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Martin Kohan : Sittenlehre

> Veranstaltung des Literarischen Zentrums


Martin Kohan / 2010 im Literarischen Zentrum

Gespräch mit dem Autor im Literarischen Zentrum am 6.10.10.

Martín Kohan wurde 1967 in Buenos Aires geboren und ging selbst in die Schule von deren Herrschafts- und Kontrollsystem der Roman "Sittenlehre" bzw. "Ciencias Morales" handelt . Bisher hat er u.a. folgende Romane veröffentlicht: "Museo de la revolución" (2006), "Sekundenlang" (2007), "Zweimal Juni" (2009) und "Sittenlehre". Er hat Erzählbände und Essays geschrieben, u.a. Zona Urbana (über Walter Benjamin) 2004; und über Eva Perón. Kohan unterrichtet Literaturtheorie an den Universitäten von Buenos Aires und Patagonia. In Zweimal Juni und in Museo de la revolución hat sich Kohan bereits mit der Repression durch die Diktatur und der Welt des Militärs befasst. Das Thema Nation und Nationalhelden hatte er sogar noch früher, bereits in seiner Dissertation über den argentinischen Nationalhelden San Martín bearbeitet.
Seitens des Literarischen Zentrums wurde Kohan als "eine der kühnsten Stimmen der südamerikanischen Gegenwartsliteratur" und "gefeierter Autor auf der Buchmesse" angekündigt. Auf der Frankfurter Buchmesse steht dieses Jahr Argentinien im Mittelpunkt wodurch Kohan mit seinen Werken besondere Beachtung findet. Umso schwieriger war es allerdings auch, ihn zu dieser Zeit nach Göttingen zu holen, was letztlich nur durch eine Terminverschiebung möglich wurde.

Friederike von Criegern de Guiñazú hat in ihrer Doppelrolle als Moderatorin und Dolmetscherin entscheidend zum Gelingen des Abends beigetragen, da sie sowohl inhaltlich steuernd als auch mit der flüssigen Übersetzung geradezu vergessen ließ, dass es um eine zweisprachig durchgeführte Veranstaltung ging.

Das Buch Sittenlehre / "Ciencias Morales" (2010)

Das Buch wurde mit einer Art "Kammerspiel" verglichen, weil es den Ort der Handlung so klar und kleinräumig auf die Schule "Colego nacional" beschränkt. D.h. es ist eine kontrollierbare Situation geschaffen worden, das entspricht der Obsession Kohans alles kontrollieren zu wollen. Kohan erzählte, dass er z.B. unbedingt immer so sitzen müsse, dass er die Tür des Raumes im Auge behalten könne. Kohan: "die Figuren sind besessen, ich bin besessen" (obsession) die Besessenheit bezieht sich sowohl auf Kontrolle als auch auf die andere Obsession: "ich liebe Details".
Der Roman handelt nicht von großen Taten und Ereignissen, sondern im Gegenteil, von dem Universum der Details in denen ein moralistisches System die Befolgung seiner Regeln erzwingt und damit den Alltag, den Körper, das Verhalten unterjocht. Und er zeigt, wie dieses System der Kontrolle an seinen inneren Widersprüchen scheitert, sich in monströse Absurditäten steigert.

Die Schule"Colegio Nacional"

Kohan selbst war Schüler des "Colegio Nacional" einem privilegierten Gymnasium in Buones Aires. Diese Schule ist ein Symbol der nationalen Elite. Der Focus in Kohans Roman liegt nicht auf den Schülern (alumnos) und nicht auf den Lehrern, sondern auf dem Aufsichtssystem. In Argentinien ist eine Personengruppe für die Bildungs- bzw. Lehrerfunktion zuständig, eine andere Personengruppe ist für die Aufsicht und Kontrolle zuständig. Kohan befasste sich mit der Aufsichtsfunktion, der Schule als Disziplinareinrichtung. Den Bildungsbereich der Schule will Kohan nicht angreifen, weil er dort gut ausgebildet wurde und dankbar für diese Ausbildung ist.

Kontrolle der Lebensentäußerung und der Lebenswunsch der Kontrolleure

Kontrolle setzt minutiös dort an, wo sich Lebendigkeit rührt, wo die Gefahr unkontrollierter Lebensäußerung besteht. Aber: in den Kontrolleuren schlummern die gleichen Wünsche des Lebens, deshalb wissen die Kontrolleure um die Gefahren. Sie kennen die Lebensäußerungen, die Bedürfnisse, die Begierden, die es unter Kontrolle zu halten gilt - sie sind ihnen nicht fremd, sie sind ihnen selbst zueigen. Das Buch zeigt, wie eine Aufseherin alles, aber auch alles tut, um die Einhaltung Schulregeln zu sichern. Sie handelt im Bewußtsein, dass sie dabei völlig im Recht ist. Allerdings greift sie zu Maßnahmen die gegen jede Regel verstossen. Bei diesen Regelverletzungen kommt zum Vorschein, dass sie selbst in dieser Regelverletzung ihre Lebensäußerungen unterbringt, die im Regelsystem verboten sind.

