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Werbung im öffentlichen Raum

Öffentliche Toiletten ja - Privatisierung mit der Erlaubnis der Werbung nein

Öffentliche Toiletten, insbesondere barrierefreie, sind in Göttingen unbedingt erforderlich. Es gibt nur wenige Gaststätten, die barrierefreie Zugänge zu behindertengerecht ausgestatteten Toiletten haben.

Beim dem Werbeagentur-Projekt >>"Nette Toilette" werden Gaststätten gebeten, einen Aufkleber anzubringen mit dem Hinweis, dass deren Toilette kostenlos benutzt werden kann und ob es eine Behindertentoilette gibt. Als Ergänzung für öffentliche Toiletten sicher sinnvoll.
Beispiel Hann. Münden: Dort erhalten die beteiligten Betriebe für die kostenlose Bereithaltung eine monatliche Entschädigung. In der Rathauswache und den beteiligten Betrieben erhalten Touristen und Besucher einen Übersichtsplan mit Öffnungszeiten der "netten Toiletten". Im Gegenzug werden die öffentlichen Toiletten "Kronenturm" und "Hinter der Stadtmauer" geschlossen, was bei den hohen Unterhaltungskosten besonders durch den Vandalismus, erhebliche Einsparungen für den städtischen Haushalt bedeutet. >>hann.muenden.de Ähnlich wird auch die Einführung in >>Osterode begründet.
In Göttingen aber bringen etliche Gaststätten eher abweisende Schilder an, auf denen die Toilettenbenutzung nur für Gäste erlaubt sein soll und für andere eine Gebühr erhoben wird. Abgesehen von fehlender Barrierefreiheit als Hindernis für Rollifahrer_innen kann der Gang in eine Gaststättentoilette für chronisch Kranke oder z.B. psychisch Kranke mit Angststörungen auch eine Barriere sein. (auch wenn ein Aufkleber "Nette Toilette" an der Tür hängt)

Offensichtlich ist man in Göttingen von dem Plan, die Citytoilets in der Stadt ersatzlos abzuschaffen wieder abgerückt, denn die Stadt schreibt im Rahmen der Neuordnung von Werbelizenzvergaben die Errichtung von "5 vollautomatische, barrierefreie WC-Anlagen – zu errichten ab 1.2. bzw. 1.6.2019 – an den bisherigen WC-Standorten" aus

Ansonsten kündigt sich die Umstrukturierung der innerstädtischen Werbung sich durch folgende Ausschreibung der Stadt an:
Dienstleistungskonzessionen für exklusive Werberechte auf Flächen der Stadt Göttingen, in Los 1 mit der Verpflichtung zum Betrieb von öffentlichen Toilettenanlagen (Nr. 134_2014) Leistungsumfang: Los 1:
— 171 verglaste Wartehallen mit insgesamt 172 CLP-Vitrinen,
— bis zu 30 freistehende City-Light-Poster-Vitrinen (60 CLP-Werbeseiten),
— bis zu 70 City-Light-Säulen (Format 4/1 und/oder 8/1)
–- 14 Standorte bis 31.1. bzw. 31.5.2014 durch bisherigen Konzessionsinhaber genutzt,
— bis zu 19 Monofußanlagen (City-Star- und/oder Mega-Light-Anlagen)
-– 7 Standorte bis 31.1. bzw. 31.5.2019 durch bisherigen Konzessionsinhaber genutzt,
— bis zu 80 Allgemeinsäulen,
— bis zu 50 Ganzsäulen (teils beleuchtet),
— bis zu 50 Großflächen (mehrheitlich beleuchtet).
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Bis zu 200 Wechselrahmen an Lichtmasten (Format A1) zur Nutzung für Hinweiswerbung sowie 12 Gewerbehinweisanlagen

 

Bei Citytoilets bot die Stadt Werbefläche im Tausch für den Betrieb einer öffentlichen Toilette

