte ich mich bekehren lassen - und später durchaus mit Überzeugung mitgemacht.“[31]

Haber spielte darauf an, dass von der französischen Seite schon im ersten Kriegsmonat in kleinem Umfang mit Gewehren oder Pistolen Tränengas-Patronen verschossen wurden, so wie sie auch schon vor dem Krieg von der Pariser Polizei verwendet wurden (andere Quellen sprechen von „Reizgasgranaten“ oder „Erstickungs-Kartuschen“ und mit Reizgas gefüllten Handgranaten). Im offenen Feld zeigten sie jedoch kaum Wirkung.[32]

Nach der Haager Landkriegsordnung von 1899 und 1907 war verboten, „Geschosse zu verwenden, deren einziger Zweck es ist, giftige Gase zu verbreiten.“[33] Diese uneindeutig formulierte internationale Abmachung konnte umgangen werden, indem das Gas nicht „verschossen“ wurde: Haber entwickelte zunächst Flaschen, aus denen nach Öffnen Gas als Wolke austrat. Die Experten sprachen offiziell auch nur von „Gas“ oder „Reizgas“ und nicht von „Giftgas“. In einem Handbuch zum Gebrauch der Gasschutzmittel ist zu lesen:

„Der Gaskampf wird nicht mit Giftstoffen, sondern mit Reizstoffen geführt. (...)Besitzen die Reizstoffe eine bedeutende Dichtigkeit in der atmosphärischen Luft, so können die Reizwirkungen an den Atmungsorganen soweit gehen, daß der Betroffene stirbt.“[34]

Der Vergleich der französischen Tränengaspatronen mit Habers eigenen späteren Kreationen wie dem Chlor-Phosgen-Gemisch, Perstoff und Senfgas war zwar abwegig, trotzdem schloss sich eine 1923 eingeleitete Untersuchung des Reichstages zum Gaskrieg der Einschätzung Habers aber an und kam zu folgendem lakonischem Ergebnis: Auf beiden Seiten hätte man im Verlauf des Krieges die Haager Erklärung „durch stillschweigendes Einverständnis als aufgehoben“ betrachtet. Da die Franzosen angefangen hätten, hätte Deutschland „damit lediglich eine völkerrechtliche Gegenmaßnahme ergriffen“.[35]

Hahn gab später allerdings zu, damals keine Kenntnis von Chlorgasforschung der Gegenseite gehabt zu haben.[36]

Historiker unterscheiden in ihrer moralischen Beurteilung oft zwei Phasen in der chemischen Kriegsführung im 1. Weltkrieg: Bis etwa April 1915 sollten die von beiden Seiten eingesetzten Stoffe angeblich nicht tödlich wirken und den Gegner nur aus seinen Schützengräben vertreiben. Mit dem massenhaften Einsatz von Chlor bekam das Gas eine tödliche Wirkung, deren Dimension die Urheber zunächst noch selbst überrascht haben soll. Haber und Hahn haben diese zweite Gaskriegs-Phase eingeleitet.

Rückblickend bezeichnete Haber die chemische Kriegsführung als nicht grausamer als irgendeine andere Kriegswaffe. Sie wäre regelrecht „human“ gewesen, weil ein Großteil der Vergifteten überlebte und die Chance gehabt hätte, sich zu schützen.[37] Außerdem, so erklärte er in einem Vortrag 1918, sei der Einsatz dem Deutschen Heer angesichts des unbeweglichen Stellungskrieges aufgezwungen worden.[38]

Unzählige Menschenleben wären zu retten, wenn der Krieg auf diese Weise schneller beendet werden könnte. Mit dieser Begründung hatte er Hahn 1915 zu überreden versucht. Auch Hahns Kollegin Meitner vertrat diese Ansicht. Ihr Fazit: Wenn nicht Hahn mitmache, so würden es eben andere an seiner Stelle machen.[39]

Mit dem Vorsatz, den Krieg schneller zu beenden, wurde schließlich auch die Entwicklung der Atombombe begründet.[40]

Noch 1955 verteidigte Hahn die Entwicklung von Giftgas indirekt und zog eine Parallele zum atomaren Wettrüsten des Kalten Krieges:

„Warum geben sich Wissenschaftler dazu her, die Möglichkeiten für solche Zukunftsvernichtungsmittel [Wasserstoffbombe] zu schaffen? (...) um den Gegner zu hindern, einen Atomkrieg zu entfesseln, weil der Gegenschlag dann einsetzen würde. Wir erinnern uns an die Warnung von Churchill aus dem Jahre 1942 an Hitler vor der Anwendung von Giftgas im Kriege unter Androhung von Vergeltungsmaßnahmen mit der gleichen Waffe. Vermutlich war es diese Warnung, daß Giftgase während des Zweiten Weltkrieges nicht verwendet worden sind, vorhanden waren sie auf beiden Seiten.“[41]

Der Atomphysiker James Franck, der 1915 wie Hahn ins Gasregiment eintrat, sollte später die genau entgegengesetzte Ansicht vertreten: Im Juni 1945 appellierte er eindringlich an den US-Kriegsminister, auf das Bedrohungsszenario mit Atombomben zu verzichten, da es das internationale Wettrüsten nur forcieren würde und zwängsläufig den schwächeren Gegner zu einem Erstschlag verleiten würde - Und auch Franck zieht die Parallele zwischen Atombomben und dem im Zweiten Weltkrieg nicht eingesetzten Giftgas:

„Wir [die USA] verfügen über große Mengen Giftgas, aber wir wenden es nicht an; vor kurzem erhobene Befragungen haben ergeben, daß die öffentliche Meinung in unserem Land dies mißbilligen würde, selbst wenn damit der siegreiche Ausgang des Krieges im Fernen Osten beschleunigt werden könnte“.[42]

Otto Hahn und James Franck waren nicht die einzigen namhaften Wissenschaftler bei Habers Giftgasprojekt, bzw Gasregiment. Folgende Namen werden von verschiedenen Quellen in diesem Zusammenhang erwähnt:[43]

Oberst Petersen (Kommandant des Gaspionier-Regiments, später Generalmajor), Wilhelm Steinkopf (KWI für Physikalische Chemie), Gerhard Just (KWI für Physikalische Chemie), Prof Herbert Freundlich (KWI PC), Max Bauer (Oberst, Techniker), Adolf von Baeyer (KWI für Chemie), A. Bloemer, Dr Friedrich Kerschbaum (KWI PC, technischer Adjutant) Friedrich Epstein (KWI PC), Ferdinand Flury, Dr Richardt, Dr. Victor(?) Froboese, Oberstleutnant Blum (Kommandeurs-Vertreter), Dr. (Hermann?) Henze, Prof. Wolfgang Heubner (Direktor des Pharmakologischen Instituts der Uni Göttingen), Fritz Meffert (später Reichskommissar für Schädlingsbekämpfung), Hans Tappen (KWI PC), Otto Lummitsch (Adjutant), Otto Sackur (KWI PC), Prof. Gruber, Oberst Gerhard Tappen, Julius Meyer, Dr. Karl(?) Heber, Oberstleutnant Dr. Hermann (Kommandostab Gasregiment, später Direktor der IG Farben), Prof. Burckhardt Helferich (Uni Leipzig, später Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker), Ernst Madelung (Privatdozent, Göttingen), Wilhelm Westphal (Uni Berlin), Johannes Thiele (Universität Straßburg), Prof. Schmauss (Meteorologe), Dr. Linker (Meteorologe), Prof Richard Willstätter (stellvertr. Direktor KWI C, Nobelpreis 1915), Hans Geiger (später Erfinder des Geigerzählers), Heinrich Wieland (KWI PC, Nobelpreis 1927, nach 1948 im Senat der Max Planck-Gesellschaft), Gustav Hertz (KWI PC, später Atomphysiker bei Siemens bis 1945, danach in Russland und DDR, Nobelpreis 1925), James Franck (KWI PC, später bedeutender Lehrer an der Uni Göttingen, unterrichtete die Väter der Atombombe, 1933 emigriert, beteiligt am US-Atombomben-Projekt bis Juni 1945, Nobelpreis 1925, Göttinger Ehrenbürger), Fritz Haber (Direktor KWI PC, Nobelpreis 1918), Otto Hahn (KWI C, Nobelpreis 1944).

Zusammen mit dem eigenständig arbeitenden Walther Nernst waren also mindestens sieben spätere Nobelpreisträger im Giftgaseinsatz und manche, die heute einen Ruf als unbescholtene, integre Persönlichkeiten mit Beziehungen zu Göttingen haben und deren Rolle im ersten Weltkrieg kaum bekannt ist. . Über Nernst heißt es in einem Nachschlagewerk („Das Göttinger Nobelpreiswunder“ 2002) lapidar: „Während des Krieges stellte Nernst seine Arbeitskraft dem Militär zur Verfügung“,[44] Über Gustav Hertz schreibt das gleiche Buch: „1915 Kriegsdienst und Kriegsverletzung“[45] (er wurde bei einem Angriff von eigenem Giftgas 1915 schwer verwundet). Über Franck: „Im Ersten Weltkrieg wird Franck durch Giftgas stark geschädigt und kehrt schwerkrank nach Berlin zurück.“[46]

 

Die Aufgaben der beteiligten Wissenschaftler umfassten den ganzen Bereich des Gaskrieges:

·        die Erforschung, Entwicklung und Prüfung immer neuer Giftgase und Gasmasken an den Instituten, inklusive gefährlicher Erprobung neuer Masken in Selbstversuchen

·        Überwachung der Gasproduktion und Abfüllung in den großen Chemiefabriken

·        Organisation des Transports der Gasbehälter und ihrer Installation an der Front

·        Aufklärung der Offiziere des Gasregiments über die Wirkung des Gases und Schulung der Soldaten im Gebrauch der Gaswaffen und Masken

·        Erkundung des geeignetsten Einsatzortes und Errechnung des meteorologisch günstigsten Angriffszeitpunktes, sowie Untersuchung der Auswirkungen des Gaseinsatzes

Das Budget für Habers Institut für Physikalische Chemie stieg im Verlauf des Krieges um das Fünfzigfache an auf drei Millionen Reichsmark, ab 1916 ausschließlich finanziert von der Heeresverwaltung. Bis zu 2000 Personen arbeiteten für ihn, darunter 150 wissenschaftliche Mitarbeiter (vor dem Krieg waren es fünf).[47]

4       Der Gaskrieg an der Front

Unter strengster Geheimhaltung wurde schon im Februar 1915 die Vorbereitung zum ersten großen Gasangriff getroffen. Die Gastruppe nannte sich zur Tarnung „Desinfektionskompagnie“, es wurden Schienen von den Gasabfüllstationen an die Front verlegt, Kesselwagen dienten als Depot.[48] Bei Ypern in Flandern, wo sich der Krieg zum zermürbenden Grabenkrieg ohne Geländegewinn entwickelt hatte, wurden tausende Stahlflaschen mit Chlorgas an der vordersten Front eingegraben. Über Wochen verzögerte sich dann der Einsatz wegen des wechselhaften Wetters.

