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Trauma / Traumatologie / Traumtherapie

>> Gesellschaft für Psychotraumatologie DeGPT
>> Tagungsreader Tagung 2010 in Göttingen
>> Überblick zur Thematik in Wikipedia

Workshop und Symposium "Trauma-Sucht-Bindung" (Gabriele Szostak)
Posttraumatische Belastungsstörungen bei Soldaten (G.Schäfer)

Die Jahrestagung der DeGPT mit dem Titel "Zeit heilt nicht alle Wunden" fand 4.3.-7.3.2010 in den Räumen des Zentralen Hörsaalgebäudes der Uni statt. Schwerpunkt der Tagung waren Themen, die sich mit den langfristigen Folgen traumatischer Erfahrungen beschäftigen. Die Hauptvorträge der Tagung widmeten sich z.B. den Spätfolgen des Zweiten Weltkrieges, der Weitergabe von traumatischen Erfahrungen über mehrere Generationen, der Schädigung durch Krieg (ein Symposium ist der aktuellen Situation der Bundeswehr gewidmet), Flucht und Migration, den Auswirkungen von Schädigungen in Kindheit und Jugend und den Behandlungsmöglichkeiten.

Ein Überblick über die Breite der Themen:
Dissoziative Störungen ,
Traumafolgestörungen
Posttraumatische Belastungsstörungen bei Soldaten
Psychosoziale Notfallversorgung nach Großschadenslagen
Trauma im kulturellen und politischen Kontext
Krisenmanagement im Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Ausstiegsbegleitung bei Betroffenen Ritueller Gewalt
Frauenberatungsstellen
Trauma- und Suchtbehandlung / Kinder- und Jugendpsychiatrie
Ärzte ohne Grenzen e.V.
PTBS & Komplizierte Trauer
Komplexe Traumafolgestörungen im Versorgungsnetzwerk
Stabilisieren und/oder Prozessieren?
Sucht-Bindung-Trauma
Flucht, Migration und PTBS
Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen
Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungs-Trauma-Störungen
Energetische Psychotherapie in der Traumatherapie
Brainspotting – eine neuropsychologische Methode
EMDR und Biofeedback
Die Arbeit mit dem Inneren Kind

Professor Dr. med. Ulrich Sachsse eröffnete die Tagung als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats. (Foto bei der Begrüßung zum öffentlichen Abendvortrag von Richard Oetker.

Sachsse promovierte 1980 bei Prof. Leuner in Göttingen über Therapie mit Katathymem Bilderleben, war Oberarzt in Tiefenbrunn, Funktionsbereichsleiter des FB Psychotherapie und Tagesklinik im LKH Göttingen und ist seit 2007 im Asklepios Fachklinikum Göttingen (ehemals LKH) tätig

 

 

Gabriele Szostak
Workshop und Symposium "Trauma-Sucht-Bindung"

Im Rahmen des Kongresses der deutschen Gesellschaft fuer Traumapsychologie fand ein Symposium zum Thema "Trauma-Sucht-Bindung" statt, u.a. mit Dozenten auch aus der Goettinger Asklepios Klinik. Die Vortraege informierten ueber die neuesten Erkenntnisse und Forschungen im Rahmen von Suchterkrankungen auch vermehrt auf traumatische Grunderkrankungen zu schauen und neben der gezielen Suchtbehandlung auch die posttraumatischen Belastungsstoerungen (PTBS ) zu behandeln.
Man erzielte in den letzten Jahren bessere Erfolge wenn man beides parallel anging und die Patienten dadurch auf breiterem Feld entlasten konnte. Auch wenn die sogenannten klinischen Symptome sich deutlich zu widersprechen schienen, hat die Beobachtung ergeben, dass die Suchtkomponente die PTBS ueberlappen kann und die Gesamtproblematik des Patienten daduch immer wechselseitig zum Tragen kommt.
Im Rahmen dieses Kongresses wurden sowohl koerperliche Stoerungen des Hirnstoffwechsels und der Gehirnfunktionen, einschliesslich des Nervensystems und deren Behandlungsmoeglichkeiten wie auch alle psychischen und sozialen Folgen und deren Behandlungsansaetze diskutiert.
In neuester Zeit bezieht man auch Imaginationsarbeit, also die Arbeit mit inneren Bildern in die Therapie mit ein, um neue Verknuepfungen im Gehirn und Koerper sowie im Gefuehl zu foerdern. Die Behandlung der Suchterkrankungen und aller dadurch entstehenden Problematiken wie psychosoziale Stoerungen, persoenliche Bindungsstoerungen, koerperliche Schaedigungen werden im Rahmen von stationaeren Aufenthalten mit psychotherapeutischen Maßnahmen wie Einzeltherapie, Gruppentherapie und sozialen Kompetenztrainings sowie ambulanten Behandlungen duchgefuehrt. Insgesamt ist die Behandlung und Betreuung von suchtkranken Menschen auf einem breitangelegten Gesamtkonzept vorgestellt worden.

