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"Mikwe" Rituelles Bad der jüdischen Gemeinde

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In der Roten Straße Nr. 28 wohnte einst die jüdische Familie Löwenstein. 1999 fragte sich der derzeitige Besitzer, was es mit dem gekachelten Bassin im Keller auf sich habe. Er ging der Sache nach und es kam eine kleine Sensation heraus, denn es handelte sich um ein rituelles jüdisches Tauchbad in einem Privathaus.

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Hintergrund für diese private Mikwe ist, dass die ca. 40 jüdischen Familien, die um 1890 die jüdische Gemeinde in Göttingen bildeten mehrheitlich modern und liberal geprägt waren was sich zB daran erkennen ließ, dass sie eine Orgel in der Synagoge aufgestellt hatten. Es bestand ein Disput darüber, ob eine Mikwe in der Synagoge eingebaut werden solle und obwohl die dafür nötigen Spendengelder zusammengebracht waren wurde dann doch keine Mikwe eingebaut - das Geld war für die Orgel ausgegeben worden (>>Jüdische Allgemeine 2008). So kam es, dass im Haus der Familie Löwenstein ein solches Bad eingerichtet wurde, ohne dass es im Bauplan eingezeichnet bzw. näher gekennzeichnet war.

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© goest Am Tag des offenen Denkmals am 8.9.02 wurde einer interessierten Öffentlichkeit der Zugang ermöglicht bei der Gelegenheit entstanden die Fotos.

Eine Mikwe dient der rituellen Reinigung durch untertauchen des ganzen Körpers wozu, wie die Gelehrten festlegten 800 Liter Wasser, vornehmlich fließendes reines Wasser, möglichst Grundwasser dienen soll. Das Wasser einer Mikwe muss „lebendiges“ Wasser also Wasser natürlichen Ursprungs sein. Es darf nicht gepumpt, getragen oder geschöpft worden sein. Es kommen also Bachwasser, Quellwasser, Fluss- , Meerwasser oder Grundwasser infrage. Lebendiges Wasser kann aber auch gesammeltes Regenwasser sein. so wie es im vorliegenden Fall geschah.
Die Kellermikwe ist eine bekannte Form der Mikwe nach den Progromen des 14. Jahrhunderts. Man grub in Kellern nach Grundwasser und baute dann ein Bad aus in dem eine erwachsene Person vollständig untertauchen konnte. Es darf nichts Trennendes zwischen Körper und Wasser sein, also muß der sich Reinigende nackt und ohne Fremdkörper wie Schmuck sein.
Trotz der massiven Verfolgung, der die Juden ausgesetzt waren, sind erstaunlich viele Tauchbäder erhalten geblieben. Das rituelle Tauchbad soll den Menschen oder auch Gegenstände im symbolischen Kult-Sinne reinigen.  Nach Kontakt mitToten oder nach bestimmten Krankheiten soll ein Tauchbad genommen werden. Frauen müssen vor der Hochzeitsnacht und nach jeder Menstruation sowie nach einer Geburt in die Mikwe. Menschen die zum Judentum übertreten müssen sich in der Mikwe "reinigen".
Außerdem können auch neu erworbene Gegenstände, etwa Gläser oder Küchengeräte, mit in die Mikwe genommen werden.