Vom Sparwahn befallene Verwaltungen finden es genial, aber anders betrachtet ist es einfach ätzend: die futuristischen high-tech-Toiletten, die kaum jemand benutzt und die dafür eingehandelten Werbe-Monsterflächen des Unternehmens Wall Verkehrsanlagen AG / Berlin-Spandau. Die Stadtverwaltung entledigt sich der Aufstellung und Wartung von öffentlichen Toiletten und erlaubt der Wall Verkehrsanlagen AG dafür die Aufstellung von Werbetafeln (das sind neun Quadratmeter große sogenannte "City Billboards")  an Stellen an denen das Auge kaum ausweichen kann. Auch nachts drängen diese Werbeflächen beleuchtet durchs Auge ins Hirn der Einwohner_nnen.
Allein in Berlin hat Wall die Stadt mit 1200 Reklametafeln verschandelt. (Bezirksvertreter sprachen bereits 1997 von einer "Verschandelung" in Berlin >Quelle) Kritiker fragen in diesem Zusammenhang:
Wo ist die Grenze, an der gnadenloses Kommerz-Chaos die visuelle Identität einer Stadt unter sich begräbt? Im Rahmen eines Diskussionsforums des Bayrischen Rundfunks hieß es u.a.: "Auch wenn die zusätzlichen Einnahmen manchmal verlockend sind, die Städte müssen darauf achten, ihre Identität nicht zu verkaufen." (>Quelle)

"Klo"balisierung

Toiletten-Marktführer Decaux aus Paris, der zehnmal so groß ist wie die Wall-Firma besitzt inzwischen einen großen Anteil an Wall. Wall erwirtschaftete 2003 vermutlich 100-200 Millionen Euro Umsatz, Decaux hingegen 1,5 Milliarden Euro und ist mit 35 Prozent an der Wall AG beteiligt. (Quelle / Berlin online)

Siehe auch: Geschäfte mit öffentlichen Toilettenhäuschen UNTERNEHMER Toilettenkönig von Berlin Das Geschäft mit dem Geschäft: Hans Wall schenkt den Städten moderne Toilettenhäuschen und verdient so Millionen. Geschäfte mit öffentlichen T... Autor: Löwer, Chris DER SPIEGEL vom 25.10.1999 Nr. 43 S. 154

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Am Gothaer Haus
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50 Pfennig eingeworfen, die Tür öffnet sich
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und das ist die Verschandelung der Stadt, die die Toiletten mit sich bringen: riesige Werbetafeln - auch beleuchtet.

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Ohne Zutun: Nach 20 Minuten öffnen sich die Türen automatisch

Politische Bewegungen gegen die Aggressivität der Werbeindustrie

Einige Menschen empfinden die meist psychologisch ausgetüftelte Werbung als eine nervige Wahrnehmungslenkung und Manipulationsversuche bzw. in extremer Sichtweise auch als Psychoterror. International gibt es bereits Gruppierungen die sich offen gegen Werbung engagieren. Die Bewegung "Culture Jamming" der WerbegegnerInnen hat offensichtlich Deutschland noch nicht erreicht. Die "Verschandelung der Städte" kann anscheinend nur Denkmalschützer in Rage bringen. In Paris hingegen, wo der Toilettenmarktführer Decaux seinen Hauptsitz hat, gibt es auch eine besonders aktive Anti-Werbungs-Bewegung. Insgesamt gibt es In Frankreich lebhafte Auseinandersetzungen dazu. Im Herbst 2003   hatten z.B. in einer Großaktion KünstlerInnen, Tagger und Studis die Werbeflächen in der Pariser Metro angegriffen. Mehrere Hundert wurden daraufhin festgenommen und mehr als 50 bekamen Gerichtsverfahren angehängt. Sie wollten sich gegen die Dauerberieselung und Aggressivität der Werbung wehren.
In Kanada gibt es die Adbusters "Werbejäger" ( http://adbusters.org/) die gegen Werbung zu Felde ziehen und sogar einen weltweiten "Kauf-nichts-Tag" propagieren. Taggers wie die Gruppe „Rap“ (http://www.antipub.net/rap/) reagieren gegen die Dauerberieselung von Werbung mit Tags. In Frankreich gibt es inzwischen ein subkulturelles Netz von Werbe-GegnerInnen das sich über das Land zieht. Besonders aktiv sind auch die  Brigade Anti Pub z.B. mit Bemalung von Plakatflächen

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