Auch Otto Hahn war als Organisator und „Frontbeobachter“ vor Ort, er hatte auch die Offiziere über die Eigenschaften des Gases aufzuklären. Während die älteren Offiziere der neuen Waffe skeptisch gegenüberstanden, waren die jüngeren und die Mannschaften leichter zu begeistern.[49]

In dieser Zeit feierte Hahn seinen 35. Geburtstag. Ein Foto zeigt ihn und drei weitere Personen, alle in Uniform, gut gelaunt vor einem improvisierten Geburtstagstisch an der Front.[50]

Auch Fritz Haber war regelmäßig persönlich am Einsatzort. Wilhelm Westphal erinnerte sich:

„Bei Habers Besuchen ging es dann abends im Kasino immer fröhlich her, besonders wenn er seinen Freund Carl Duisberg [den Direktor der Bayer-Werke] mitgebracht hatte, der dann immer mit viel gutem Wein und anderen guten Dingen versehen war“.[51]

Zeitgleich zur Vorbereitung des Einsatzes vor Ypern erfolgte im Hinterland auf dem Truppenübungsplatz Beverloo die Generalprobe: Hierbei gerieten Haber und Oberst Bauer gefährlich nah an die Gaswolke und litten tagelang an schweren Atembeschwerden. Die heimtückische Wirksamkeit des Chlorgases war somit erwiesen.[52]

Wegen der ungünstigen Witterungsverhältnisse wurde der Angriffsplan schließlich geändert, ein Teil der Gasflaschen wieder ausgegraben und mit einem Teil des Gaspionier-Regiments Anfang April an einen nördlicheren Frontabschnitt verlegt. Hahn war nach eigenen Angaben inzwischen abkommandiert worden, um noch weitere mögliche Einsatzorte zu erkunden.[53]

Am 16. April gerieten die deponierten Gasvorräte in Gefahr durch einen englischen Angriff (einige Gasbehälter waren hier im Verlauf der Kämpfe schon geplatzt und hatten Verluste in den eigenen Reihen gefordert).[54]

Beim folgenden Gegenangriff beteiligten sich auch Wissenschaftler der Gastruppe, der Chemiker Gruber wurde dabei erschossen. James Franck stürzte in einen Granattrichter und nutzte diese Gelegenheit, um während der weiter tobenden Kampfhandlungen Luftproben-Untersuchungen zu machen, so wie es sein Auftrag war. Für diese Tollkühnheit erhielt Franck das eiserne Kreuz zweiter Klasse.[55]

Am 22. April 1915 erfolgte dann der erste große Gasangriff des Ersten Weltkriegs. Auf einer Breite von 20 Kilometern wurden tausende Gasflaschen zeitgleich aufgeschraubt. 168 Tonnen Chlorgas trieb als Wolke auf die feindlichen Schützengräben zu. Die Kanadische Division und algerische Kolonialsoldaten wurden völlig überrascht, das Gas verätzte die Atemwege, es entstand Panik. Es war ein Gefühl, so berichtete ein Opfer, „als kotze man seine Lunge stückweise aus“. 1000 bis 6000 starben, 3000 bis 15000 wurden schwer vergiftet. Das Ablassen des Gases dauerte nur fünf Minuten. Auch die Deutschen waren von der Wirkung offenbar überrascht, der Geländegewinn wurde nicht genutzt, Nachschub rückte nicht nach, eventuell auch, weil schon bald die Dämmerung einbrach.[56]

So war dieser Angriff vor allem Eines: Ein wissenschaftliches Experiment, ein Feldversuch mit tausenden Toten.[57]

Hahns Mitarbeiterin Lise Meitner gratulierte ihrem Kollegen Hahn schriftlich zu dem „schönen Erfolg bei Ypern“.[58]

Der Kaiser jubilierte, herzte den Oberbefehlshaber Falkenhayn und spendierte General Tappen eine Flasche Champagner.[59] Fritz Haber kehrte am 1. Mai in seine Berliner Villa zurück, um dort den „Erfolg“ und seine Beförderung zum Hauptmann zu feiern. In dieser Nacht erschoss sich seine Frau Clara Immerwahr, promovierte Chemikerin und schärfste Kritikerin Habers, mit seiner Dienstwaffe. Am nächsten Tag brach Fritz Haber ungerührt auf an die Ostfront nach Galizien, dem zukünftigen Einsatzort seines Gasregiments.[60]

Schon am 24./25. April gab es einen zweiten Gasangriff bei Ypern, doch nun schützten sich die Gegner mit improvisierten getränkten Tüchern.[61] Von nun an begann die Entwicklung immer besserer Schutzvorkehrungen und immer perfiderer Giftgase. Schon im September 1915 setzte auch England Giftgas ein - was deutsche Chemiker wie Fischer und Duisberg vorhergesehen hatten.[62]

Auch Otto Hahn wurde an die Ostfront versetzt, wo bei Bolimow in Galizien der nächste Giftgaseinsatz vorbereitet wurde. Diesmal war er nicht nur beim Angriff persönlich anwesend, er trieb die zögerlichen Angreifer auch regelrecht voran, wie er in seinen Lebenserinnerungen schilderte:

„Am 12. Juni stand der Wind günstig und wir ließen eine Mischung aus Chlorgas und Phosgen, einem sehr giftigen Gas, ab. Bei der zum Angriff bereitstehenden Infanterie gab es dabei kurze Zeit eine Panik, als ein Teil der Gaswolke in die eigenen Reihen getrieben wurde. Um dieser Situation Herr zu werden, ging ich mit einigen Kameraden unbewaffnet, aber mit angelegter Gasmaske, gegen die feindlichen Stellungen vor. Es fiel kein Schuß, und die Truppe folgte. Der Angriff wurde ein voller Erfolg; die Front konnte auf sechs Kilometer Breite um mehrere Kilometer vorverlegt werden.“[63]

Hahns Mut war wissenschaftliche Kalkulation: Er verließ sich auf die Funktion seiner Gasmaske. Und er wusste, dass er keine Gegenwehr zu erwarten hatte, denn die Russen waren nicht im Besitz von Schutzmasken, und alle, die nicht die Flucht ergriffen hatten, waren nicht mehr in der Lage zu schießen. So konnte ihn das Resultat seiner Erfindung eigentlich nicht überraschen:

„Beim Vorgehen trafen wir auf eine erhebliche Anzahl gasvergifteter Russen, die vor der Wolke nicht mehr hatten fliehen können. Sie waren ohne Schutzmaske vom Gas überrascht worden und lagen oder hockten nun in bejammernswertem Zustand herum. Dem einen oder anderen versuchten wir mit unseren Rettungsgeräten das Atmen zu erleichtern, ohne jedoch ihren Tod verhindern zu können. Ich war damals tief beschämt und innerlich sehr erregt, denn schließlich hatte ich doch selbst diese Tragödie mit ausgelöst“.[64]

Beim Anblick der Opfer seiner Erfindung entwickelte Hahn Schuldgefühle, Konsequenzen für sein zukünftiges Verhalten zog er daraus aber nicht. Einige Monate später bilanzierte er:

„Der ständige Umgang mit diesen starken Giftstoffen hatte uns so weit abgestumpft, daß wir beim Einsatz an der Front keinerlei Skrupel hatten.“[65]

Dass Hahn beim Anblick der sterbenden Russen 1915 „damals tief beschämt“ war, war also nur eine flüchtige Gemütsbewegung. Sie erinnert frappierend an die kurzzeitige Erschütterung, als Otto Hahn im August 1945 vom Abwurf der Hiroshimabombe hörte, die erst durch seine Entdeckung der Kernspaltung möglich gewesen war.[66]

Einige Tage nach dem Einsatz in Bolimow fand beim nahe gelegenen Lowics (in Abwesenheit Hahns) der nächste Gasangriff statt. Wieder trieb das Gas in die eigenen Reihen und forderte viele Opfer. Unter anderem wurde Gustav Hertz schwer vergiftet und musste monatelang behandelt werden.[67]

In einem „Geburtstagsgruß an Gustav Hertz“ blickte Hahn 47 Jahre später völlig verklärt auf die Begleitumstände der Gasangriffe bei Bolimow zurück: Mit einem „Schmunzeln“ erinnerte er an „das Frühjahr oder den Frühsommer 1915, als wir uns in Polen zu gemeinsamem Kriegshandwerk zusammenfanden“. Hahn erwähnt die Anordnung der Bettgestelle der Unterkunft, den „Schlummertrunk“, den Streit über die Anzahl der Läuse und die gute Kameradschaft zwischen Leutnant Hahn und Leutnant Hertz, die „wochenlang in friedlicher Untätigkeit“ bei Bolimow ihre Zeit verbracht hätten.

„Auf diesem und einem ähnlichen Niveau gingen die heißen Tage in Bolimov dahin, aber es kam schließlich auch anders. Eines Tages war plötzlich wieder Krieg. Sie (Hertz) wurden als Patrouillenführer gegen den Feind geschickt. Schwer verletzt wurden Sie zurückgebracht. Lange Zeit verbrachten Sie im Kriegslazarett Küstrin. Sie wurden wieder gesund aber die Tage an der Front waren für Sie vorbei. Sie blieben uns erhalten, und so gedenken Ihre alten Freunde und Kameraden auch hier des Geburtstages eines lieben Kameraden(...).“[68] Illustriert wird der Artikel mit einem Foto, das Hertz, Hahn, Madelung, Westphal und Baeyer in Uniformen zeigt.

Dass Hahn für seinen öffentlichen Geburtstagsgruß ausgerechnet Anekdoten aus den Tagen der Vorbereitung des Gasangriffs auf Bolimow auswählte und dachte, Gustav Hertz damit eine Freunde zu machen, zeugt von einem hohen Mangel an Sensibilität oder der völligen Abwesenheit jeglicher Schuldgefühle des 82-Jährigen. Von einem lückenhaften Gedächtnis kann nicht ausgegangen werden, denn fünf Jahre später beschrieb Hahn in seinen Lebenserinnerungen die Umstände der Gasangriffe sehr detailliert (wenn auch offenbar falsch datiert). Gerade diese Passage wird immer dann angeführt, wenn belegt werden soll, dass Hahn ein Leben lang unter Schuldgefühlen wegen seiner Gaskriegsbeteiligung gelitten habe.[69] Der in den Physikalischen Blättern veröffentlichte Geburtstagsgruß konnte für die unwissenden Leser von 1962 als harmlose Anekdote abgehakt werden, gewürzt mit dem im Ersten Weltkrieg gebräuchlichen sarkastischen Feldhumor alter Kriegskameraden. Für Hertz und alle damals Beteiligten steckte in dem Hinweis auf Bolimow und seine Verletzung eine ganz andere Botschaft - die Erinnerung an den gemeinsam begangenen und gemeinsam verdrängten massenhaften Giftgasmord. Zu den Lesern bzw. Autoren der Physikalischen Blätter gehörten zu dieser Zeit auch die ehemaligen Gaskrieger Westphal und Franck.[70] Von Franck und Hertz sind keine Aussagen zur Gaskriegsbeteiligung bekannt geworden. Westphal publizierte einen Monat nach Hahn auch einen Artikel in den Physikalischen Blättern. Anlässlich des Geburtstags von Franck erwähnt auch Westphal den 1. Weltkrieg, gibt an, sich noch gut an diese Zeit erinnern zu können, geht aber nicht darauf ein, an was er sich denn konkret erinnere.[71] Bricht Hahn also das Tabu, wenn er freimütig über die gemeinsamen Kriegserlebnisse plaudert? Oder gibt er seinen Kollegen nur eine Vorlage, in welcher Form ihr gemeinsamer Einsatz unverfänglich umschrieben werden konnte, ohne die dunkle Seite zu offenbaren?[72]

Dem Vergleich dieser beiden widersprüchlichen Dokumente des Gaskriegs bei Bolimow kommt eine Schlüsselrolle in der Beurteilung Otto Hahns zu. Kann die Zeit rund um den ersten selbst erlebten Giftgasangriff, der ihn tief beschämt hat, später zu einem „Schmunzeln“ verleiten? Und was ist davon zu halten, dass Otto Hahn die Formulierung „ich war damals tief beschämt und innerlich sehr erregt“ in seinem Buch gleich zweimal verwendet - erst in den schriftlichen Erinnerungen und dann scheinbar spontan, aber im exakt gleichen Wortlaut im abgedruckten Interview über ebendiesen Text?[73] Im weiteren Verlauf des Rückblicks ist zumindest von Scham und Reue wenig zu spüren, wenn Hahn lakonisch über seine rastlosen Einsätze berichtet. Eher ist eine Spur von soldatischem Stolz auf seine Unbekümmertheit und seine exponierte Position im Gasregiment herauszulesen, wie mehrere in diese Arbeit eingestreute Zitate belegen werden.