 

G. Schäfer
Workshop: Traumatisierung von Soldaten

Rastant zunehmende Zahl traumatisierter Soldaten

12.3.10 / Großen Aufwand muß die Bundeswehr betreiben, allein um den Überblick über die traumatisierenden Folgen militärischer Einsätze zu behalten. In den Bundeswehrkrankenhäusern Koblenz, Hamburg, Berlin und Ulm wurden in den letzten 10 Jahren ca. 1600 Soldaten und Soldatinnen mit postraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) behandelt.. Ein >>Bundeswehrfilm spricht von jährlich insgesamt 150 PTBS-Erkrankten die eines der Bundeswehrkrankenhäuser aufsuchen. Im Tagungsreader hingegen heißt es, dass allein im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg 2006/2007 126 PTBS-Patienten behandelt wurden. Allein aus dem Afghanistan-Einsatz hat laut Verteidigungsministerium eine Steigerung der Zahl traumatisierter Soldaten von 55 im Jahr 2006 über 130 in 2007 auf 226 im Jahr 2008 stattgefunden. Der Wehrbeauftragte wiederum schreibt von einer Verdreifachung der Fälle vom Jahr 2006 (83) bis zum Jahr 2008 auf (245), wobei die große Mehrzahl in Verbindung mit dem ISAF-Einsatz aufgetreten sei. Und in seinem Bericht 2009 schreibt er von "418 offiziell registrierte Soldatinnen und Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen" binnen nur eines einzigen Jahres. (nachträglich 17.3.10 eingefügt).
Die Zahlenangaben an anderen Stellen weichen evtl. deshalb deutlich voneinander ab, weil die unterschiedlichen Stellen in unterschiedlicher Weise den politischen Konfliktgehalt der Zahlen bewerten und sie dementsprechend realistisch oder geschönt darstellen. Die wirklichen Gesamtzahlen liegen mit Sicherheit noch höher als die offiziell genannten. Auch der Wehrbeauftragte schreibt in seinem Bericht 2008 von einer hohen Dunkelziffer.
Dazu kommt auch noch die Zahl derjenigen, die in zivilen Krankenhäusern behandelt wurden und jene, die bei niedergelassenen TherapeutInnen in Behandlung sind. Schließlich gibt es noch die Dunkelziffer jener Soldaten, die ohne Behandlung mit einer PTBS herumlaufen. Die Referenten konnten lediglich die oben genannte ungefähre Gesamtzahl von 1600 für den offiziellen Teil angeben, vermutlich dürfte die Zahl jedoch mindestens doppelt so groß sein.

