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SUB Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek

Schriftliches Kulturgut

Die SUB ist Mitglied der „Allianz Schriftliches Kulturgut erhalten“. Sie wurde 2001 als Interessenvertretung von Archiven und Bibliotheken mit umfangreichen historischen Beständen gegründet. Ihr Ziel ist es, die Erhaltung von schriftlichem Kulturgut als nationale Aufgabe zu etablieren und ein öffentliches Bewusstsein dafür zu schaffen, dass dieses Ziel einer beständigen Arbeit bedarf.

Schriftliche Dokumente, Bücher, Akten - erhalten, sichern oder wegwerfen?
Am 12.11.16 ist Nationaler Aktionstag für Bestandserhaltung 2016 In diesem Jahr richtet ihn die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek (SUB)Göttingen im Historischen Gebäude Papendiek 14 von 14 bis 19 Uhr ein Programm mit Vorträgen, Diskussionen, Führungen und Mitmachveranstaltungen aus. Die Teilnahme ist kostenlos.

Programm
14:00 Uhr Begrüßung (Alfred-Hessel-Saal)
14:30 Uhr Podiumsdiskussion (Alfred-Hessel-Saal)

16:00 Uhr Vorstellung einzelner Projekte zu Konservierung und Restaurierung schriftlichen Kulturguts (Vortragsraum)
-- Wasserschaden-Projekte (Dr. Johannes Mangei)
-- Kartenrestaurierung (Mechthild Schüler und Magdalena Schumann)
-- Die Sanierung einer halben Million brandgeschädigter Bücher mittels Trockeneis und Aktiv-Sauerstoff (Renate van Issem und Sandra Hildebrandt)
-- Rettung der Timbuktu-Manuskripte (Eva Brozowsky)
-- Bücher schützen beim Bauen und Möblieren (Almuth Corbach)

18:00 Uhr Abendvortrag „Zeitkapseln. Vom Nutzen und Nachteil des Wegwerfens" von Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Detering (Akademie für Sprache und Dichtung und Universität Göttingen)

Führungen
 Treffpunkt für alle Führungen ist der Info-Point im unteren Foyer des Historischen Gebäudes.
-- Restaurierungswerkstatt (14:30 Uhr, 15:30 Uhr und 16:30 Uhr)
-- Ausstellung Conn3ct (14:30 Uhr, 15:30 Uhr und 17:00 Uhr) „Conn3ct – 2 media, 1 story“, ein Projekt der Kulturerbebibliothek Flandern und der Nationalbibliothek der Niederlande in Den Haag in Kooperation mit der SUB Göttingen, demonstriert in einer interaktiven Ausstellung, welchen Einfluss neue Medien auf die Menschheit und die Welt, in der wir leben, haben. Sie stellt heutiger Social Media einige der ersten gedruckten Bücher gegenüber, um zu zeigen, dass es sich hierbei um entfernte Verwandte handelt.
-- Digitalisierungszentrum (15:00 Uhr, 16:00 Uhr und 17:00 Uhr)
-- Historische Bibliothek (15:00 Uhr, 16:30 Uhr  und 17:30 Uhr)
-- Kartensammlung (15:00 Uhr und 17:30 Uhr)

 

Deutsche Sprache

Beiträge zur Entstehung einer allgemeinen deutschen Hochsprache - Ausstellung "Sprachkritik als Aufklärung - Die Göttinger 'Deutsche Gesellschaft' im 18. Jahrhundert"

Ausstellung vom 16. 4. bis zum 21. 5. 2004 im Foyer der SUB (Staats- und Universitätsbibliothek) Göttingen. Eröffnung am 16.4.04. Öffnungszeiten Mo. - Fr.: 09.00 - 22.00 Uhr, Sa: 10.00 - 17.00 Uhr

sub07.JPG (20803 Byte) Blick von der Galerie im 1. Stock auf die Ausstellungsfläche im Erdgeschoß der SUB

Es ist dem Augenschein nach eine Ausstellung von aufgeschlagenen Büchern und erläuternden Schautafeln. Die Eröffnungsveranstaltung legt die Vermutung nahe, dass diese Ausstellung darüberhinaus etwas zeigen will, was jedoch nicht mit ausgestellten Büchern und Schautafeln allein vermittelt werden kann: der mühevolle Entstehungsprozeß einer einheitlichen Deutschen Sprache wie wir sie heute selbstverständlich zu nutzen gewohnt sind. Dieses zu beleuchten, war die Eröffnungsrede des Prof. Henne aus Braunschweig nötig, ohne den gehört zu haben, der Besuch der Ausstellung einen Großteil an Reiz entbehrt hätte.
Hatte der einleitende Redner nur davon gesprochen, dass wir für unsere Sprache selbst verantwortlich seien und wir sie sich nicht selbst überlassen könnten, so nuancierte Henne wohltuende mit dem Hinweis, die Pflege und Weiterentwicklung der Muttersprache durch ein Volk könne sich nur in Freiheit entfalten. Jakob Grimm hatte ebendies vor 170 Jahren in seiner Antrittsvorlesung "Über die Heimatliebe" formuliert.

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Prof. Dr. Helmut Henne (TU Braunschweig, Seminar für deutsche Sprache und Literatur, Abteilung Germanistische Linguistik) Dudenpreis 1995
Prof. Henne bewirkte beim Publikum durch überraschende Performance ein Gefühl für Sprache: er begann seine Rede mit einer Begrüßung in lateinischer Sprache und schien auch danach nicht geneigt zu sein, zu allen verständlicher deutscher Sprache zurückzukehren. Das Publikum begann zu befürchten, er beabsichtige einen längeren Vortrag ausschließlich in Latein zu halten. Aber nein, er las lediglich den Anfang   jener Antrittsvorlesung Jakob Grimms im Original.

