Gabriele
Szostak Workshop und Symposium "Trauma-Sucht-Bindung"
Im
Rahmen des Kongresses der deutschen Gesellschaft fuer Traumapsychologie fand ein
Symposium zum Thema "Trauma-Sucht-Bindung" statt, u.a. mit Dozenten
auch aus der Goettinger Asklepios Klinik. Die Vortraege informierten ueber die
neuesten Erkenntnisse und Forschungen im Rahmen von Suchterkrankungen auch vermehrt
auf traumatische Grunderkrankungen zu schauen und neben der gezielen Suchtbehandlung
auch die posttraumatischen Belastungsstoerungen (PTBS ) zu behandeln. Man
erzielte in den letzten Jahren bessere Erfolge wenn man beides parallel anging
und die Patienten dadurch auf breiterem Feld entlasten konnte. Auch wenn die sogenannten
klinischen Symptome sich deutlich zu widersprechen schienen, hat die Beobachtung
ergeben, dass die Suchtkomponente die PTBS ueberlappen kann und die Gesamtproblematik
des Patienten daduch immer wechselseitig zum Tragen kommt. Im Rahmen dieses
Kongresses wurden sowohl koerperliche Stoerungen des Hirnstoffwechsels und der
Gehirnfunktionen, einschliesslich des Nervensystems und deren Behandlungsmoeglichkeiten
wie auch alle psychischen und sozialen Folgen und deren Behandlungsansaetze diskutiert. In
neuester Zeit bezieht man auch Imaginationsarbeit, also die Arbeit mit inneren
Bildern in die Therapie mit ein, um neue Verknuepfungen im Gehirn und Koerper
sowie im Gefuehl zu foerdern. Die Behandlung der Suchterkrankungen und aller dadurch
entstehenden Problematiken wie psychosoziale Stoerungen, persoenliche Bindungsstoerungen,
koerperliche Schaedigungen werden im Rahmen von stationaeren Aufenthalten mit
psychotherapeutischen Maßnahmen wie Einzeltherapie, Gruppentherapie und
sozialen Kompetenztrainings sowie ambulanten Behandlungen duchgefuehrt. Insgesamt
ist die Behandlung und Betreuung von suchtkranken Menschen auf einem breitangelegten
Gesamtkonzept vorgestellt worden. G.
Schäfer Workshop:
Traumatisierung von Soldaten Rastant
zunehmende Zahl traumatisierter Soldaten
12.3.10
/ Großen
Aufwand muß die Bundeswehr betreiben, allein um den Überblick über
die traumatisierenden Folgen militärischer Einsätze zu behalten. In
den Bundeswehrkrankenhäusern Koblenz, Hamburg, Berlin und Ulm wurden in den
letzten 10 Jahren ca. 1600 Soldaten und Soldatinnen mit postraumatischen Belastungsstörungen
(PTBS) behandelt.. Ein >>Bundeswehrfilm
spricht von jährlich insgesamt 150 PTBS-Erkrankten die eines der Bundeswehrkrankenhäuser
aufsuchen. Im Tagungsreader hingegen heißt es, dass allein im Bundeswehrkrankenhaus
Hamburg 2006/2007 126 PTBS-Patienten behandelt wurden. Allein aus dem Afghanistan-Einsatz
hat laut Verteidigungsministerium eine Steigerung der Zahl traumatisierter Soldaten
von 55 im Jahr 2006 über 130 in 2007 auf 226 im Jahr 2008 stattgefunden. Der Wehrbeauftragte
wiederum schreibt von einer Verdreifachung der Fälle vom Jahr 2006 (83) bis zum
Jahr 2008 auf (245), wobei die große Mehrzahl in Verbindung mit dem ISAF-Einsatz
aufgetreten sei. Und in seinem Bericht
2009 schreibt er von "418 offiziell registrierte Soldatinnen und Soldaten
mit posttraumatischen Belastungsstörungen" binnen nur eines einzigen Jahres.
(nachträglich 17.3.10 eingefügt). Die Zahlenangaben an anderen
Stellen weichen evtl. deshalb deutlich voneinander ab, weil die unterschiedlichen
Stellen in unterschiedlicher Weise den politischen Konfliktgehalt der Zahlen bewerten
und sie dementsprechend realistisch oder geschönt darstellen. Die wirklichen
Gesamtzahlen liegen mit Sicherheit noch höher als die offiziell genannten.
Auch der Wehrbeauftragte schreibt in seinem Bericht 2008 von einer hohen Dunkelziffer.
Dazu kommt auch noch
die Zahl derjenigen, die in zivilen Krankenhäusern behandelt wurden und jene,
die bei niedergelassenen TherapeutInnen in Behandlung sind. Schließlich
gibt es noch die Dunkelziffer jener Soldaten, die ohne Behandlung mit einer PTBS
herumlaufen. Die Referenten konnten lediglich die oben genannte ungefähre
Gesamtzahl von 1600 für den offiziellen Teil angeben, vermutlich dürfte
die Zahl jedoch mindestens doppelt so groß sein. Behandlung
in der Psychiatrie des Bundeswehr-Zentralkrankenhauses Flottillenarzt
Dirk Preuße und OberStabsarzt (OSA) Tony Krause berichteten vom >>Bundeswehr-
ZentralKrankenhaus in Koblenz über die Behandlung von Soldaten mit PTBS.
