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Buch: "Kleine Landeskunde Südniedersachsen"

Mit Südniedersachsen wird genauer gemeint: das Gebiet des Landschaftsverbandes Südniedersachsen, die Landkreise Göttingen-Osterode, NOM, Holzminden, sowie Städte Seesen, Clausthal Zellerfeld im LK Goslar und Alfeld im LK Hildesheim.) Herausgeber sind eben dieser Landschaftsverband Südniedersachsen e.V. der als kommunaler Verband für Kulturförderung gegründet wurde und die Arbeitsgemeinschaft für südniedersächsische Heimatforschung e.V.

Konsequenterweise wurde das Buch Anfang 2017 vom Verlag Mikat aus Holzminden, Südniedersachsen veröffentlicht, der auch Bücher wie „Zwangsarbeit in Höxter“ oder „Nationalsozialismus im Weserbergland“ veröffentlicht hat und sich offenbar sehr unterstützend bei der Erstellung des Buches beteiligt hat.

Das Buch ist in jeder Hinsicht von einer Überfülle geprägt.
Erst einmal ist es überraschend schwer, denn die 270 Seiten des Buches sind auf Glanzpapier gedruckt um die vielen (263!) Fotos und Bilder sowie 74 Grafiken und 34 Karten scharf aufs Papier zu bringen. Das Buch hätte sich angesichts des Umfangs und der Ausstattung nicht für 19.80 € auf den Markt bringen lassen, wenn es nicht die Unterstützung durch die VGH-Stiftung, die Klosterkammer Hannover, die Braunschweigische Stiftung, die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und die Calenberg-Grubenhagensche Landschaft gegeben hätte. Vermutlich war auch die unentgeltliche Zuarbeit von Menschen im wissenschaftlichen Beirat und jene von Autor*innen eine wesentliche Unterstützung. Der Verlag verzeichnet auf seiner Webseite eine Überfülle von 45 Autor*innen, von denen im Buch 18 namentlich mit besonderen Informationen erwähnt werden.

Überfülle auch in der Zahl der Themengebiete.
Die größeren Themenblöcke sind unterteilt in: Vom Steinzeitmenschen bis heute, Kommunalpolitik (Selbstverwaltung, Gebietsreform,..), Bevölkerung im Wandel, Arbeitswelt/Wirtschaft, Umwelt/Energie/Verkehr, Religion, Bildung, Kultur. Die Überschriften sind in Fragen gefasst: Wovon leben die Menschen in Südniedersachsen? Wo lernen die Südniedersachsen? Was glauben die Südniedersachsen?

Innerhalb der Themenblöcke geht es dann in aufgegliederten Teilbereichen noch einmal in die Tiefe und ins Detail.

Ein Beispiel: Im Abschnitt „Vom Steinzeitmenschen bis heute“ (wahrlich kein kleines Feld) ist ein Artikel überschrieben mit Herrschaftabfolge in Südniedersachsen seit dem 8 Jahrhundert.  Dazu gibt es auf Seite 49 ein Histogramm mit vielen Kästchen, Hierarchie-Linien und Kleingedrucktem mit den Beziehungen der Herzogtümer, der Verteilung von Fürstentümer, Zugehörigkeiten zu Königreichen usw. – alles auf engstem Raum.

Der „Germanische Überfall am Harzhorn“ ist ebenso wie die Geschichte der Königspfalzen ( z.B. der Pfalz Grona in Göttingen) in kompakter Weise und stets mit vielen Bildern dargestellt, so dass damit eine Unterrichtseinheit eingeleitet werden könnte – was übrigens auch eine Nebenabsicht der Herausgeber*innen war.

Beim persönlichen Durchforsten des Buches blieb mein Blick an einem großformatigen Foto von Otto Liebert aus dem Jahre 1895 hängen, das eindrücklich das damalige Leben am Sollingrand zu schildern in der Lage ist. Dies soll ein Bildausschnitt verdeutlichen, der auch stellvertretende für die vielen Illustrationen des Buches stehen soll.


Ausschnitt aus dem Foto von Otto Liebert 1895 / das Bild geht über zwei aufgeschlagene Seiten, dadurch tritt beim Abfotografieren in der Mitte eine Verzerrung bei dem Bildausschnitt auf. (S. 125)

Das Vorwort mit dem Titel „Warum dieses Buch?“ verrät nicht begreifbar die Motivation der Herausgeber. Wenn man aber das Buch aufschlägt und am Anfang 5 großformatige Fotos über 5 Doppelseiten Landschaften Südniedersachsen sieht die sagen wollen: Schaut! Ist unsere Landschaft nicht wunderschön? Dann weiß man es. In der Tat ist die südniedersächsische Landschaft mit vielen überraschend schönen Gegenden ausgestattet. Ein humorvoller Zeitgenosse hat sie einmal an anderer Stelle als „südniedersächsische Toskana“ bezeichnet.(>>Landschaftsfotografien von Grapf).
Allerdings: Bei einer der großformatigen Landschaftsaufnahmen am Anfang der Landeskunde Südniedersachsen wäre es nicht nötig gewesen, eine Kuh durch farbliche Aufarbeitung vor dem Weserberglandes derart hervorzuheben – so dass man glauben könnte, sie sei ins Bild hinein montiert worden. Und ein anderes großes Landschaftsfoto wird allzu sehr von einem Kreuz mit fast erschreckend lebensechter Darstellung des daran genagelten Jesus dominiert - ein Hinweis auf das katholische Eichsfeld)

