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Kunst im öffentlichen Raum

Skulpturen bislang ohne Skandal aber diesmal skandalös banal
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Skulpturen in der Leineaue

Kunst im öffentlichen Raum mit Skandalen
-- Jürgen Weber Portal am Ratssaal Neues Rathaus
-- Jürgen Weber Relief "Die Stadt" an der Stadthalle
-- Uwe Appold "Doppelkentaur"
-- Kragenbär - in Memoriam Robert Gernhardt
-- Denkmal "Dem Landesvater seine Göttinger Sieben"


Skulpturen - ohne Skandal aber diesmal banal

Am Mittwoch, 23. November 2016 werden an der Leineaue zwischen Groner Landstraße und Godehardstraße (Höhe des Volkshochschulgebäudes) zwei Skulpturen aufgestellt. Bei den Kunstwerken handelt es sich um das Skulpturenensemble "Sprechen und Hören" von Prof. Jürgen Weber und um die Plastik "Klangwelle" von Frau Baecher-Duisburg, die 1973 Preisträger/in eines Wettbewerbs der Deutschen Bundespost in Göttingen für den Bau des Fernmeldezentralenzeugamtes in der August-Spindler-Straße 1 waren.

um 10.00 Uhr von der Göttinger Kulturverwaltung und dem städtischen Baubetriebshof in Anwesenheit der Kulturdezernentin Petra Broistedt

Die Skulpturen werden der Stadt Göttingen nach dem Erwerb des Geländes durch die Firma Sartorius Stedim Biotech GmbH zunächst als Dauerleihgabe zur Aufstellung im öffentlichen Raum überlassen. An der Leineaue soll mittelfristig einen Kunst-Skulpturenpfad entstehen

Einerseits eine schöne Idee, die Leineaue nicht nur landschaftsgärtnerisch und umwelt-renaturierend sondern auch mit Kunst zu gestalten. Und so schlecht sind die beiden Skulpturen auch nicht. Aber die überhöhende Beschreibung bei der einen und die banale Beschreibung bei der anderen läßt einen frösteln.

Prof. Weber beschrieb über seine Skulpturengruppe, die sich auf das Fernsprechwesen bezieht folgendermaßen: "Das große Gesicht (Höhe 3,50 m, Gewicht 2,9 t, Material: Beton) mit dem leicht geöffneten Mund symbolisiert das Sprechen, während die Ohrmuschel das Hören verbildlicht. Die Ohrmuschel (1,30 m, Gewicht 0,9 t, Material: Beton) ist aus einer Verbindung von Ohr und Meeresmuschel entstanden."

Aha! Ein Mund smbolisiert Sprechen, ein Ohr symbolisiert das Hören? Na sowas! Für welche begriffsstutzigen Fernmeldetechniker war diese Erklärung denn gedacht?


Jürgen Weber, Skulturenensemble „Sprechen und Hören"

Baecher-Duisburg, die ihre Plastik "Klangwelle" a

Die zweite Skulptur die aufgestellt wird, stammt von Frau Baecher-Duisburg Ihre Plastik nennt sie "Klangwelle" . Zu dem Kringel aus massiven Aluminiumguss werden in der Ankündigung folgende bombastischen Worte verbreitet:
"Wer hatte nicht im Konzertsaal schon einmal das Gefühl, in einem Medium zu schweben, das sich verhält wie das Wasser des Meeres oder eines großen Sees, das aber aus Klängen besteht. Wie Wasser heben sich die Klänge, türmen sich auf zu Wellen, einmal ruhig und wogend, einmal mit Schaumkämmen brodelnd und sich überstürzend, aus dem Sturz sich hebend und neu auftürmend, dann wieder breit verfließend zu spiegelnder Glätte und Unendlichkeit." Solche Gedanken bewegten die Künstlerin, als sie die "Klangwelle" schuf." Diese Gedanken werden wahrscheinlich die wenigsten beim Betrachten der Skulptur teilen können.


Kunst im öffentlichen Raum mit Skandalen

Öffentliche Kunst in Göttingen ist oft begleitet von heftigen Debatten.