Henne gelang es in seinem Vortrag eine gewisse Ehrfurcht und Dankbarkeit hervorzurufen für den von ihm beschriebenen historischen Prozeß, der uns schließlich eine verbindende Sprache bescherte, eine Sprache die geographische, kulturelle und soziale Sprachgrenzen überwand.
Hochdeutsch konnte damals als überregionale Sprache nur etabliert werden indem es die französische Sprache ablöste. dass sich die Wissenschaft einer einheitlichen Deutschen Sprache bedienen möge, war zunächst einmal nur eine Forderung von Gottfried Wilhelm Leibniz gewesen. Die Verbindung der wissenschaftlichen Sprachwelt mit denen der Kultur und des Alltags und das auch noch über die Regionen hinweg war der nächste Schritt. Ziel war die gemeine, wissenschaftliche und überregional verbindende Sprache. Die Durchlässigkeit zwischen ästhetischer Sprache, Literatursprache, gelehrter Sprache und Alltagssprache mußte gegen Widerstände jener durchgesetzt werden, die wie die Literaten abgeschlossene Sprachenklaven beibehalten wollten.
Die Zeugnisse für diesen langwierigen Prozeß der Sprachvereinheitlichung sind Wörterbücher wie z.B, das von Adelung der ein Standardwerk der deutschen Sprache erstellte inclusive Orthographie, Wörterbuch sowie Hinweisen auf die Aussprache.

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Johann Christoph Adelung (Bild links) Text auf dem Titelblatt rechts: "Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache zur Erläuterung der Deutschen Sprachlehre für Schulen, Leipzig, Breitkopf 1782"

Im Zuge der Standardisierung gab es die Irrwege der Sprachpuristen, die wie Kamper jeglichen Fremdeinfluß ins deutsche übersetzen wollten. Es gab die Forderung nach sorgfältiger Differenzierung in der Sprache, weil dies die Voraussetzung für deren Verwendbarkeit darstelle - von Henner erläutert am Beispiel Landsmann und Landmann wie es Gottsched (eisnt Vorsitzender der Leipziger Deutschen Gesellschaft)  dargestellt hatte.

sub06.JPG (23269 Byte) Johann Christoph Gottsched gründete 1727 in Leipzig die "Deutsche Gesellschaft" - das Vorbild der Göttinger Deutschen Gesellschaft

 

Schließlich interessant, dass Michaelis (zu dessen Ehren das Michaelishaus in der Prinzenstraße benannt ist) sich irgenwann beklagte, dass zwar die Predigten in Hochdeutsch gehalten würden, die Bauern diese aber nicht verstünden und deshalb wieder niederdeutsch bei den Predigten eingeführt werden solle.
Mit Hilfe der ausgestellten Bücher und Schautafeln konnte man anschließend noch einmal die Stationen nachverfolgen, die Henne in seinem Vortrag in flüssige Verbindung gebracht hatte. Für den nicht spezialisierten Besucher wird sich die Ausstellung nur schwer erschließen. Ob der recht teuere Katalog (16 Euro) hier weiterhilft, kann nicht beurteilt werden, weil man sich seitens der Aussteller aufgrund von knappen finanziellen Mitteln nicht dazu entschließen konnte, ein Exemplar für die Presse abzugeben. Allerdings wurde glaubhaft versichert, der Katalog sei sowieso eher etwas für Wissenschaftler. Der Katalog wird doch nicht etwa in Latein oder Französisch abgefaßt sein? Das würde einen Rückfall in Zeiten vor der Einführung des allgemein verständlichen Hochdeutschen indizieren.

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Eröffnung der Ausstellung am 16.4.04 im großen Seminarraum
der SUB, Mit vielen auswärtigen Gästen

Die Schautafeln vermitteln an einigen Stellen den Eindruck als ob sich die institutionelle Sprachforschung ins rechte Licht rücken möchte: "Sprachkritik ist Beschreibung und Bewertung von sprachlichem Verhalten oder sprachlichen Mitteln zum Zwecke der Optimierung und auf der Basis unterschiedlicher Kriterien. Sie kann auch mit einer systematischen Analyse von von Sprache (Sprachwissenschaft) verbunden sein." "Sprachkritik kann Bestandteil alltäglichen Sprachhandelns und Sprachbewußtseins aber auch Ziel und Ergebniss professioneller Tätigkeiten sein. Professionelle Sprachkritik findet in Form von Urteilen einzelner Experten (z.B. in bestimmten Publikationen ) in der Praxis öffentlich wirksamer Sprachvereine oder in offiziellen Institutionen (z.B. Akademien, Forschungstinstituten) statt".
Ob es gelänge, Besucherinnen und Besuchern nichtphilologischer Provinienz einen Sinn zu vermitteln, scheint nicht Gegenstand intensiver Reflexion gewesen zu sein. Das Betrachten von aufgeschlagenen Büchern hat nur einen begrenzten Reiz. Doch den Eröffnungsvortrag von Prof. Henne anzuhören hatte sich allemal gelohnt.

In Übereinstimmung mit den Grundregeln der "Deutschen Gesellschaft" Göttingen, 1738 schließt unser Artikel an dieser Stelle:
§ 21 Man soll sich bey allen Erinnerung der Bescheidenheit und Kürze befleissigen, auch wender jemahls dem andern ins Wort fallen noch unter währender Beurtheilung besonders Gespräche führen.

sub2.JPG (20300 Byte) Sprache entwickelt sich in Freiheit, in diesem Sinne "ungezwungen und richtig"

Bild links: Buchtitel eines der ausgestellten Exponate im aufwendig textil gestalteten Einband.

 

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