"Nebenbei" ein Schulbuch ?
Überraschende Ähnlichkeit im Aufbau und Titel weist die „Kleine Landeskunde Südniedersachsen“ mit einem Buch auf, das der Landschaftsverband Weser-Hunte e.V. 2016 herausgegeben hat. Dieser bezeichnete sein Buch ebenfalls als „Kleine Landeskunde“ aber mit dem Zusatz „Zwischen Weser und Hunte“. Im Vorwort dieses Buches findet man die Motivation etwas deutlicher beschrieben:
„Heimat ist eine Ursehnsucht des Menschen und besonders in der globalisierten Welt wieder angesagt. »Unser Platz in der Welt ist kein E-Mail-Account, sondern ein Häuschen mit Gartenzaun. Heimat ist langweilig? Von wegen, sagt der Autor Philipp Riederle mit Blick auf seine eigene Generation, die »Digital Natives«. Denn je unbegrenzter wir reisen und digital surfen, desto wichtiger ist es, Bodenhaftung in der eigenen Identität zu finden. Global kommunizieren — lokal wohnen, dieser Spagat will gekonnt sein. Die Welt hat sich scheinbar in ein Dorf verwandelt, denn das Internet hat alle Grenzen aufgelöst. Um eine Identität und damit ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, braucht es allerdings Begrenzung, Geborgenheit und Zugehörigkeit. Wer aber kennt das eigene Dorf, den Ort, die Region, aus der er oder sie kommt, tatsächlich näher?“ (>>diepholz kleine-landeskunde )

Eine ähnliche Orientierung lässt sich für die „Landeskunde Südniedersachsen“ ableiten, wenn im Vorwort steht, das Buch sei “auch für die Verwendung als Materialband im Schulunterricht ab der 7. Klasse konzipiert.“ Und damit komme „das Buch auch der Forderung des Niedersächsischen Kultusministeriums nach, das in einem Runderlass vom 7.7.2011 eine stärkere Berücksichtigung regionaler Themen fordert.“ Denn der Runderlass des Kultusministeriums vom 07.07.2011 sagt: "Zum Bildungsauftrag von Schule gehört es deshalb, neben den globalen auch die regionalen Bezüge und die Region im Unterricht und im Schulleben zu berücksichtigen und sichtbar zu machen sowie die Entwicklung eines regionalen Bewusstseins zu fördern." Das Kerncurriculum fordert, dass die Schüler*innenim Spannungsfeld zwischen lokal und global ein reflektiertes Heimatbewusstsein, ein Bewusstsein als Europäer sowie Weltoffenheit entwickeln sollen. (>>Sekundärquelle)

Global - Lokal - Heimat
Die Welt hat sich nicht nur in ein globales Internet-Dorf verwandelt, sondern die Menschen aus weit entfernten Gegenden tauchen auch real körperlich in unserer unmittelbaren Umgebung auf, weil sie aufgrund von Krieg, Gewalt, Verfolgung und Klimawandel (Hungerkatastrophen, Überschwemmungen) ihre Region verlassen.
Das vom Ministerium angesprochene Spannungsverhältnis zwischen Global und Lokal möge mit zwei Beispielen illustriert werden.. In der Landeskunde Südniedersachsen wird im Artikel „Flüchtlinge heute“ (S. 135) Ahmad D., ein syrischer Flüchtling zitiert mit den Worten: Bodenwerder ist meine neue Heimat geworden, ich fühle mich hier wohl. Ich möchte hier arbeiten und leben.“ Beim Jahresempfang des Intergrationsrates 2017 in Göttingen trat ein junger Mann aus Syrien auf die Bühne und sang schüchtern und dann voller Inbrunst ein Liebenslied und eines von der Schönheit seiner Heimat, woraufhin eine Frauen aus seinem Land laut in Tränen ausbrach.

Buchrezension: G. Schäfer / goest / März 2017

 

Freundlicherweise gab Olaf Martin, Geschäftsführer des Landschaftsverbandes Südniedersachsen auf die im Text angedeuteten Zweifel und Fragen nachträgliche Antworten 22.3.17:

- Niedriger Preis: Ja, der Beitrag der Stiftungen war essenziell, insgesamt 70.000 Euro. Die restlichen ca. 55.000 Euro kamen vom Landschaftsverband. Vgl. auch >>Kosten

- Zahl der Autor/inn/en: Autoren i. e. S. sind die 18 namentlich im Buch Genannten, vorneweg Peter Drews, der den Haupttext geschrieben hat. Die anderen Personen waren Mitglied des wissenschaftlichen Beirats und unserer hiesigen Redaktionsgruppe, vor allem letztere hat teilweise stark mitredigiert und -korrigiert. Ein Honorar hat (vom Verlag) nur Peter Drews und der Lektor bekommen. In allen anderen Fällen haben die Leute das entweder im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit beigesteuert oder haben Aufwandsentschädigungen im niedrigen dreistelligen Bereich bekommen. Du hast also recht, der Anteil unentgeltlicher Zuarbeit war erheblich.

- Vorwort zum Buch: im Wesentlichen ein Text von Olaf Martin, der erklärt, er habe sich "gegen den Wunsch nach einem weiter ausgreifenden Ideen-Überbau zu dem Buch gewehrt. Das Buch soll für sich sprechen" und er sei "skeptisch hinsichtlich der üblichen Diskurse zu Region, Heimat, global-lokal, regionale Identität usw. , zu viel Geschwurbel und bei genauerem Nachdenken problematischen Implikationen."

- Kuh im Weserbergland: Die sieht wirklich künstlich aus, aber der hier wie in vielen anderen Fällen aktive Fotograf Jörg Mitzkat versicherte mir glaubhaft, dass er dieses Foto nicht nachbearbeitet hat. Es muss die im Rücken des Fotografen tiefstehende Abendsonne gewesen sein, die zu dieser ungewöhnlichen Färbung geführt hat.