Ihre Schilderungen aus der Praxis machten eindringlich die Gegenwart solcher Kriegsfolgen
deutlich. Im Zentrum der Gefährdung stehen gegenwärtig die 4350 in Afghanistan
eingesetzten deutschen Soldaten und 190 Soldatinnen (hinzu kommen noch 1500 KFOR
Soldaten und 1000 Enfor-Soldaten). Mit dem Gestus eines Arztes, der beständig
damit zu tun hat schilderte OSA Krause Erfahrungen in der PTBS-Therapie : Nach
der Rückkehr haben alle Soldaten erst einmal Schlafstörungen, die nach
einigen Tagen weggehen sollten. Eine erhöhte Achtsamkeit und Schreckhaftigkeit
(Hyperarousal) bleibt länger erhalten. Manche Soldaten entwickeln eine langandauernde
Abneigung einen Rasen zu betreten, weil im Einsatzgebiet unter Rasen Minen sein
konnten. Typisch ist auch, dass vorübergehend Menschenmengen gemieden
werden, krankhaft wird es jedoch erst, "wenn sie gar nicht mehr rausgehen."
oder wenn das Vermeidungsverhalten nicht nachlässt. Ein chronifizierter Verlauf
geht einher mit sozialer Isolierung, häufig kommt Alkoholkonsum dazu . Ein
anderer typischer Aspekt ist eine tiefgehende "Verbitterung". Die Soldaten
fühlen sich z.B. alleingelassen und ungerecht behandelt, was vor allem bei
Kosovosoldaten beobachtet wurde. Ein anderes häufig auftretendes Symptom
sind "persistierende Albträume". Dabei geht es um Ängste,
die nicht auf reale Ereignissen aufbauen sondern allgemeine Lebensängste
darstellen. Eine Besonderheit ist bei der Kampftruppe im Einsatz zu beachten:
unter den extremen Bedingungen der Kampfsituation schweißt die Gruppe derart
extrem zusammen, dass einzelne nicht mehr in der Lage sind auszusteigen,
auch wenn sie merken, dass sie es nicht mehr packen. Sie wollen keinesfalls
"die anderen im Stich lassen" . Die enge Verbundenheit der Gruppe
führt auch dazu, dass beim Tod eines Gruppenmitgliedes die Mitsoldaten
unter der "Überlebensschuld" leiden und denken sie hätten
jemanden im Stich gelassen. In der Therapie wird es oft erst einmal notwendig,
dass die Soldaten-Patienten die "Abgabe von Kontrolle zulassen"
und dass Emotionen zugelassen werden mit denen dann gearbeitet werden kann.
Dazu dient z.B. "Emotionsarbeit/Musiktherapie". Auch ein Feldwebel hat
erst einmal Probleme, wenn er in der Ergotherapie "Bildchen malen" soll,
aber "nach einer Weile geht das dann auch". Ganz problematisch ist die
Behandlung von Leuten aus Aufklärungstrupps, die immer mißtrauisch
sein mußten und dann nach ihrer "Repatriierung" natürlich
auch dem Therapeuten gegenüber hoch mißtrauisch sind. Einige Soldaten
wollen überhaupt "keinesfalls im System" behandelt werden. Andererseits
haben die freien TherapeutInnen oft keine Ahnung vom Militärischen und wissen
deshalb oft nicht weiter. Auch in diesen Berichten wurde als "protektiver
Faktor" die Bindung zu mindestens einer Bezugsperson betont. Die Ablehnung
im Alltag durch Familie und soziales Umfeld hingegen als "Stressoren"
herausgehoben. [An dieser Stelle sei kommentiert: dies genau macht deutlich,
wie wichtig für die Bundeswehr die Sicherung der Legitimationsbasis an der
"Heimatfront" ist ] . Makaber
wurde der Workshop, als aus dem Publikum die Frage nach den belastenden Folgen
gefragt wurde, die dadurch entstehen, dass ein Soldat einen Menschen erschossen
hat. Die Antwort war: "wenn sie jemanden erschossen haben spielt das kaum
eine Rolle" aber die Angehörigen würden ihr Verhalten gegenüber
den Personen ändern und sich zurückhalten. "Wir raten den Soldaten,
es nicht zu erzählen, dass sie jemanden erschossen haben". Bundeswehrkrankenhaus
Berlin erforscht "alternative Heilmethoden" Oberstarzt
Dr. med. Peter Zimmermann, Leitender Arzt - Psychiatrie
und Psychotherapie am Bundeswehrkrankenhaus Berlin Seit 1.5.2009 gibt es das
Traumazentrum auf dem Gelände des Berliner Bundeswehrkrankenhauses. Es ist dem
Institut
für medizinischen Arbeits- und Umweltschutz der Bundeswehr (IMAUS) angegliedert. Zimmermann