Die Vergiftung von Hertz durch eigenes Gas zeigte, dass auch die deutschen Schutzmaßnahmen offenbar doch noch nicht völlig ausgereift waren. Um solche Pannen zukünftig zu vermeiden, wurde Otto Hahn mit einigen Kollegen damit beauftragt, in Berlin den Truppen Unterricht im Gebrauch von Gasmasken zu erteilen. Daneben prüfte er die Eigenschaften neuer Giftstoffe wie Phosgen („Grünkreuz“).[74]

Im Anschluss beteiligte sich Hahn ab Sept. 1915 wieder an mehreren Vorbereitungen zu Gasangriffen an Ost- und Westfront (u.a. bei Ossowiez und Reims). Anfang 1916 war auch ein Einsatz von Gas in der Türkei geplant. Hahn schrieb dazu: „Unsere Freude, den Orient kennenzulernen, war allerdings kurz“ - Das Unternehmen wurde abgesagt.[75]

5       Gaskriegsforschung im Hinterland

Zwischen den Giftgaseinsätzen und Experimenten im Institut wurde Hahn auch mehrmals zu den Bayer-Werken nach Leverkusen eingeladen. Hier beaufsichtigte er im Mai 1916 die Herstellung neuartiger Gasgranaten, die von der Artillerie verschossen werden sollten. Hahn füllte eigenhändig hunderte Granaten mit gekühltem, flüssigen Phosgen. Einige Hilfsarbeiterinnen der Bayer-Werke erlitten durch undichte Granaten Vergiftungen. Auch Hahn verätzte sich leicht an einem Phosgenspritzer. Er nahm es gelassen:

„Dieses Kommando hatte auch seine sehr angenehme Seite, denn ich konnte auf Einladung von Geheimrat Duisberg mit meiner Frau im Gästehaus der Fabrik wohnen.“[76]

In Duisbergs Bayer-Werk arbeitete Hahn auch an neuen Giftstoffen, z.B. einem Gemisch aus Perstoff und Phosgen.

„Das Blaukreuz war ein starker Reizstoff, der Gasmasken zum Teil durchdrang. Das Grünkreuz war ein typisches Giftgas (...). Bei gleichzeitiger Verwendung beider Stoffe (...) wurde der Angegriffene zunächst gezwungen, seine Gasmaske abzureißen, danach war er dem Giftgas schutzlos preisgegeben.“[77]

 

Die Gase wurden nach folgenden Eigenschaften untersucht: Temperaturstabilität (beim Verschießen oder Detonation), Flüchtigkeit, Wirkungsdauer, Haltbarkeit, Lagerbarkit, Sesshaftigkeit, Latenzzeit, Geruchlosigkeit. Manche der Eigenschaften hatten neben der körperlichen Schädigung auch eine gravierende psychologische Wirkung. Fritz Haber stellte oft Panik fest unter den angegriffenen Truppen. Es herrschte eine latente Angst vor der unsichtbaren unberechenbaren Gefahr. Haber: „Die Angst übertreibt die Wirkung.“[78] Dieses Gefühl konnte noch verschärft werden durch das Tragen der Gasmaske, denn die frühen Masken erlaubten nur langsames Atmen und boten wenig Sicht.

Besonders heimtückisch war die spät eintretende Wirkung mancher Gase, z.B. von Senfgas („Gelbkreuz“), das seit 1917 einsetzt wurde. Zwar war dies auch am KWI für Chemie mitentwickelt worden (unter Abteilungsleiter Wieland) aber Hahn war nach eigener Aussage nicht daran beteiligt.[79] Dieses fast geruchlose Gas war besonders gefährlich, weil es zunächst gar nicht wahrgenommen wurde, der Gegner seine Gasmaske nicht aufsetzte und erst nach Stunden die ersten Beschwerden einsetzten und dann immer schlimmer wurden. Die meisten starben erst nach ein bis vier Wochen.[80]

Für einen Sturmangriff war dieser Langzeit-Effekt eher unpraktisch. Der psychologische Effekt war umso gravierender. Das qualvolle, unaufhaltsame Dahinsiechen der Senfgasopfer konnte auf die Moral der übrigen Truppe zermürbender wirken, als schnell wirkende tödliche Gase. Ende 1917 wurden riesige Abfüllanlagen für Senfgas gebaut. Es galt, in aller Eile Gift zu produzieren für eine letzte große Offensive der deutschen Armee im Frühjahr 1918. Die Errichtung der Anlagen in Adlerhof (bei Berlin) und in Breloh (am Truppenübungsplatz Munster) beaufsichtigten Haber und sein Mitarbeiter Hugo Stoltzenberg, in Adlerhof unter Beteiligung des Gasregiments 35. In Breloh waren auch Kriegsgefangene im Einsatz, von denen die meisten wegen Unterernährung erkrankten. Und auch die übrigen Arbeiter mussten aus Gesundheitsgründen häufig ausgewechselt werden. Eine hohe Zahl von Vergiftungen, zum Teil mit Todesfolgen waren auch in den anderen Abfüllanlagen von Bayer und Hoechst nicht ungewöhnlich.[81]

Ab Herbst 1916 wurden 60000 Menschen aus dem besetzten Belgien zur Zwangsarbeit bei den Bayer-Werken deportiert. Diese verweigerten sich aber vielfach durch aktiven und passiven Widerstand der Gas- und Sprengstoffproduktion.[82]

Fritz Haber benannte noch eine weitere, ganz besondere Funktion von Senfgas. Im Mai 1918 erklärte er vor Vertretern von Bayer, Hoechst, BASF und Wissenschaftlern (darunter Otto Hahn), Senfgas habe sich als „fabelhafter Erfolg“ erwiesen. Es sei besonders fatal, da die Wirkung erst spät eintritt und das Gas sich nicht verflüchtigt. Man konnte damit Wasser, Nahrung und Gebäude dauerhaft vergiften. Das verseuchte Gelände konnte Monate lang nicht mehr betreten werden. Somit komme Senfgas nach Habers Ansicht eine Aufgabe als „Defensivwaffe“ zu.[83]

Im Klartext bedeutete dies: Es sollte eingesetzt werden, um auf dem Rückmarsch der deutschen Armee das Gebiet zu verseuchen, das dem Feind überlassen werden musste. Mit dem Einsatz dieser Taktik war deutlich, dass Deutschland den Angriffskrieg bereits aufgegeben hatte und es nur noch um einen geordneten Rückzug ging. Die Kriegsphilosophie rücksichtsloser Zerstörung wird auch daran deutlich, dass selbst die deutsche Armee keine wirksamen Gegenmittel gegen die Verseuchung durch Senfgas hatte. Nur Tage nach dem ersten Einsatz am 12. Juli 1917 aber hatten französische und englische Labore die Bestandteile analysiert und begannen ihrerseits mit der Produktion, eingesetzt wurde es erst im folgenden Jahr.[84]

Die immer perfideren Gase verlangten immer besseren Schutz. Otto Hahn hatte 1917 in Berlin und Döberitz Gasmasken zu prüfen. In seinen Lebenserinnerungen beschrieb er dies:

„Ich war eines der freiwilligen „Versuchskaninchen“, das die Maske so lange aufzubehalten hatte, bis das Gas die Atemwege durchbrach. Wir füllten dazu eine abgedichtete kleine Bretterbude mit einer exzessiv hohen Konzentration an Phosgen und hielten uns in dieser Atmosphäre auf, bis die Schutzwirkung der Gasmaske nachließ. Die Zeiten wurden von außen mit Uhren bestimmt.“[85]

Solche Versuche machten vor allem Hahn und Franck. Auch wurden Proben von Gaswolken genommen, eine nicht ungefährliche Arbeit, bei der ein Chemiker der Bayer-Werke tödlich vergiftet wurde, weil seine Maske verrutscht war. Phosgenvergiftungen erlitt auch Willstätter bei seiner Gasmaskenforschung.[86]

Zunehmend problematisch wurde dabei der Rohstoffmangel für das Abdichtungsmaterial.

Otto Hahn pendelte in der gesamten Kriegszeit zwischen Gaseinsätzen an Ost-, West- und Südfront und Gasexperimenten in den Laboren. Er war offizielles Mitglied des Großen Hauptquartiers und mehrmals als Sachverständiger für Gas auf großen Besprechungen des Militärs mit Wirtschaftsvertretern und führenden Wissenschaftlern. Nur kurz fand er zwischendurch auch etwas Zeit, sich in seinem Institut wieder der Radiumforschung zu widmen.[87]

Die Technik des Gaskampfes hatte sich im Verlauf des Krieges weiterentwickelt. Die Gasflaschen wurden erst durch Granaten und ab 1917 durch Gaswurfminen ersetzt, die Minenwerfer hatten eine Reichweite von mehreren Kilometern. Die schnelle Ausbreitung des Gases durch Minenwerfer lässt dem Gegner kaum Zeit für Schutzvorkehrungen. Der massive Einsatz führt in der Atmosphäre zu einer Verdrängung der Luft und damit trotz Gasmaske zu Atemnot. Bei dem von Otto Hahn für die Österreichische Armee vorbereiteten Angriff bei Caporetto an der Insonzofront wurden am 24.Okt. 1917 erstmalig 900 deutsche Gasminenwerfer eingesetzt. Die anschließende große Offensive erbrachte einen Geländegewinn von 130 Kilometern und 38-40000 Tote auf gegnerischer Seite.[88]

Bis in die allerletzten Kriegstage war Hahn mit Erforschung neuer Giftwaffen befasst. Im Oktober 1918 erhielt er den Auftrag, auf einer Halbinsel vor Danzig Experimente mit einer neuen Geheimwaffe durchzuführen, bei der schwelende Gaswolken aus großen Bottichen austreten sollten. (Es könnte sich dabei um „Lewisit“ gehandelt haben, einen Nebel-Reizstoff, den die Forscher Wieland, Bloemer und Thiele 1917 entdeckt hatten und der noch bis zum Zweiten Weltkrieg als von „besonders hohem Kampfwert“ galt. Auch James Franck hatte im Laufe des Krieges Möglichkeiten zur Herstellung von besonders feinen Gas-Nebeln untersucht.) Nach den ersten Versuchen bei Danzig wollte Hahn Bericht erstatten, doch inzwischen hatte der Arbeiter- und Soldatenrat in Deutschland die Macht übernommen und der Krieg war beendet.[89]

Bilanz:

Es gab im Ersten Weltkrieg ca. 400 Giftgaseinsätze, vor allem durch Deutschland, gefolgt von Frankreich und England. 500000 bis 1,3 Millionen wurden vergiftet und überlebten, 26000 bis 90000 starben an den Folgen, die meisten durch Phosgen. Trotzdem war Giftgas nicht die kriegsentscheidende Waffe (bei insgesamt 10 Millionen Toten).