Behandlung in der Psychiatrie des Bundeswehr-Zentralkrankenhauses
Flottillenarzt Dirk Preuße und OberStabsarzt (OSA) Tony Krause berichteten vom >>Bundeswehr- ZentralKrankenhaus in Koblenz über die Behandlung von Soldaten mit PTBS. Ihre Schilderungen aus der Praxis machten eindringlich die Gegenwart solcher Kriegsfolgen deutlich. Im Zentrum der Gefährdung stehen gegenwärtig die 4350 in Afghanistan eingesetzten deutschen Soldaten und 190 Soldatinnen (hinzu kommen noch 1500 KFOR Soldaten und 1000 Enfor-Soldaten). Mit dem Gestus eines Arztes, der beständig damit zu tun hat schilderte OSA Krause Erfahrungen in der PTBS-Therapie :
Nach der Rückkehr haben alle Soldaten erst einmal Schlafstörungen, die nach einigen Tagen weggehen sollten. Eine erhöhte Achtsamkeit und Schreckhaftigkeit (Hyperarousal) bleibt länger erhalten. Manche Soldaten entwickeln eine langandauernde Abneigung einen Rasen zu betreten, weil im Einsatzgebiet unter Rasen Minen sein konnten. Typisch ist auch, dass vorübergehend Menschenmengen gemieden werden, krankhaft wird es jedoch erst, "wenn sie gar nicht mehr rausgehen." oder wenn das Vermeidungsverhalten nicht nachlässt. Ein chronifizierter Verlauf geht einher mit sozialer Isolierung, häufig kommt Alkoholkonsum dazu . Ein anderer typischer Aspekt ist eine tiefgehende "Verbitterung". Die Soldaten fühlen sich z.B. alleingelassen und ungerecht behandelt, was vor allem bei Kosovosoldaten beobachtet wurde. Ein anderes häufig auftretendes Symptom sind "persistierende Albträume". Dabei geht es um Ängste, die nicht auf reale Ereignissen aufbauen sondern allgemeine Lebensängste darstellen.
Eine Besonderheit ist bei der Kampftruppe im Einsatz zu beachten: unter den extremen Bedingungen der Kampfsituation schweißt die Gruppe derart extrem zusammen, dass einzelne nicht mehr in der Lage sind auszusteigen, auch wenn sie merken, dass sie es nicht mehr packen. Sie wollen keinesfalls "die anderen im Stich lassen" . Die enge Verbundenheit der Gruppe führt auch dazu, dass beim Tod eines Gruppenmitgliedes die Mitsoldaten unter der "Überlebensschuld" leiden und denken sie hätten jemanden im Stich gelassen.
In der Therapie wird es oft erst einmal notwendig, dass die Soldaten-Patienten die "Abgabe von Kontrolle zulassen" und dass Emotionen zugelassen werden mit denen dann gearbeitet werden kann. Dazu dient z.B. "Emotionsarbeit/Musiktherapie". Auch ein Feldwebel hat erst einmal Probleme, wenn er in der Ergotherapie "Bildchen malen" soll, aber "nach einer Weile geht das dann auch". Ganz problematisch ist die Behandlung von Leuten aus Aufklärungstrupps, die immer mißtrauisch sein mußten und dann nach ihrer "Repatriierung" natürlich auch dem Therapeuten gegenüber hoch mißtrauisch sind. Einige Soldaten wollen überhaupt "keinesfalls im System" behandelt werden. Andererseits haben die freien TherapeutInnen oft keine Ahnung vom Militärischen und wissen deshalb oft nicht weiter. Auch in diesen Berichten wurde als "protektiver Faktor" die Bindung zu mindestens einer Bezugsperson betont. Die Ablehnung im Alltag durch Familie und soziales Umfeld hingegen als "Stressoren" herausgehoben. [An dieser Stelle sei kommentiert: dies genau macht deutlich, wie wichtig für die Bundeswehr die Sicherung der Legitimationsbasis an der "Heimatfront" ist ] .
Makaber wurde der Workshop, als aus dem Publikum die Frage nach den belastenden Folgen gefragt wurde, die dadurch entstehen, dass ein Soldat einen Menschen erschossen hat. Die Antwort war: "wenn sie jemanden erschossen haben spielt das kaum eine Rolle" aber die Angehörigen würden ihr Verhalten gegenüber den Personen ändern und sich zurückhalten. "Wir raten den Soldaten, es nicht zu erzählen, dass sie jemanden erschossen haben".

Bundeswehrkrankenhaus Berlin erforscht "alternative Heilmethoden"
Oberstarzt Dr. med. Peter Zimmermann, Leitender Arzt - Psychiatrie und Psychotherapie am Bundeswehrkrankenhaus Berlin Seit 1.5.2009 gibt es das Traumazentrum auf dem Gelände des Berliner Bundeswehrkrankenhauses. Es ist dem Institut für medizinischen Arbeits- und Umweltschutz der Bundeswehr (IMAUS) angegliedert.
Zimmermann war 1997 – 1998 in Bosnien als Truppenarzt, 2003 mit der ISAF Afghanistan als Facharzt Psychiatrie und 2006 mit der KFOR im Kosovo. Er berichtete auf dem Workshop über "komplementärtherapeutische Verfahren". Erstaunlich, wie bei der Bundeswehr sämtliche Methoden alternativer ja esoterischer Heilmethoden im Bundeswehrkrankenhaus Berlin einer wissenschaftlichen Bewertung (Evaluation) unterzogen werden. Dazu gehören bereits erprobte Therapien wie Ergo- , Bewegungstherapie und Gestalttherapie, zunehmend alternative Methoden wie z.B. Akupunktur und Aromatherapie, energetische Psychotherapie bis hin zu "spirituellen Heilmethoden".
Die komplementären Verfahren hängen stark davon ab ob es gelingt, die Patienten zu einer Verbalisierung von Emotionen in engen Beziehungen zu bewegen und ihre sozialen Kompetenzen zu stärken. Zimmermann machte dabei die denkwürdige Unterscheidung von "Identität als Funktionsträger" (Soldat) im Unterschied zur Identität als Mensch!