Der innere Widerspruch der Kontrolle

Kontrolle tendiert zur Körperlichkeit. Kontrolle die das Leben unterdrückt ist auch "Negation des Körpers" und deswegen müssen sich die Kontrolleure dem Körper nähern, um kontrollieren zu können, dass nichts unerlaubtes mit dem Körper passiert. Die Aufstellung einer Regel - so Kohan im Gespräch - begründet Überschreitung dieser Regel. Um Berührung zwischen den Schülern zu verhindern, ist die Aufseherin z.B. gezwungen sie zu berühren. Der Wunsch nach absoluter Kontrolle führt zu Wahnvorstellungen in denen mögliche Regelverletzungen phantasiert werden und durch die Paranoia der Kontrolleure werden an und für sich unschuldige Szenen durch die Phantasie der Aufseherin mit dem Potential eines "obszönen Aktes" aufgeladen. Diese Paranoia verleitet Maria Teresa, die Aufseherin dazu, Maßnahmen zu ergreifen, die selbst diese Regeln verletzen aber durch den pervertierten Moralismus legitimiert scheinen.

Eine Zuspitzung erfährt diese Widersprüchlichkeit als die Aufseherin sich in der Jungentoilette einschließt um an Geräuschen und Gerüchen die Vorgänge dort zu kontrollieren. Als Kohan diese Stelle vorliest, wo u.a. die verschiedenen Betätigungen auf einer Toilette zur Sprache kommen, meinte er am Ende "beim Lesen dieser Szene, die ich vor Jahren geschrieben habe dachte ich plötzlich: wie konnte es mir passieren dass ich so etwas geschrieben habe".

Normalität des Grauens, Herrschaft im Alltag

Die Domestizierung jeglicher Lebensäußerung im Kleinen macht die Herrschaft so alltäglich, so überwältigend, dass sie nicht mehr als etwas Fremdes wahrgenommen werden kann. Innerhalb dieser Alltäglichkeit agiert die Hauptfigur des Romans, die Aufseherin die als "maximal durchschnittlich" gekennzeichnet wird. (Übrigens auch im Roman secundes geht es nur um Mitläufer und Randfiguren). Die im Buch dargestellte Alltäglichkeit vergleicht Kohan mit der "Normalität des Grauens des morales der Diktatur 76-83" . Der Roman, so Kohan, wollte erreichen, dass sich der Leser / die Leserin schließlich fragen: Verstehen die Figuren des Romans tatsächlich nicht, was sie da tun, sehen sie denn nicht in welch absurden Moralismus-System sie als Rädchen funktionieren?

Das Gegengewicht zur Alltäglichkeit ist das Detail, Kohan ist versessen auf das Detail. Durch die Aneinanderreihung der Details von Herrschaftspraktiken entsteht erst dieses dichte Netz von scheinbarer Normalität das insgesamt jedoch eine absurde Perversion darstellt. Der Roman wurde als "Roman über den Gebrauch des Menschen" auf den Begriff gebracht. Dies scheint es aber nicht wirklich zu treffen, weil dies ein Gegenüber von Gebrauchendem und Gebrauchtem impliziert. In dem von Kohan beschriebenen System sind alle blind innerhalb der monströsen Absurdität eines Moralsystems.

System des Moralismus führt zu Absurditäten

Es geht um die Krise des Moralismus. Kohan kritisiert Moralismus nicht Moral und Ethik "ich bin kein Zyniker". Aber Moralismus führt zu Absurditäten. Diktator Videla war genau wie Maria Terese überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Videla glaubt an Gott und das Paradies und glaubt, dass er ins Paradies kommt, weil er alles richtig gemacht hat. Gleichzeitig hat er mit seiner Diktatur die schrecklichsten Dinge angerichtet. Und das ist es, was die Aufmerksamkeit Kohans auf sich gezogen hat: Die Kombination von " aufrechten Personen" deren Verhalten pervertiert und in Abgründe führt. Videla steht jetzt gerade vor Gericht. Kohan bezeichnet ihn als eine aufrichtige und aufrechte Person aber die Tragik besteht darin, dass er dennoch in die Absurdität der Unmoral führte. Die größte Perversion ging bei ihm einher mit einer so festen Überzeugung das richtige zu tun. So etwas, sagt Kohan, gebe es auch bei der Kirche, die ein Moralitätssystem befeuert aber diese Moralität ist eine Fabrik der Perversion mit Kindesmißbrauch.

Malwinas/Falkland

Als erstes fiel an der deutschen Übersetzung auf, dass auf dem Buchumschlag bereits von "Falklandinseln" geschrieben wird und nicht von Malwinas. Malwinas war die nationalistische Version der argentinischen Diktatur, die durch eine militärische Eroberung ihren Niedergang verhindern wollte. Falkland hingegen war der kolonialistische Begriff Englands für seinen Überseebesitz. Um diesen Kolonialbesitz zu sichern hat England Kriegsschiffe zu den Malwinas/Falklands geschickt um eine argentinischen Besetzung zu beenden. Über die Malwinas/Falklands will England Rechtsansprüche auf Bodenschätze im Meeresboden und Rechte an der Antarktis ableiten. Hier standen also Militärdiktatur und Nationalismus gegen Kolonialismus und Krieg. Zu dem Widerspruch zwischen dem Gebrauch des argentinischen Begriffes Malwinas im Original und dem Begriff Falklands in der deutschen Übersetzung meinte Kohan: "Ich denke darüber nach." Letztlich soll es eine praktische Frage gewesen sein: deutsche Leser hätten mit Malwinas nichts anzufangen gewußt.
Dieses Problematisierung ist nicht trivial, da es Kohan um den Abbau nationaler Mythen und Helden geht. Er will gegen Nationalismus schreiben und versteht dies als eine Art "Entgiftungskur" wie er formulierte. Er selbst, sagt er war ein Opfer dieser Vergiftung gewesen.

(goest / Günter Schäfer / 7.10.2010)