6       Die Gaskriegsforscher nach dem Krieg

Die Giftgasforschung war mit dem Krieg nicht vorbei. Noch fünf Tage vor Kriegsende übermittelte das Kriegsministerium sechs Millionen Reichsmark an die Kaiser-Wilhelm-Institute zu weiterer Gasforschung (durch die Inflation war das Geld aber schnell aufgebraucht).[90]

Haber führte seine Giftgasforschung am Institut für Physikalische Chemie unbeirrt fort. In seinem Institut sammelte sich auch ein Teil der alten Kriegsveteranen (Franck, Hertz, Freundlich, Baeyer, Flury, Kerschbaum).[91]

Zuvor aber musste Haber seinen internationalen Ruf rehabilitieren. Mit Walther Nernst und Bayer-Werke-Chef Carl Duisberg stand er auf der internationalen Liste der Kriegsverbrecher. Um in Berlin während der Novemberunruhen nicht erkannt zu werden, ließ er sich einen Bart wachsen, flüchtete dann für ein paar Monate ins Schweizer Exil und versuchte, Schweizer Staatsbürger zu werden, um seine Auslieferung vor ein internationales Kriegsgericht zu verhindern. Doch dann wurde er 1919 von der schwedischen Akademie für den Chemie-Nobelpreis ausgewählt (wegen seiner Erfindung der Ammoniaksynthese von 1913). Er wurde daraufhin von der Kriegsverbrecherliste gestrichen, der Auslieferungsantrag wurde zurückgezogen, und er konnte 1920 unbehelligt zur Preisübergabe nach Stockholm reisen.[92]

Auch Walther Nernst (der selbst betonte, in leitender Stellung an zahlreichen Gasangriffen beteiligt gewesen zu sein, auch auf der Kriegsverbrecherliste stand und wie Haber sicherheitshalber in die Schweiz umsiedelte) und Richard Willstätter erhielten 1920 rückwirkend Nobelpreise und waren damit öffentlich rehabilitiert. Da auch Max von Laue, Max Planck und Carl Bosch der Preis verliehen wurde, geriet die Nobelpreisfeier 1920 zu einem Triumph für die deutsche Wissenschaft.[93] Der Preisverleihung blieben aber viele Wissenschaftler aus Protest fern.[94]

Das Verhältnis zwischen internationalen Forschern blieb aber ambivalent und war geprägt von Respekt vor der wissenschaftlichen Leistung, vollkommen unabhängig von politischen oder moralischen Erwägungen. So schrieben sich der englische Physiker Ernest Rutherford und sein ehemaliger Assistent, der deutsche Gaskrieger Hans Geiger noch während des Krieges Briefe, und Geigers in Berlin internierter englischer Kollege James Chadwick schwärmte 1918 vom Gaskrieger Nernst, der außerordentlich entgegenkommend sei und ihm in seiner Kriegsgefangenschaft ein kleines Labor für Kohlenstoff-Experimente ermöglichte.[95] Der ehemalige Gaskrieger Franck hatte höchstes internationales Ansehen, als er in den Zwanziger Jahren in Göttingen die amerikanischen Atomphysiker unterrichtete. Und über Gaskrieger Otto Hahn sagte Lise Meitner einmal:

„In den mehr als fünfzig Jahren unserer Bekanntschaft bin ich niemals einem Menschen begegnet, der Hahn nicht gern gehabt hätte.“[96]

Dass Otto Hahn 1918 nicht auf der Liste der Kriegsverbrecher erschien, hat wahrscheinlich den Grund, dass er in dieser Zeit wie Franck und Hertz international noch relativ unbekannt war. Nach dem Krieg beschäftigte sich Hahn nicht mehr mit der Gasforschung. Er trat zunächst zusammen mit vielen seiner Kriegskameraden der „Technischen Nothilfe“ bei. Nach dem Kapp-Putsch kam es in Berlin 1920 zum Generalstreik, die Aufgabe der Technischen Nothilfe war es, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, z.B. sprang sie ein, um die städtischen Heizanlagen weiter in Betrieb zu halten.[97] Nach diesem Zwischenspiel als Heizer widmete sich Hahn voll und ganz der Radiumforschung, wurde 1928 Direktor seines Instituts. Dass im nebenan gelegenen Institut für Physikalische Chemie weiter Giftgasforschung betrieben wurde, schien er nicht verfolgt zu haben.

Der Versailler Vertrag verbot Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg die Produktion und den Besitz chemischer Kampfstoffe. Doch unter kräftiger Mitwirkung staatlicher Stellen und der Großindustrie (z.B. der Junkers-Werke) wurde dieses Verbot vielfältig untergraben.

Schon im Krieg ab 1917 konzentrierte sich Fritz Haber auf einen Spezialbereich, der Giftgaseinsatz auch in Friedenszeiten erlauben würde. Es ging um Ungeziefer- und Schädlingsbekämpfung in Unterkünften der Soldaten und Getreidespeicher mittels Blausäure. Haber organisierte eine „Kompanie zur Schädlingsbekämpfung“. Schon im Krieg, ab Oktober 1918 übernahm die Chemische Industrie (Bayer, Hoechst) die Finanzierung: Es wurde die „Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung“ gegründet, bis 1920 unter der Leitung von Fritz Haber. Die „Degesch“ erlangte unter Habers Nachfolger Walter Heerdt in der NS-Zeit grausame Berühmtheit. Zunächst wurde mit Zyklon A hantiert (das nach dem Krieg verboten wurde), dann ab Anfang Zwanziger Jahre mit Zyklon B und Ende der Zwanziger mit Zyklon C. Von der „Degesch“ gibt es eine direkte Verbindungslinie zu den Gaskammern der Konzentrationslager.[98]

Haber beschäftigte sich nachweislich bis Ende der Zwanziger Jahre mit Giftgas, auch mit der Weiterentwicklung von Senfgas. Neben der Forschung in seinem Institut war er auch beteiligt am Aufbau von Abfüllanlagen für Granaten in Samara (ein deutsch-russisches Militärprojekt) und in Gräfenhainichen (in Thüringen). Diese Anlagen wurden offiziell getarnt als „Raffinerien“, sollten aber Phosgen, Chlorgas, Oxol und Senfgas produzieren. Die Leitung hatte Habers ehemaliger Mitarbeiter Hugo Stoltzenberg. 1925 wurde Haber Aufsichtsratsmitglied der neugegründeten IG Farben, dem Zusammenschluss der großen Chemiekonzerne, dem damals zweitgrößten Industriekomplex der Welt. Diese Konzerne sahen die geheimen Giftfabriken als Konkurrenz für ihre eigenen Oxol- und Chlorgasfabriken an und bewirkten, dass deren staatliche Subventionen erheblich gekürzt wurden, was Stoltzenbergs Firma ruinierte. Stoltzenberg war zuvor auch beauftragt worden, die Giftreste in Munster zu entsorgen, errichtete hier ein neues Senfgaslabor und in Hamburg eine Oxol-Fabrik.[99] Auch Spanien hatte Interesse an Oxol. Es wurde in Marokko in einer Tochterfirma Stoltzenbergs umgewandelt zu Senfgas, damit wurde ein Aufstand in der spanischen Enklave in Marokko niedergeschlagen. Auch bei der Verwirklichung einer Giftgasfabrik bei Madrid waren Stoltzenberg, Haber und auch Oberst Max Bauer vom Gasregiment involviert. In den gleichen Kreisen wurde auch über neue Kriegstechnik diskutiert, z.B. über Gasversprühen durch Flugzeuggeschwader.[100] (Die Firma Chemische Fabrik Hugo Stolzenberg produzierte noch bis spät in die Siebziger Jahre in Hamburg Nervengaskampfstoffe.[101])

Neben Russland und Spanien stellten auch Ungarn, Schweden, Finnland und Japan in den Zwanziger Jahren Anfragen nach deutschem Giftgas.[102]

Haber wurde weiter als Berater in Giftgasfragen geschätzt[103], aber allmählich wurden er und die Experten des Ersten Weltkriegs durch eine neue Riege von Forschern abgelöst (z.B. Richard Kuhn). Dies steht auch im Zusammenhang mit dem Beginn der NS-Herrschaft und dem „Beamtengesetz“ von 1933:

Fritz Haber, der auch jüdischer Abstammung war, 1892 aber zum Protestantismus konvertierte,[104] wollte diese Arisierung an seinem Institut nicht mit machen und trat am 30.April 1933 zurück. Er folgte damit den Beispielen Albert Einsteins und James Francks, die Ende März, bzw. Mitte April 1933 Deutschland den Rücken kehrten. Ihr so geäußerter öffentlicher Protest gegen die Anfeindungen und Entlassungen ihrer jüdischen Kollegen erregte in Wissenschaftskreisen großes Aufsehen, aber mehr Ärger als Zustimmung.[105] Fritz Haber starb 1934 verbittert im Exil.

 

Die Trauerfeier für Haber 1935 in Berlin wurde zu einer Art Widerstandshandlung gegen das Beamtengesetz und das NS-Regime hochstilisiert (zumindest in der späteren Geschichtsschreibung). Eine der Trauerreden hielt Otto Hahn, er verlas dabei auch einen Text des jüdischen Universitätsprofessors Bonhoeffer, dessen Anwesenheit untersagt worden war.[106] Dies wurde Hahn nach 1945 hoch angerechnet.[107]

Auf die Idee, Deutschland zu verlassen, schien aber weder Hahn noch ein anderer prominenter nicht-jüdischer Wissenschaftler gekommen zu sein. Auf Francks und Habers freiwillige Rücktritte gab es keine öffentlichen Solidaritätsbekundungen aus diesen Kreisen.[108]

Nach Habers Emigration erhielt Hahn den Auftrag, dessen Institut als Kommissarischer Leiter für mehrere Monate zu verwalten, bis ein neuer Direktor eingearbeitet war. In dieser Zeit war Hahn auch für die Entlassung der jüdischen Angestellten zuständig. Sein Nachfolger Gerhard Jander und dessen Nachfolger (der Atomphysiker) Peter Thiessen wandelten das Institut wieder zu einem militärischen „Institut für den Gaskampf“ um. Es unterstand bis 1945 dem Heereswaffenamt.[109]

Richard Kuhn vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Medizinische Forschung betrieb auch Giftgasforschung, z.T. mit Experimenten an KZ-Häftlingen - er bekam 1938 den Nobelpreis.[110] Nernst bot 1940 der Kriegsmarine seine Dienste an. Seine Erfahrung mit Minenwerfern sollte bei der Entwicklung von Torpedo-Antrieben helfen.[111]

Hahns jüdische Kollegin Lise Meitner war 1938 emigriert. Die Situation hatte sich selbst für hochrangige Wissenschaftler jüdischer Abstammung erheblich verschärft. Auch Willstätter, der seine Universitätsprofessur schon 1924 wegen antisemitischer Anfeindungen abgelegt hatte, konnte sich noch 1939 ins Ausland retten, viele andere ehemalige Institutsmitglieder überlebten den Holocaust nicht (z.B. Fr. Epstein).[112] Gustav Hertz konnte an dem privaten (Atomforschungs-)Labor von Siemens weiterarbeiten.

Relativ viele der in die Gasforschung eingebundenen Wissenschaftler waren jüdischer Herkunft. Im Ersten Weltkrieg schien dies keine Rolle gespielt zu haben - auch nicht für die Forscher selbst. Sie sahen sich in allererster Linie als Wissenschaftler und waren meist kaisertreue Patrioten. Moralische Erwägungen, Weltanschauungen und Religion waren für sie nebensächlich (Otto Hahn definierte sich als Atheist). Viele waren Konfessions- und Länder-übergreifend persönlich miteinander befreundet,was sie verband war ihr Forschergeist. Ihre wissenschaftlich-rationale Grundeinstellung machte sich auch bemerkbar, als sie die Arisierung ihrer Institute (zumindest öffentlich) besonders deswegen kritisierten, weil die Qualität der Institutsarbeit durch den Verlust der Fachkräfte leiden würde - und nicht kompensiert werden könnte durch Parteifunktionäre mit „mittelmäßigen wissenschaftlichen Referenzen“ (KWG-Präsident Max Planck über den neuen Institutsleiter Jander).[113]

Folgenreich war diese Entwicklung im Bereich der Atomforschung: Bedeutende jüdische Physiker emigrierten in die USA, schwächten dadurch das NS-Uranprojekt und beschleunigten stattdessen die US-Atombombenentwicklung.

Gut möglich, dass auch die Entwicklung der Giftgasforschung am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie durch die Arisierung gebremst wurde, jedoch wurden die schon entwickelten Stoffe wie Zyklon B von diensteifrigen arischen Ingenieuren aufgegriffen, um ihre Tötungsmaschinerie umzusetzen.

Otto Hahn widmete sich der Atomforschung und wurde daher wieder in die staatliche Kriegsforschung verstrickt. 1938, einen Monat nach der Reichspogromnacht und 8 Monate vor Ausbruch desZweiten Weltkrieges entdeckte er die Kernspaltung. Die Atomforschungs-Institute (auch sein KWI für Chemie) wurden daraufhin zum „Uran-Verein“ zusammengeschlossen, um im Krieg einen Atomreaktor zu bauen, und eventuell auch eine Atombombe zu entwickeln. (Ein funktionierender Reaktor wurde als Voraussetzung für eine Atombombe angesehen). Die konkrete Rolle Hahns im Uranverein wäre ein wichtiges Thema einer gesonderten Forschungsarbeit.[114] In seinen Memoiren ist diese Zeit weitgehend ausgespart.[115]

Als Otto Hahn 1945 in Kriegsgefangenschaft vom Abwurf der Hiroshimabombe hörte, soll er kurzzeitig sehr verstört gewesen sein. In seiner Erinnerung relativierte er dies allerdings.[116]

Es ist möglich, dass seine Schuldgefühle auch deshalb schnell verflogen, weil ihm zwei Monate später der Chemie-Nobelpreis zugesprochen wurde - für die Entdeckung der Kernspaltung. Wie schon bei der Nominierung von Fritz Haber 1918 machte das Nobelpreiskomitee wieder deutlich, dass der ehrbare Wissenschaftler und seine Erfindung trennbar wären von den katastrophalen Folgen seiner Erfindung, dass zivile Grundlagenforschung trennbar wäre von der militärischen Nutzung.