war 1997 – 1998 in Bosnien als Truppenarzt, 2003 mit der ISAF Afghanistan als
Facharzt Psychiatrie und 2006 mit der KFOR im Kosovo. Er berichtete auf dem Workshop
über "komplementärtherapeutische Verfahren". Erstaunlich,
wie bei der Bundeswehr sämtliche Methoden alternativer ja esoterischer Heilmethoden
im Bundeswehrkrankenhaus Berlin einer wissenschaftlichen Bewertung (Evaluation)
unterzogen werden. Dazu gehören bereits erprobte Therapien wie Ergo- , Bewegungstherapie
und Gestalttherapie, zunehmend alternative Methoden wie z.B. Akupunktur und Aromatherapie,
energetische Psychotherapie bis hin zu "spirituellen Heilmethoden". Die
komplementären Verfahren hängen stark davon ab ob es gelingt, die Patienten
zu einer Verbalisierung von Emotionen in engen Beziehungen zu bewegen und ihre
sozialen Kompetenzen zu stärken. Zimmermann machte dabei die denkwürdige
Unterscheidung von "Identität als Funktionsträger" (Soldat)
im Unterschied zur Identität als Mensch! Standardisierte
Verfahren um den Überblick zu behalten Um
den Überblick zu behalten werden Screenings bei der Nachbereitung der Kampfeinsätze
durchgeführt. D.h. die Soldaten werden auf Anzeichen für PTBS überlicksartig
getestet. Hierzu gibt es standardisierte Verfahren z.B. der Kölner
Risikoindex-Bw (KRI-Bw) . Die Truppenpsychologin Sybille Dunker stellte im
Workshop die Weiterentwicklung dieses Verfahrens vor. (Ihre >>Dissertation
dazu ist online im Netz) Mit weiterentwickelten V-KRI-Bw "wird
ein Screeninginstrument zur Verfügung gestellt, das die Prognose der Entstehung
einer PTBS-bezogenen Symptomatik nach traumatischen Erlebnissen in Auslandseinsätzen
der Bundeswehr valide und zuverlässig prognostiziert." (Dunker) Von
3000 Soldaten wurden während der Nachsorgeseminare nach den Einsätzen
650 Freiwillige zu einer ersten Untersuchung befragt. 49.4% gaben belastende Erlebnisse
an, die als traumatisch eingestuft werden: Gefechte, Beschuss, Anschläge, Selbstmordattentäter
versteckte Sprengfallen, Konfrontation mit Verletzten, Leichen oder Leichenteilen,
Gewalt in der Bevölkerung und die Konfrontation mit Armut und Elend. Beim
Screening (nicht zu verwechseln mit Diagnostik!) nach dem Kölner Risiko Index
werden u.a. folgende Punkte abgetestet: Es fällt schwer, offen über
das belastende Erlebnis zu sprechen Gefühl, nicht Teil des Geschehens
zu sein Automatisches Handeln Das Ereignis wurde als unwirklich erlebt
Probleme, sich in Zeit und Raum zu orientieren Verändertes Körpergefühl
Gefühl, über dem Ereignis zu schweben Bruchstückhafte,
unvollständige Erinnerungen Eingeschränkte Wahrnehmung Das
belastende Erlebnis trat überraschend und unerwartet ein Dauer des Ereignisses
länger als eine halbe Stunde Erlebte Bedrohung für Leib und Leben
Erleben schwerer Verletzung und / oder Misshandlung Beobachtete schwere
Verletzungen und / oder Misshandlung Erlebte Geiselnahme und / oder Gefangenschaft
Beobachtete Geiselnahme und / oder Gefangenschaft Es kamen Personen
zu Tode Eigene bleibende körperliche Schäden Konfrontation
mit Leichen oder entstellten Körpern Beteiligung an bewaffneter Auseinandersetzung
/ Kampfhandlung Verursachung der Verletzung oder des Todes anderer Da
auch Einflußfaktoren und späterer Verlauf der Traumawirkung in einer
Längsstudie untersucht wurden, konnte z.B. festgestellt werden dass "Ein
Leben als Alleinstehender oder Geschiedener" ein deutlicher Risikofaktor
ist. Das sonstige soziale Umfeld kann für eine Bewältigungsstratgie hilfreich
sein. Auch die fehlende Identifikation mit dem Einsatz wurde als relevanter Risikofaktor
identifiziert: "Die Frage nach dem Sinn des erlebten Leids oder des Todes
von Kameraden im Rahmen eines als nicht sinnvoll erachteten Auslandseinsatzes
verstärkt Gefühle von Wut und erlebter Ungerechtigkeit." (Dunker) Materialhinweis:
>> Dossier
in Wissenschaft und Frieden >>
Bundeswehrvideo
zu PTBS "Wenn die Seele schreit" |