Standardisierte Verfahren um den Überblick zu behalten
Um den Überblick zu behalten werden Screenings bei der Nachbereitung der Kampfeinsätze durchgeführt. D.h. die Soldaten werden auf Anzeichen für PTBS überlicksartig getestet. Hierzu gibt es standardisierte Verfahren z.B. der Kölner Risikoindex-Bw (KRI-Bw) . Die Truppenpsychologin Sybille Dunker stellte im Workshop die Weiterentwicklung dieses Verfahrens vor. (Ihre >>Dissertation dazu ist online im Netz) Mit weiterentwickelten V-KRI-Bw "wird ein Screeninginstrument zur Verfügung gestellt, das die Prognose der Entstehung einer PTBS-bezogenen Symptomatik nach traumatischen Erlebnissen in Auslandseinsätzen der Bundeswehr valide und zuverlässig prognostiziert." (Dunker)

Von 3000 Soldaten wurden während der Nachsorgeseminare nach den Einsätzen 650 Freiwillige zu einer ersten Untersuchung befragt. 49.4% gaben belastende Erlebnisse an, die als traumatisch eingestuft werden: Gefechte, Beschuss, Anschläge, Selbstmordattentäter versteckte Sprengfallen, Konfrontation mit Verletzten, Leichen oder Leichenteilen, Gewalt in der Bevölkerung und die Konfrontation mit Armut und Elend.

Beim Screening (nicht zu verwechseln mit Diagnostik!) nach dem Kölner Risiko Index werden u.a. folgende Punkte abgetestet:
Es fällt schwer, offen über das belastende Erlebnis zu sprechen
Gefühl, nicht Teil des Geschehens zu sein
Automatisches Handeln
Das Ereignis wurde als unwirklich erlebt
Probleme, sich in Zeit und Raum zu orientieren
Verändertes Körpergefühl
Gefühl, über dem Ereignis zu schweben
Bruchstückhafte, unvollständige Erinnerungen
Eingeschränkte Wahrnehmung
Das belastende Erlebnis trat überraschend und unerwartet ein
Dauer des Ereignisses länger als eine halbe Stunde
Erlebte Bedrohung für Leib und Leben
Erleben schwerer Verletzung und / oder Misshandlung
Beobachtete schwere Verletzungen und / oder Misshandlung
Erlebte Geiselnahme und / oder Gefangenschaft
Beobachtete Geiselnahme und / oder Gefangenschaft
Es kamen Personen zu Tode
Eigene bleibende körperliche Schäden
Konfrontation mit Leichen oder entstellten Körpern
Beteiligung an bewaffneter Auseinandersetzung / Kampfhandlung
Verursachung der Verletzung oder des Todes anderer

Da auch Einflußfaktoren und späterer Verlauf der Traumawirkung in einer Längsstudie untersucht wurden, konnte z.B. festgestellt werden dass "Ein Leben als Alleinstehender oder Geschiedener" ein deutlicher Risikofaktor ist. Das sonstige soziale Umfeld kann für eine Bewältigungsstratgie hilfreich sein. Auch die fehlende Identifikation mit dem Einsatz wurde als relevanter Risikofaktor identifiziert: "Die Frage nach dem Sinn des erlebten Leids oder des Todes von Kameraden im Rahmen eines als nicht sinnvoll erachteten Auslandseinsatzes verstärkt Gefühle von Wut und erlebter Ungerechtigkeit." (Dunker)

Materialhinweis:
>> Dossier in Wissenschaft und Frieden
>
> Bundeswehrvideo zu PTBS "Wenn die Seele schreit"

 

Öffentlicher Abendvortrag
Richard Oetker Vortrag über das Trauma seiner Entführung 1976

4.3. Traumatologie-Tagung ZHG Uni 20.00 Uhr .Der Weisse Ring Göttingen und die Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie DeGPT luden zum Beginn der Tagung zu einem Öffentlichen Abendvortrag ein. Richard Oetker vom Weissen Ring hielt einen Vortrag in dem er detailreich das Trauma seiner Entführung 1976 und die Folgen schilderte. Richard Oetker wurde während der Entführung schwerst verletzt und wählte den Vortragstitel "Am Trauma zerbrechen - am Trauma wachsen".


Links Prof Sachsse, Am Pult Richard Oetker


Publikum und TagungsteilnehmerInnen beim öffentlichen Abendvortrag