Dieser Gedanke blieb bei Otto Hahn und vielen seiner Kollegen tief verwurzelt,[117] selbst als sie 1957 die „Göttinger Erklärung“ unterzeichneten. In diesem öffentlichen Appell warnten Hahn und 17 weitere Atomwissenschaftler vor einer nuklearen Bewaffnung der Bundeswehr, sprachen sich aber gleichzeitig vehement für einen Ausbau der „zivilen“ Atomforschung aus.[118]

Otto Hahn blieb lange Zeit Alterspräsident der Max-Planck-Gesellschaft, der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und gilt bis heute als ein entschlossener Mahner für den Frieden.

Ein nie ganz aufgeklärtes Ereignis könnte Hahns Friedensbekundungen in der Nachkriegszeit in einem neuen Licht erscheinen lassen. Es geht um den Versuch, 1951/53 drei Ultrazentrifugen zur Urananreicherung zu konstruieren und von Göttingen nach Brasilien zu schmuggeln (unter Umgehung des Alliierten Kontrollratsbeschlusses), um damit einem zweifelhaftes Regime zum Atommachtstatus zu verhelfen. Manche Quellen geben an, dass neben Wilhelm Groth und Konrad Beyerle auch Otto Hahn in den Plan verstrickt war.[119]

In dieser Zeit, 1952 erhielt Otto Hahn übrigens eine ganz besondere Auszeichnung: Die Fritz-Haber-Medaille.

7       Nachwort

Nach Ende des Ersten Weltkriegs richtete der Schweizer Chemiker Hermann Staudinger mehrere kritische, prophetische Briefe an seinen deutschen Kollegen Haber. Sie hätten auch an Otto Hahn adressiert sein können:

„Gerade wir Chemiker (haben) in Zukunft die Verpflichtung, auf die Gefahren moderner Technik aufmerksam zu machen, um so für eine friedliche Gestaltung der europäischen Verhältnisse zu wirken, da ein nochmaliger Krieg in seinen Verheerungen fast unausdenkbar wäre.“ „Es ist Aufgabe und Pflicht jedes Menschen, der nur einen (...) Einblick in die heutige Technik besitzt, darauf hinzuweisen, daß die Art der Vernichtungsmittel wie ihre Größe ganz andersartige sind, so daß bei nochmaligem Kampf von Industrievölkern, die ihre technischen Fähigkeiten im Krieg ausnützen können, eine noch nie dagewesene Vernichtung eintreten wird.“[120]

Haber entgegnete Staudinger:

„Sie sind soweit außerhalb der wirklichen Welt (...). Von der technischen Seite her läßt sich der ewige Friede nicht sichern. (...) Die Verträglichkeit von Mann und Frau in der Ehe muss aus ihrer Gesinnung und Selbstzucht, nicht aus dem Wegsperren von Kloppstock und Schürhaken fließen.“[121]

Otto Hahn hätte vermutlich ähnliches geäußert. 1955 wandte er den Gedanken von „Kloppstock“ und „Schürhaken“ auf die Kobalt 60-Forschung an. Dabei stufte er den landwirtschaftlichen und medizinischen Nutzen höher ein als das Bedrohungspotential:

„Die Gegenüberstellung der zum Fortschritt eingesetzten, in schneller Folge begriffenen Ergebnisse der Atomforschung mit dem heimtückischen Giftstaub der „Cobalt-Bombe“ zeigt uns, daß es keinen Sinn haben kann, den wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt zu unterbinden, weil mit diesem Fortschritt auch die Gefahren für die Menschheit größer werden können.“[122]

In seinem letzten Interview resümierte der 87-jährige: „Wir werden mit der Bombe leben müssen- weil sie nun mal da ist“. Doch er vertraue auf die Vernunft der Atomstaaten, diese Waffe nicht anzuwenden und darauf „daß die segensbringenden Wirkungen der Atomkerne in Zukunft weiter ihren Siegeszug nehmen werden“.[123]

8       Anhang

Zum Autor:

Martin Melchert ist kein Historiker oder Naturwissenschaftler.

Für die Göttinger AntiAtomBewegung recherchiert er seit 2005 zur NS-Atombombenforschung und der „Göttinger Erklärung“. Ausgangspunkt der Fixierung auf Otto Hahn war eine Podiumsdiskussion im Deutschen Theater im März 2013, bei der MPI-Wissenschaftshistoriker Horst Kant schlichtweg abstritt, dass Hahn Giftgas entwickelt hätte.

Stand: 23. März 2017. Der Text wird weiter bearbeitet und wenn nötig korrigiert.

Anmerkung: Die Verwendung der männlichen Form beruht darauf, dass eigentlich alle Akteure des Gaskrieges männlich waren, abgesehen von eventuell unbenannten Institutsangestellten.

Zur verwendeten Fachliteratur:

Schwerpunkt sind die wissenschaftlichen Biografien zu Hahn, Haber usw. Die Auswahl der hier verwendeten Literatur zu allgemeinen Ereignissen des Ersten Weltkriegs erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vermutlich finden sich bei gründlicherer Recherche ausführlichere Quellen.

Internet-Quellen werden kaum berücksichtigt. Sie haben sich teilweise als irreführend, schwer nachprüfbar und z.T. als Falschinformationen erwiesen. Irreführend war auch der Wikipedia-Eintrag zu Otto Hahn, der erst auf Veranlassung des Autors vervollständigt wurde.

Zum Bündnis Anti-Kriegsforschung:

Das „Bündnis Anti-Kriegsforschung“ hat am 1.August 2014 die Forderung erhoben, Otto Hahn die Göttinger Ehrenbürgerwürde zu entziehen, ihn als Kriegsverbrecher anzuerkennen und das Göttinger Otto-Hahn-Gymnasium umzubenennen. Dazu gibt es bisher folgende Presse-Resonanz:

·        „Otto Hahn führte Giftgaskrieg“, Artikel in der taz, 1. August 2014

·        „Die dunkle Seite des Genies“, Artikel im Tagesspiegel, 2. August 2014

·        „Otto Hahn Ehrenbürgerwürde entziehen?“, Artikel im Göttinger Tageblatt, 1. August 2014

·        „Otto Hahn - Vor der Kernspaltung das Giftgas“, (Internet-)Artikel in UmweltFAIRaendern.de, 1. August 2014

·        „Initiative: Nobelpreisträger Hahn soll Ehrenbürgerwürde verlieren“ Artikel in HNA (Hessische/Niedersächsische Allgemeine), 2. August 2014

·        Zwei Leserbriefe im Göttinger Tageblatt, 6. August 2014

·        „Otto Hahn und das Giftgas“ Artikel in Bergedorfer Zeitung, 8. August 2014

·        „Hahn verteidigt Hahn“, Artikel im Göttinger Tageblatt, 8. August 2014

·        Leserbrief im Göttinger Tageblatt, 9. August 2014

·        „Kritischer Osterspaziergang. Auf den Spuren von Otto Hahn“, Artikel im Göttinger Tageblatt, 2. April 2015

·        „Kein freundlicher alter Herr“, Artikel im Göttinger Tageblatt, 9. April 2015

 



[1]    Genau genommen waren viele dieser Waffen Produkte der „Friedenszeit“ bzw. Kriegsvorbereitungszeit unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg und wurden teilweise schon in kleineren kriegerischen Auseinandersetzungen erstmals eingesetzt bzw. erprobt, chemische Kampfstoffe z.B. im Burenkrieg.

[2]    Chlor war z.B. vorher als Desinfektionsmittel verwendet worden. Das zur Herstellung der Farbe Indigo nutzbare Lost (Senfgas) bekam seinen Namen zwar 1916 durch die Chemiker Lommel und Steinkopf, die es im Krieg als Kampfmittel vorschlugen, die chemische Verbindung war aber schon seit 1886 bekannt. Phosgen war bereits in der Farbenindustrie genutzt worden, seine Giftigkeit wurde aber erst während des Krieges durch die Experimente z.B. von Otto Hahn erkannt. vgl. Büscher, Hermann: „Giftgas! Und wir?“ Leipzig (1932), überarbeitete Neuauflage 1937, S.33, 95, 114, 118.

      Die wissenschaftliche Studie Büschers ist sehr informativ, doch durch die unsägliche Verherrlichung von Gaskrieg und NS-Ideologie nur bedingt brauchbar. Sie beruft sich vielfach auf die Dokumentensammlungen von Rudolf Hanslian: „ Der chemische Krieg“ (1925) und „Der deutsche Gasangriff bei Ypern am 22.April 1915“ (1934). Die erweiterte Neuauflage unter dem Titel „Gaskrieg! Der deutsche Gasangriff bei Ypern“, Wolfenbüttel 2009 stand für diese Arbeit zur Verfügung.

      Außerdem: Hanslian, Rudolf: Zur Geschichte des Gaskrieges. In Zeitschrift: Gasschutz unf Luftschutz, Oktober 1931, S.49-52 und insbesondere S.87f

[3]    Stoltzenberg, Dietrich: Fritz Haber, Weinheim 1994. Weitere Haber-Biografien (die für diese Arbeit noch nicht ausgewertet wurden) zeichnen offenbar ein ähnliches Bild: Haber, Ludwig Fritz: The Poisonous Cloud. Chemical Warfare in First World War. Oxford 1986 und Szöllösi-Janze, Margit: Fritz Haber 1886-1934. München 1998. Eine relativ aktuelle und sehr umfangreiche Übersicht über den Stand der Forschung zu Haber und zum Gaskrieg allgemein bietet die Dissertation: Wietzker, Wolfgang: Giftgas im Ersten Weltkrieg. Was konnte die Öffentlichkeit wissen? Düsseldorf 2006. Eine gute Ergänzung ist die Biografie zu Habers erster Frau: von Leitner, Gerit: Der Fall Clara Immerwahr, München 1993

[4]    Hahn, Dietrich (Hrsg): Otto Hahn. Mein Leben. München 1968. Dieses Buch ist erst kurz nach Hahns Tod erschienen. Auf Hahn im Ersten Weltkrieg gehen ein: Trömel, Martin: „...denn schließlich hatte ich (...)“ - Otto Hahn im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. In: Forschung Frankfurt Heft 3-4, 2004 S.70-76 Gerlach, Walther: Otto Hahn. Ein Forscherleben unserer Zeit, Stuttgart 1984 Von Schirach, Richard: Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe, Berlin 2012, S.71-80 Lorenz, Robert: Protest der Physiker. Die Göttinger Erklärung 1957, Göttingen 2011, S.326-331 Hofmann, Klaus: Schuld und Veranwortung, Otto Hahn. Konflikte eines Wissenschaftlers, 1993, S.82-87 und Heintzel, Matthias: Eine stille, aber laut vernehmbare Größe: Otto Hahn. In: Freudenberg, Christine (Hrsg), Göttinger Stadtgespräche. Göttingen 2016, S.174f.
Mit nur eineinhalb Sätzen erwähnt dies der offizielle Geschichtsschreiber der Max-Planck-Gesellschaft in: Kant, Horst: 100 Jahre Kaiser-Wilhelm-Institut/ Max-Planck-Institut für Chemie, Berlin 2012 (Seite 38 und 40) Auch nur einen, äußerst irreführenden, Satz widmet Hahn diesem Kapitel in seiner 1962 erschienenen Autobiografie Hahn, Otto: Vom Radiumthor zur Uranspaltung, S.77: „Nachdem ich Anfang 1915 als Leutnant d. R. auf Veranlassung von Professor Fritz Haber zu einer aktiven Spezialtruppe versetzt war, kam ich 1917 zu dem Stabe dieser Spezialtruppe in das Große Hauptquartier und hatte dadurch öfter dienstlich mit den Kriegsarbeiten im Haberschen Institut in Dahlem zu tun.“

