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Wohngemeinschaften

Anlässlich eines absehbaren Endes eines traditionellen Wohngemeinschaftshauses öffnen ehemalige Bewohner*innen ihr Fotoalbum, kramen in Erinnerungen und haben das Bedürfnis ihrer Trauer öffentlichen Ausdruck zu verleihen. Mifühlend geben wir ihren Bericht und einige der Fotos hier zur Kenntnis. (red. goest)

30 Jahre alte linke Traditions-WG verliert ihr Haus
von Friederike Grabitz

6.6.16 / Wir sind gerade in Göttingen, aus einem nicht so schönen Anlass: Um unsere ehemaligen Mitbewohner in der WG Weende (Hannoversche Straße 135) noch einmal zu treffen, zusammen mit vielen anderen Ehemaligen. Diese WG wird es nämlich, nach 30 Jahren, nur noch bis Ende Mai geben. Der Vermieter, der das Haus vor wenigen Jahren gekauft hat, möchte es zusammen mit den Nebengebäuden (wo Sportteam Freckmann drin war) an seine eigene Einrichtung für Betreutes Wohnen vermieten. Da das Haus sehr alt ist und in der Form vor keinem Sozial-TÜV bestehen wird, vermuten wir, dass das Haus erst umfangreich und lange renoviert werden wird und wahrscheinlich nichts von seinem alten Charakter behalten wird, was wir sehr schade fänden.

In der Hannoverschen Straße 135 war im vorvorletzten Jahrhundert ein Gasthaus mit Stallungen für Postpferde und Kutschen in den Hintergebäuden. Wie es danach genutzt wurde, wissen wir nicht. In den 1980er Jahren mieteten sechs linke Studenten das damals schon alte Gebäude, richteten sich die fünf Wohneinheiten auf zwei Etagen her und bauten dazu auf den Dachboden zwei Wohnzimmer und ein Gästezimmer. Danach hatte jedeR ein sehr großes oder zwei kleinere Räume. Unten gibt es die Gemeinschaftsräume.

Freunde haben mit erzählt, dass das Haus als geschichtsträchtig galt: ein Ort für linke Kultur, vergleichbar mit den linken WGs in der Gotmarstraße oder der Roten Strasse. In den folgenden Jahren soll sogar der Verfassungsschutz die WG wegen linker Umtriebe beobachtet haben, dafür habe ich aber nur mündliche Berichte als Quelle ;-). Auf jeden Fall haben wir beim Aufräumen auf dem Dachboden einmal große Mengen einschlägiger Plakate und Demo-Material gefunden. Legendär waren auch die grossen Parties, die umfangreiche Freundeskreise nach Weende gelockt haben. Zum Ende der WG haben wir Post von einem der Gründer bekommen, der uns schrieb, dass ein früheres Gründungsmitglied jetzt in Nicaragua lebt. Noch heute kann man an verschiedenen Orten im Haus Zapatisten-Aufkleber finden, sie zeugen von der Nicaragua-Unterstützungsarbeit der frühen Jahre. Anfang der 2000er gab es einen Bruch, da zogen fast alle gleichzeitig aus. Kurz danach bin ich eingezogen und habe mehrere Generationen an Mitbewohnern und Veränderungen am und im Haus erlebt. Dort sind stabile, schöne Freundeskreise entstanden, die bis heute tragen, auch nachdem die meisten von uns Kinder haben und an verschiedenen Orten Deutschlands (und der Erde) leben. Die Tradition der rauschenden Feste haben wir in den acht Jahren, in denen ich dort gelebt habe, fortgeführt, und auch die Tradition der politischen Arbeit in unserer gelebten Praxis. Es gab Renovierungen und Kochsessions, Workshop-Abende und gemeinsame Arbeitseinsätze vor Examensarbeiten. Wir hatten Kinder, Hunde als Mitbewohner.

Letztes Wochenende haben sich nun etwa 20 ehemalige und aktuelle Bewohner der "WG Weende-Block" noch einmal zu einem Revival getroffen. Einige von uns haben bis heute Kontakt nicht nur zu dort entstandenen Freundschaften, sondern auch zum Haus gehalten, manche kamen nach Jahren zum ersten Mal zurück. Es war schön und traurig, dort noch einmal zu feiern.

 

 

 

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