[5]    Vgl. Gerlach, S. 58 und die Stellungnahme Dietrich Hahns zu der aktuellen Diskussion um seinen Großvater, zitiert im Göttinger Tageblatt am 8. August 2014: Weder Franck noch Hertz noch andere Mitglieder des Gasregiments hätten „nur ein Wort über ihre Beteiligung am Gaskampf gesagt oder geschrieben.“

[6]    Hahn, Leben, S. 120. vgl. z.B. Heintzel, S.175

[7]    Hahn, Otto: Ein Geburtstagsgruß an Gustav Hertz. In: Physikalische Blätter 18, 7 (Juli 1962), S.324f

[8]    Vgl. Goran, Morris: Fritz Haber, Oklahoma 1967, S.71 und Koch, Martin: „Tödliche Wissenschaft. Wie deutsche Chemiker und Physiker den Verlauf des Ersten Weltkriegs beeinflussten“ in: Wochen-ND (Neues Deutschland) 26./27. Juli 2014, S.27

[9]    Übersetzt nach: Johnson, Jeffrey Allan: The Kaiser's Chemists. Science and Modernisation in imperial Germany, North Carolina, London, 1990, S.104

[10]  Vgl. auch: Rupke, Nikolaas: Nobelpreise und Erster Weltkrieg, in: Mittler, Elmar: Das Göttinger Nobelpreiswunder, Göttingen 2002, S.70 und Heilbron, John: Max Planck, Stuttgart 2006, S. 101ff. Bei http://www.seilnacht.com/chemiker/checur.html wird Otto Hahn als Mitunterzeichner genannt. Ein Original des Aufrufs als Faltblatt, incl. der Unterzeichnerliste, ist abgebildet im Ausstellungskatalog „14/18“ des Museums für Kunst und Gewerbe, Hamburg 2014, S.203-206. Es belegt, dass Hahn nicht zu den Unterzeichnern gehörte.

[11]  Vgl. Busse, Detlef: Engagement oder Rückzug. Göttinger Naturwissenschaften im Ersten Weltkrieg, Göttingen 2008, S.219ff und Schirrmacher, Arne: Die Physik im Großen Krieg, in: Physik Journal, Juli 2014, S.43ff und Born, Max: Mein Leben, München 1975, S.235-244

[12]  Vgl. Busse, S.155-203

[13]  „freiwillig“ laut Meitner, vgl Hardy, Anne/Lore Sexl: Lise Meitner, Hamburg 2002, S.52 „anerzogenes Pflichterfüllungsprinzip“ laut Gerlach, vgl. Gerlach, Walther: Otto Hahn. Ein Forscherleben unserer Zeit, Stuttgart 1984, S.56 Hahn selbst schreibt dazu nur: „Ich bekam meine Einberufung nach Wittenberg zu einem Landwehrregiment [...]“ (Hahn, S.111f)

[14]  Gerlach, S.54

[15]  Hahn, S.115 und S.116

[16]  vgl. z.B. ChroniK Verlag: Chronik 1915, S.55 und Janis Schmelzer: IG Farben - Vom Rat der Götter, Stuttgart 2006, S.18 und Peter Schreiber (Kollektiv): IG Farben, 1979, 2. veränderte Auflage 1987, S.21

[17]  Als Haber seine Arbeit aufnahm, fand er angeblich im Kriegsministerium Dokumente vor, die belegen, dass die Firma Hoechst schon 1906 die Entwicklung von „Gaskampfmitteln“ vorschlug. Es handelte sich um Gasgeschosse „zur Herabminderung der Seetüchtigkeit feindlicher Schiffsbemannung“. vgl. Schmelzer, S.19, Leitner, S.196 und 221.

[18]  vgl. Pehrke, Jan: „Giftgas – Bayer und die chemischen Waffen im Ersten Weltkrieg“ in Fiftyfifty. August 2014, S.13 und Johnson, S.190 und Wietzker, S.30ff und Trumpener, Ulrich: The Road to Ypres, in: The Journal of Modern History, Vol. 47, Nr. 3, Chicago 1975, S.462-464. Trumpener hält die anfangs eingesetzten Stoffe für gesundheitsgefährdender als das spätere Chlorgas, wären sie in höherer Konzentrierung und Menge verwendet worden (Trumpener, S.480)

[19]  Vgl. Lemmerich, Jost: Aufrecht im Sturm der Zeit. Der Physiker James Franck, Berlin 2007, S.47

[20]  Bartel, Hans-Georg: Ein Geheimrat im Militärdienst, Physik-Journal Juli 2014, S.49 und Bartel, Hans-Georg: Walther Nernst, Leipzig 1989, S.85. „NI-Stoff“ ist die Abkürzung für „Nies-Stoff“. Vgl. auch Hirschfeld, Gerhard/ Krummeich/ Gerd, Renz, Irina: Enzyklopädie 1.Weltkrieg“, Paderborn 2003, S.519. Hier: 27.Oktober (Die Datierungen in dieser Abhandlung weichen mehrfach ab von anderen Quellen.)

[21]  Vgl. Wietzker, S.19,31

[22]  vgl. Janusz Piekalkievicz: Der Erste Weltkrieg, Augsburg 1994, S.192, 215 und Stoltzenberg, S. 242 und Trumpener, S.465, 469, 470

[23]  vgl. Trumpener, S. 465, 467 und Piekalkievicz, S.192 und Stoltzenberg, S.442

[24]  zitiert nach: CBG (Coordination gegen Bayer-Gefahren), Pressemitteilung 26. März 2014, vgk. auch Mimkes, Pilipp: 150 Jahre Bayer. Von Aspirin bis Zyklon B, in: Stichwort Bayer (Zeitschrift der Coordination gegen Bayer-Gefahren eV), Nr. 4/2013, S.27 Leicht abgewandelt findet sich ein ähnliches Zitat bei Leitner, S.207.

[25]  vgl. Stoltzenberg, S.232 und Leitner, S. 192 ff

[26]  Hahn, Leben, S.116

[27]  Hahn, Leben, S.132. Vgl. auch S.122: „Auch sahen wir als Frontbeobachter nur selten die unmittelbare Wirkung unserer Waffe; wir stellten meist lediglich fest, daß die mit Gasmunition beschossenen Stellungen vom Gegner geräumt waren.“

[28]  Hahn schreibt in seiner Erinnerung: „Mitte Januar 1915 wurde ich zu Geheimrat Haber befohlen“ (Hahn, S.117) und später: „Wie Sie wissen, haben sich auch viele andere berühmte Wissenschaftler, so die Geheimräte Willstätter und Wieland und meine Freunde James Franck und Gustav Hertz, zur Verfügung gestellt“. (Hahn, S.130) Chronist Dietrich Hahn äußert anlässlich der aktuellen Diskussion um seinen Großvater 2014 in einer Stellungnahme, dass Hahn „seiner Pflicht als Staatsbürger nachgekommen ist, Soldat war und auf Befehl seiner Vorgesetzten Mitglied des Haberschen Gasregiments wurde“. (Offener Brief von D. Hahn an Oberbürgermeister Meyer, 3.Aug.2014, zitiert in: Göttinger Tageblatt am 8.Aug. 2014) Franck, der zuvor freiwillig an der Front war, erinnerte sich in einem Interview: „Haber brauchte Leute. Wie die Verbindung zustande kam, weiß ich nicht. Einen Mann, der seinem Fach angehörte und außerdem Soldat war, konnte er gut gebrauchen. Ich bekam einen Brief, mir war das sympathisch.“ (Max-Planck-Archiv, Abt.Va Rep 14, Haber Slg, zitiert nach: Lemmerich, S.327)

[29]  übersetzt nach Goran, S.76

[30]  Born, Max: Mein Leben, München 1975, S.235, siehe auch Leitner, S. 203. Auch Hahns Mitarbeiterin Meitner schlug ein Angebot aus, 1916 für Habers Gasforschung zu arbeiten. Sie diente zuvor in Lazaretten an der Ostfront und war zurückgekehrt, um Hahns Abteilung am KWI für Chemie zu verwalten und gegen die Inbeschlagnahme durch Habers Mitarbeiter zu verteidigen. Vgl. Sime: Meitner, S.62

[31]  Hahn, S.117, vgl. S.130 und Trömel, Martin: Otto Hahn und die KWG im Zerrspiegel neuerer Kritik, Frankfurt 2005, S.31

[32]  vgl. Janz, Oliver: Der große Krieg, Frankfurt 2013, S.94 und Trumpener,S.462 und . Schirach, S.79 und Hirschfeld, Gerhard/Gert Krumeich: „Deutschland im Ersten Weltkrieg“, Frankfurt 2013, S.213 In der französischen Presse wurde allerdings mehrfach darüber berichtet, dass Ende August/ Anfang September 1914 durch giftige Granaten (vermutet wurde Turpinin) eine ganze deutsche Kompagnie, bzw. 100000 deutsche Soldaten getötet worden sein sollen. Diese Meldungen dürften von der deutschen Öffentlichkeit zu recht als Unfug ignoriert worden sein (vgl. Wietzker, S.28). Vgl. auch Gemeinhardt, K.: Die Entwicklung der chemischen Waffe, in: Gasschutz und Luftschutz, Okt. 1931, S.53: „Die Verwendung einer Gasgewehrgranate (...) war vor dem Kriege, im Jahre 1912, praktisch nur bei der Festnahme einer Verbrecherbande in einem Pariser Vorort von Nutzen gewesen. Diese Gasgewehrgranaten und wahrscheinlich ebensolche Handgranaten wurden von den französischen Pionieren in den Krieg mitgenommen.“ Rudolf Hanslian vertritt auch 1934 noch die These, dass die von Frankreich zuerst verschossenen Stoffe (Bromessigester und Chloraceton) giftiger wären als das spätere Chlorgas und legitimiert damit moralisch den deutschen Chlorgaseinsatz von 1915, ohne die unterschiedliche Menge und Konzentration der eingesetzten Gase zu berücksichtigen (Hanslian, Gaskrieg, S.88 und 131). In Granathülsen konnte zu dieser Zeit nur eine geringe Dosis Gift verschossen werden, das sich im offenen Gelände schnell verflüchtigte. Beim Ablassen aus Gasflaschen konnten dagegen sehr viel größere Flächen vergiftet werden, so wie es beim deutschen Chlorgaseinsatz 1915 geschehen war.

[33]  zitiert nach Büscher, S.13 (Deklaration von 1899)

[34]  Kriegsministerium (Hrsg.): Gesichtspunkte für die Ausbildung im Gebrauche der Gasschutzmittel, Berlin, 2. Auflage 16. Okt. 1915, S.3 und vgl. auch Janz, S.94. Andere Studien unterschieden wiederum in „Kampfstoff“ und „Reizstoff“, vgl. Gemeinhardt, S.53-57.

[35]  Stoltzenberg, S.312f

[36]  vgl. Hahn, S.130

[37]  vgl. Stoltzenberg, S.300, „human“ vgl. Stoltzenberg S.312 und Grossbongardt, S.130

[38]  Chronik 1918, S.?, vgl. auch Hahn, S.117

[39]  vgl. Hahn, S.118, 130 und Hardy/Sexl, S.53 und Sime, Ruth Lewin: „Lise Meitner“, Berkley, London 1996, S.58

[40]  Vgl. z.B. das Gespräch, das unter deutschen Atomforschern nach Abwurf der Hiroshimabombe geführt wurde (Farm Hall, 6. August 1945): von Weizsäcker: „Ich meine, es ist Wahnsinn.“ Heisenberg: „Das kann man nicht sagen. Ebensogut könnte man sagen: Es ist der schnellste Weg, den Krieg zu beenden.“ Hahn: „Das ist es, was mich tröstet.“ (zitiert nach: Schirach, S.191)

[41]  Hahn, Otto: Cobalt 60 Gefahr oder Segen für die Menschheit, Göttingen 1955, S.9

[42]  Franck-Report, abgedruckt in: Jungk, S.356. Allerdings hält auch Franck rein rational betrachtet einen Gaskrieg für „in keiner Weise „unmenschlicher“ als einen Krieg mit Bomben und Kugeln“. Atombomben seien verwerflicher, weil dies die „restlose Zerstörung jeglicher Zivilisation“ bedeute. (Jungk, S.356)
In einem Interview sagte Franck: „Ich habe nie begriffen, dass man das Gas als etwas besonders übles bezeichnete. Eins war so übel wie das andere. Der Krieg als solcher war ein Verbrechen.“ (Max-Planck-Archiv, Abt.Va Rep 12, Haber Slg, zitiert nach Lemmerich, S.327)

[43]  vgl. hierzu vor allem Stoltzenberg, insbesondere S.245ff Nicht genannt sind hier die Wissenschaftler, die in den Chemiewerken Giftgasforschung betrieben, wie Wilhelm Lommel. Auch ein Göttinger Agrarwissenschaftler, Prof. Paul Ehrenberg, war an der Untersuchung der Auswirkungen von Giftgas (vermutlich Senfgas) auf die Landwirtschaft beteiligt, vgl. Busse, S. 223

[44]  Mittler, Elmar: Das Göttinger Nobelpreiswunder, Göttingen 2002, S.224

[45]  Mittler, S.186

[46]  Mittler, S.162. Noch blumiger formuliert es Lemmerich: „Franck wurde […] im Gaskrieg in einer Pioniereinheit eingesetzt. Bei den Kämpfen in Russland erkrankte er schwer...“ (Lemmerich S.37) und „Hertz ist kriegsversehrt aus Russland zurückgekehrt“ (Lemmerich, S.64)
In der 85-seitigen Hertz-Biografie von Kuczera finden sich nur folgende Zeilen über die Kriegszeit: Die äußerst fruchtbare und harmonische Zusammenarbeit von James Franck und Gustav Hertz wurde mit Beginn des ersten Weltkriegs im Jahre 1914 unterbrochen. Gustav Hertz erlitt eine Kriegsverletzung und arbeitete nach seiner Genesung in der technischen Abteilung für Funkgeräte“. Kuczera, Josef, Gustav Hertz. Leipzig 1985

[47]  vgl. Johnson, S.191 und Hofmann, S.84 und Weart, Spencer R: Scientists in Power. Cambridge 1979, S.55

[48]  vgl. Trumpener, S.470 und Stoltzenberg, S.244 und 247, Johnson, S.191 und Hanslian, S.22f

[49]  vgl. Trumpener, S.472 und Stoltzenberg, S.246

[50]  Abbildung in Hahn, S.191

[51]  Stoltzenberg, S.247 Ob Alkohol auch sonst eine Rolle gespielt hatte, um den Wissenschaftlern die ungewöhnliche Arbeit zu versüßen, lässt sich nur vermuten. Hahn hielt es zumindest für erwähnenswert, dass sein Kollege, Gustav Hertz einen „Schlaftrunk“ aus 95 prozentigem Alkohol erfand, von dem Hahn aber immer „höchstens einen halben Löffel“ herunterbekam. (Hahn, S.119)

[52]  „near suffocation and illness“ vgl. Trumpener, S.473f, Pehrke, S.11 Leitner, S.205 und Hanslian, S.116

[53]  vgl. Hahn, S.119 und Trumpener, S.474 und Hanslian, Gaskrieg, S.24f, 112, 116f. Hahns Angaben weichen von den Augenzeugenberichten mehrerer Offiziere, die bei Hanslian dokumentiert sind, ab. Die Daten für den Beginn der Verlegung schwanken zwischen 3. April (OL Tattenbach) und 11. April (Hahn). Wahrscheinlich waren die Gasflaschen schon am 11. April wieder einsatzbereit. Auch Hahns Behauptung, alle Flaschen wären verlegt worden, widerspricht den Augenzeugenberichten.

[54]  vgl. Leitner, S.210 und Hanslian, Gaskrieg, S.20. Im März gab es dadurch 4 Tote und über 50 Vergiftete bei der deutschen Truppe.

[55]  vgl. Stoltzenberg, S.249 und Trumpener, S.472. Lemmerich und Leitner, S.210 setzen den „Gegenangriff“ (mit Francks Tollkühnheit) gleich mit dem deutschen Gasangriff am 22. April. Vermutlich liegt hier eine Verwechslung vor, Lemmerich hat die Biografie von Stoltzenberg nicht als Quelle herangezogen. (Lemmerich, S.63)

[56]  vgl. Chronik 1915, S.70f, Schreiber, S.22, Piekalkievicz, S.194, W. Kruse: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009, S.54f, Schirach, S.72ff und . Janz, S.94 und Grossbongardt, Annette/ Uwe Klußmann/ Joachim Mohr (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg, Hamburg 2014, S.129 und Trumpener, S.476f, 460, Zitat: Kruse, S.54 In vorderster Reihe bei dem Gasangriff und der folgenden Offensive der Infanterie vom 22.-24. April kämpften auch das 2. Bataillon des 233. Infanterie-Reserveregiments und das 3. Bataillon des 234. Infanterie-Reserveregiments. Beide bestanden vorwiegend aus Göttinger Kriegsfreiwilligen, darunter viele Schüler und Studenten (vgl. Saathoff, Albrecht: Göttinger Kriegsgedenkbuch, Göttingen, 1935, S.57 und 79-91, insbesondere S.85 und 89). Hanslian dokumentiert im Übrigen ausgiebig die kontroversen Meinungen der Militärs, warum der Überraschungseffekt kaum genutzt wurde, ob damals überhaupt von einer Überraschung ausgegangen werden konnte und ob dieser Versuchs-Angriff aus militärischer Sicht sinnvoll war.

[57]  „Die Ypernschlacht(...) hatte einzig und allein den Zweck: Die erstickenden Gase gründlich auszuprobieren und zwar diesmal an der Front selbst.“ (spätere offizielle Einschätzung der Obersten Heeresleitung, dokumentiert im Reichsarchiv Band 8, zitiert in Hanslian, Gaskrieg, S.93 und 113)

[58]  Ernst, Sabine: Lise Meitner an Otto Hahn. Briefe aus den Jahren 1912-1924, Darmstd 1992, S.45

[59]  vgl. Trumpener, S.478. Unklar ist, ob General/Oberst Gerhard Tappen oder sein Bruder, der Gaspionier Hans Tappen gemeint ist (siehe Trumpener, S.478)

[60]  Vgl. Leitner, S.213

[61]  vgl. Trumpener, S.478 und Janz, S.95 und Cartier, Jean Pierre: Der Erste Weltkrieg, London 2003, S.378

[62]  vgl. Piekalkievicz, S.205, Johnson, S.190, Weart, S.11 und Hanslian, S. 97

[63]  Hahn, S.120. Als Datum des ersten Gasangriffs an der Ostfront bei Bolimow wird in der Fachliteratur meist der 31. Mai 1915 angegeben, manchmal auch der 2. Mai (vgl. die Anmerkung von Trumpener, S.479). Büscher gibt an, der erste Gasangriff am 2. Mai wäre noch ohne den Zusatz von Phosgen erfolgt (Büscher, S.18). Es wird von ca. 9000 Vergifteten und 100-2000 Gastoten berichtet (Buko/medico/SoZ, S.16 und Büscher, S.18). Hahns Datierung 12. Juni scheint ein Irrtum zu sein, die geschilderten Umstände passen zu den in der Fachliteratur beschriebenen Gegebenheiten vom Mai 1915. Nach Hanslian, Gaskrieg, S.87f ist Phosgen erstmals von Franzosen im Mai 1915 verwendet worden. Den Deutschen hätte das Chlor-Phosgen-Gemisch schon vorher zu Verfügung gestanden, sie hätten es aber aus moralischen Gründen erst nach dem französischen Angriff eingesetzt. Büscher, S.96, gibt dagegen an, Frankreich hätte erst im Februar 1916 Phosgen in größerer Menge in den Gaskampf eingeführt. Diese Version erscheint stimmiger. Hanslian vertritt 1931 die These, „beinahe jeder“ vorbereitete deutsche Gasangriff wäre zuvor durch Überläufer zur gegnerischen Armee verraten worden, so angeblich auch der 1.Gasangriff bei Bolimow, vgl. Hanslian, Zur Geschichte des Gaskrieges, S.52.

[64]  Hahn, S.120. Die Wirkung von Phosgen auf den Körper beschreibt ein Pamphlet der Firma Hugo Stoltzenbergs, das 1930 sein Phosgen-Produkt „Gifttod“ anpreist. Das Phosgen spalte im Zusammentreffen mit Flüssigkeit in der Lunge Salzsäure ab und zerstöre die feinen Zwischenwände im Inneren der Lunge, wodurch diese allmählich mit Serum volllaufe. (vgl. BUKO/medico international/ Sozialistische Zeitung (Hrsg.): Händler des Todes. Frankfurt 1989. Französische Augenzeugen berichteten von den Opfern eines Phosgenangriffs 1916: „Man kann nicht gerade sagen, daß sie heulten, sie schrien wie heiserne Hähne, etwa wie Quinten, wie bei Keuchhusten, aber stärker und ohne aufhören zu können. (...) Aber es war nicht viel für sie zu machen, ein rosa Schaum kam aus ihrem Munde hervor... Von Zeit zu Zeit hat man einen Blick auf die Vergasten geworfen, die im Sterben lagen. Alle hatten sie die gleiche Haltung, die Hände verkrampft vor der Brust.“ (ungenannte Quelle, zitiert nach BUKO/medico/SoZ, S.17).

[65]  Hahn, S.120

[66]  vgl. Hahn, S.189, vgl. auch Hahns Tagebuchnotizen von August 1945, zitiert in Lemmerich, Jost: „Otto Hahn zum 125. Geburtstag“, Festvortrag, Berlin 2004

[67]  vgl.Hahn, S.120. Hahn datiert diesen Angriff auf den 7.Juli. Bei Piekalkievics wird der 2.Gasangriff , der hohe Verluste in den eigenen Reihen forderte, auf „wenige Tage“ nach dem 1. Angriff (dem 31.Mai) datiert. (Piekalkievics, S.225). Mittler benennt für die Verwundung von Hertz allerdings wie Hahn den Juli (Mittler, S.186).

[68]  zitiert nach: Hahn, Otto: Ein Geburtstagsgruß an Gustav Hertz, in: Physikalische Blätter 18,7, Juli 1962, S.324f

[69]  vgl. z.B. Heintzel, S.175. Walter Gerlach gibt in seiner Hahn-Biografie an, er habe (als Physikerkollege) versucht, mit Hahn später über seine Arbeit im 1.Weltkrieg zu reden im Hinblick auf Hiroshima und Nagasaki. Da wäre Hahns ganzes Leid durchgebrochen: „Eigentlich war es doch fürchterlich, was wir dort machten. Aber es war damals so“. (vgl. Gerlach, S.59)

[70]  vgl. Westphals Geburtstagsgrüße an Franck 1962 und seine Erinnerungen an die 20er Jahre 1960.

[71]  Physikalische Blätter, August 1962, S.370f. Von Westphal sind allerdings detaillierte Äußerungen über das Gasregiment dokumentiert, vgl. Stoltzenberg, S.247

[72]  Hahns Grüße an Hertz waren in der Zeit des Kalten Krieges darüberhinaus auch eine Botschaft durch den Eisernen Vorhang: Gustav Hertz war nach dem Zweiten Weltkrieg am russischen Atombombenprojekt beteiligt und ab 1954 prominentester Atomwissenschaftler der DDR. Seine ehemaligen Kameraden wirkten in der BRD bzw. den USA (Franck).

[73]  „ich war damals tief beschämt und innerlich sehr erregt, denn schließlich hatte ich diese Tragödie mit ausgelöst“ (Hahn, S.120)
Herbert Schrader: „In Ihren Erinnerungen sagen Sie, dass Sie dieser Anblick persönlich stark bedrückt hat.“ Otto Hahn: „Ja, das stimmt. Ich war damals tief beschämt und innerlich sehr erregt.“ (Hahn, S.132).
Diese Passage stellt die Authenzität des - scheinbar spontanen - Interviews in Frage. Vielleicht verschaffte eine spätere überarbeitete Auflage dieses Buches darüber Klarheit.

[74]  vgl. Hahn, S.121. Hahns eigene Aussagen über seine Rolle bei der Erforschung von Giftgas sind sparsam und unterschiedlich interpretierbar. Sind ein „Prüfen“ und „Verbessern“ auch Bestandteile des „(Mit-)Entwickelns“?
Hahn,S.120f: „(...) ich mußte (...) alle möglichen Giftgase prüfen. Dabei stellte sich Phosgen als das am stärksten wirkende Gift heraus, das selbst Blausäure noch übertraf. Auch die Gasmasken wurden ständig verbessert (…)“
Hahn, S.120: „Zu diesem Zweck waren (...) verbesserte Kampfstoffe entwickelt worden, die ich (...) mit zu prüfen hatte.“
Hahn, S.122: „(...) arbeitete ich in der Chemischen Fabrik Bayer in Leverkusen an einem Gas, das ein Gemisch aus Perstoff (...) und Phosgen war (...). Daneben wurden auch andere neue Gase, Grünkreuz und Blaukreuz entwickelt.“
Hahn, S.128: „Die in Putzig auf Hela geplanten Versuche sollten nicht vorzeitig bekannt werden, da es um eine neue Gaswaffe ging (...) Nach den ersten Versuchen sollte ich in Berlin Bericht erstatten (…)“ („Blausäure“ ist eine Bezeichnung für das hochgiftige „Zyklon A“. nicht zu verwechseln mit „Blaukreuz“, einem nicht tödlichen Reizstoff.)

[75]  Hahn, S.121

[76]  Hahn, S.123

[77]  Hahn, S.122

[78]  Stoltzenberg, S.312, vgl. S.249

[79]  vgl. Kant, S.38f und Hahn, S.132 Als offizielle Entdecker gelten Wilhelm Lommel (Bayer) und Wilhelm Steinkopf (KWI für Physikalische Chemie), vgl. Pehrke, S.11 und 13

[80]  vgl. Stoltzenberg, S.296

[81]  vgl. Stoltzenberg, S.290-295

[82]  vgl. Mimkes, S.27 und Pehrke, S.13f

[83]  vgl. Stoltzenberg, S.297f

[84]  vgl. Stoltzenberg, S.299 und Weart, Spencer R: Scientists in Power, Cambridge 1979, S.12 und Büscher, S.2 und Grant, R.G.: Der Erste Weltkrieg, London New York, München 2014, S.105. Nach Grant hätten die Alliierten ein Jahr benötigt, um selbst Senfgas zu entwickeln, sie setzten es erst im September 1918 ein, nach Büscher im Juni 1918. Grant datiert den ersten deutschen Senfgasangriff auf September 1917. Schon im November 1917 hatten die Alliierten allerdings bei Cambrai eroberte deutsche Senfgasgranaten verschossen.

[85]  Hahn, S.125

[86]  vgl. Hahn, S.131 und 126 und Kant, S.38

[87]  Mit Lise Meitner veröffentlichte er 1918 seine Erkenntnisse zum Element Protactinium (vgl. Hahn, Uranspaltung, S.78).

[88]  vgl. Hahn, S.131 und Stoltzenberg, S.309 und Büscher, S.21f. England hatte schon im April 1917 Gaswerfer in größerer Stückzahl eingesetzt, evtl. auch schon im Juli 1916 (vgl. Hirschfeld/ Krummeich/ Enzyklopädie, S.521).

[89]  vgl. Hahn, S.128 zu „Lewisit“ siehe Stoltzenberg, S.270 und Büscher, S.181, zu Francks Nebel-Untersuchung: Lemmerich, S.66. Auch die Aliierten planten den Einsatz von Lewisit für das Kriegsjahr 1919. Zum Einsatz kam es bis heute nicht.

[90]  vgl. Stoltzenberg, S.308

[91]  vgl. Stoltzenberg, S.441

[92]  vgl. Hahn, S.131 und Stoltzenberg, S.309

[93]  vgl. Heilbron, Jon: Max Planck, Stuttgart 2006, S.123f und Barkan, Diana Kormos: Walther Nernst, Cambridge 1999, S.232-240 und Hermann, Armin: Max Planck, Hamburg 1973 (6.Aufl. 1995, S.60).

[94]  vgl. Stoltzenberg, S.427, und Bartels, S.84, 86 und Physik Journal Juli 2014, S.53

[95]  vgl. Jungk: Heller als 1000 Sonnen, Bern 1956, S.13f und Sime, Ruth Levin: Lise Meitner, Frankfurt 2001, S.55f

[96]  Hahn, Dietrich (Hrsg.): Lise Meitner. Erinnerungen an Otto Hahn, Stuttgart 2005, S.53 (aus Meitners Festrede zu Hahns Geburtstag, 8. März 1959)

[97]  vgl. Hahn, S.133

[98]  vgl. Stoltzenberg, S.454-468

[99]  Auf dem Schießplatz von Munster werden heute noch Blindgänger aus dem 1.Weltkrieg gefunden. Die Senfgasfunde sind immer noch giftig. Von der „Gesellschaft zur Entsorgung chemischer Kampfstoffe und Rüstungsaltlasten“ wird dort bis heute Gift aus den Weltkriegen entsorgt und 2014 auch zu Hydrosylat umgewandeltes Senfgas aus dem Syrischen Bürgerkrieg bei hoher Temperatur verbrannt. (vgl. Artikel im Göttinger Tageblatt, 10. Januar 2014, 29. August 2014 und 24. September 2014.) Die Bestände an Senfgas und Phosgen-Granaten wurden nach dem Ersten Weltkrieg zunächst entsorgt, indem sie auf dem Gasplatz Breloh bei Munster einfach in die Luft gesprengt wurden. Eine ungeplante Explosion zerstörte 1919 zudem 48 Werksgebäude der Abfüllanlage. Die Überreste und Fundamente wurden 1933/34 abgetragen, zerkleinert und für den Straßenbau wiederverwendet. Der bei diesen Vorgängen zuständige Mediziner Büscher registrierte zahlreiche Erkrankungen der Arbeiter aufgrund der Gifte. vgl. Büscher, S.94f, 117, 119f.

[100] vgl. Stoltzenberg, S.333ff

[101] vgl. BUKO/ medico international/ Sozialistische Zeitung (Hrsg.): Händler des Todes. Bundesdeutsche Rüstungs- und Giftgasexporte im Golfkrieg und nach Libyen, Frankfurt 1989. Die Fabrik hatte ihren Sitz in der Mönckebergstraße 19 (vgl. Annonce in: Zeitschrift für das gesamte Schieß- und Sprengstoffwesen mit der Sonderabteilung Gasschutz“ München Nr.10 (Okt.1931), S.357.

[102] vgl. Stoltzenberg, S.334

[103] 1929/31 organisierte das Internationale Rote Kreuz einen Wettbewerb zu Prüfverfahren von Senfgas in der Luft, um so die Zivilbevölkerung vor chemischem Krieg besser schützen zu können. Ausgerechnet Haber wurde als einer der internationalen Juroren ausgewählt. Das Ergebnis war ernüchternd: Keines der vorgestellten Prüfverfahren konnte Senfgas in der Luft ausreichend sicher feststellen. (Vgl. Zeitschrift für das gesamte Schießwesen, S.351f)

[104] nach Angaben von Haber, Charlotte: Mein Leben mit Fritz Haber, Wien 1970, S.84 und Wedlich, Susanne“ Chemiker Fritz Haber – Forscher an vorderster Front, in: Der Spiegel, Heft 5/2013 und Koch, S.27 (hier: 1893 konvertiert)

[105] Franck wäre als kriegsverletzter Frontkämpfer und wegen seiner Berühmtheit vor Entlassung verschont worden, der Schweizer Einstein dagegen war als Kopf einer „jüdischen Physik“ schon seit Jahren in nationalsozialistischen Physikerkreisen verhasst.

[106] Die Themen der Reden waren:1. Habers Bedeutung im Weltkrieg (Oberst A.D. Koeth), 2. Habers Persönlichkeit und seine Verdienste um die KWG (Hahn), 3. Habers Bedeutung für die Wissenschaft (Bonhoeffer). (vgl. Hahn, Uranspaltung, S.92f)

[107] vgl. Sime: Hahn, S.18ff und Hahn, S.146

[108] Eine Anregung Otto Hahns zu einem gemeinsamen Appell anerkannter Professoren gegen die Behandlung jüdischer Kollegen schlug KWG-Präsident Planck aus. Auf 30 Befürworter würden 150 kommen, die dagegen sprechen würden, weil sie die Stellen der anderen haben wollten. Planck bat seine nicht-jüdischen Kollegen wie Heisenberg explizit, weder Deutschland zu verlassen, noch ihre Professuren nieder zu legen (vgl. Hermann, S.83). Otto Hahn trat 1934 ohne großes Aufsehen aus der Berliner Universität aus.

[109] vgl. Sime: Hahn, S.13ff und Hahn, S.145 und Trömel, Zerrspiegel, S.2, 33 und Stoltzenberg, S.591ff

[110] Trömel, Zerrspiegel, S.42

[111] Physik-Journal Juli 2014, S.53

[112] vgl. Sime: Hahn, S.22ff

[113] zitiert nach Sime: Hahn, S.14

[114] siehe hierzu insbesondere Karlsch, Rainer: Hitlers Bombe, München 2005. Die konkrete Rolle Hahns im Uranverein wäre Thema einer eigenen Forschungsarbeit. In Hahns Memoiren ist diese Zeit weitgehend ausgespart.

[115] Nebulös bleibt auch Lässing, Volker, „Den Teufel holt keiner. Otto Hahn und das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Tailfingen“, Albstadt 2010.

[116] vgl. Hahn, 189. Vgl. auch Zeitungsartikel „Das Gebet des Forschers. Ein Letztes Interview mit Nobelpreisträger Prof. Otto Hahn“ in: Göttinger Tageblatt, 1. Aug. 1968.

[117] vgl. z.B. Hahns Abhandlung und Rundfunkansprache: Cobalt 60 Gefahr oder Segen für die Menschheit, 1955

[118] Der Wortlaut der Erklärung abgedruckt z.B. in: Lorenz, S.31f. Vgl. hier auch „50 Jahre Selbstbetrug“, AntiAtomPlenum Göttingen, http://aapgoe.so36.net/artikel/nachrichten/2007/goe_erklaerung_lang.html (abgerufen am 18. September 2014)

[119] vgl. hierzu insbesondere Görgen, Hermann: Ein Schritt in die Zukunft - zum Atomvertrag mit Brasilien, in: Rheinischer Merkur 4. Juli 1975 Mirow, Kurt Rudolf: Das Atomgeschäft mit Brasilien, 1979/1980, bearbeitete Übersetzung von „Loucura Nuclear“, Brasilien 1979, S.17-22 Nuns, Hans: Das deutsche Atom-Kartell, in: KIK Magazin Nr. 52 und Nr. 53 (1982) insbes. Heft 53 S.12-13(?) Geier, Stefan: Schwellenmacht. Kernenergie und Außenpolitik der BRD, Dissertation. Erlangen 2011, S.64ff, 264ff

[120] zitiert nach: Stoltzenberg, S.317

[121] zitiert nach: Stoltzenberg, S.317

[122] Hahn, Cobalt, S.15. Auch schon die Ausgangsstoffe der Giftgase im Ersten Weltkrieg waren die gleichen wie die für medizinische Produkte, z.B. Arsen. (vgl. Johnson, S.192f und Leitner, S.200)

[123] Das Gebet des Forschers. Ein letztes Interview mit Nobelpreisträger Prof. Otto Hahn, in: Göttinger Tageblatt 1. August 1968