Jürgen Weber Portal am Ratssaal Neues Rathaus

Nehmen wir z.B. die Tür am Ratssaal im Neuen Rathaus, die von einem Bronze-Relief "Die Stadt" von Jürgen Weber ausgefüllt wird. Darauf sind marschierende SA-Leute mit Fahnen, Hexenverbrennungen, Kriegsszenen und andere Gräueltaten zu sehen. Es enthält aber auch eine Inschrift mit der die schleichende Aushöhlung des Grundgesetzes durch Politiker und Verfassungsrichter beklagt wird. Diese Inschrift war Gegenstand eines heftigen Streits über das damals fast 200.000 DM teure Bronzerelief.

Jürgen Weber Relief "Die Stadt" an der Stadthalle

1963/64 schuf Jürgen Weber das zur damaligen Zeit höchst umstrittene Relief "Die Stadt", das noch heute an der Stadthalle zu sehen ist. Ablehung formulierten einige Streithähne wegen der darauf zu sehenden nackten Menschen in sichtlich begehrenden Posen.

Uwe Appold "Doppelkentaur"

An sexuellen Andeutungen bei Denkmalen scheiden sich die Geister. Der "Doppelkentaur" von Uwe Appold, vor dem Rathaus, ein Reiterstandbild mit einem Pferd, dem ein Beid fehlt und einen deutlich großen Phallus zeigt. Dieser wurde dann auch irgendwann mal von jemand zusätzlich rot angemalt. Eigentlich sollte das Standbild ein Mahnmal gegen den Krieg sein.

Kragenbär - in Memoriam Robert Gernhardt

Zuletzt kam es 2014 zu aufgeregten Diskussionen in Gremien und Öffentlichkeit beim Vorschlag den "Kragenbär" in Erinnerung an Robert Gernhardt auf dem nach ihm benannten Platz am Leinebogen aufzustellen. Gernot-Platz aufzustellen. Gernhardt hatte gedichtet; "der Kragenbär der holt sich munter, einen nach dem andern runter." Dass hierüber eine hochoffizielle Diskussion entstand, das mußte den verstorbenen satirischen Dichter posthum über alle Verwesungsprozesse hinweg zum Schmunzeln gebracht haben.

Denkmal "Dem Landesvater seine Göttinger Sieben"

Am 19. November 2015 wurde das Denkmal von der Stiftung Niedersachsen der Stadt Göttingen öffentlich übergeben. Es geht auf die Initiative von privaten Stiftern aus dem Göttinger Umland zurück, die auch die Finanzierung sicherstellen. Die privaten Finanziers werden nicht genannt, aber nach unbestätigten Vermutungen soll Tete Böttger nicht unbeteiligt gewesen sein, der u.a. auch die Lichtenbergskulptur am Alten Rathaus 1992 gestiftet hatte. Zur Übergabe sprachen neben dem Göttinger Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler und dem Präsidenten der Stiftung Hans Eveslage der ehemalige Direktor des Sprengel Museums Hannover Professor Dr. Ulrich Krempel.

Christiane Moebus über ihr Kunstwerk:
"Mein Denkmal für die Göttinger Sieben besteht aus einer Granitskulptur, die mit dem Sockel des hannoverschen Ernst-August-Denkmals in Form, Farbe, Material und Dimension identisch ist. Den oberen Abschluss der Skulptur bildet eine Bronzeplatte, die der Oberflächenstruktur der Plinthe des Reiterdenkmals am Hauptbahnhof Hannover entspricht. Es werden lediglich einige Trittsiegel der Pferdeskulptur als Spuren sichtbar. Es ist dies ein Sockel ohne Roß und Reiter, jedoch an der Breitseite mit der Widmung "Dem Landesvater seine Göttinger Sieben", die die originale, sich "unterm Schwanz" ausbreitende untertänige Idolatrie** und die sich einschmeicheln wollende Devotheit der Zueignung deutlich und ironisch konterkariert und damit einen differenzierten historischen Bezug herstellt. (Die Göttinger Sieben waren eben nur die ersten Professoren, denen dort die Venia legendi entzogen wurde und die das Land verlassen mussten ...) Die Skulptur bedeutet sowohl ein Denk-Mal für das "treue Volk" wie auch für die Politiker, die Niedersachsen und damit unsere Geschicke lenken. Die Skulptur wurde auf dem Göttinger Bahnhofsvorplatz aufgestellt – ähnlich wie in Hannover –, aber nicht in dessen Mittelachse, sondern seitlich versetzt. Auf der rechten Seite des Denkmals, mit Blick auf den Bahnhof, sind die Namen der Göttinger Sieben eingelassen in der Reihenfolge der historischen Unterschriftensetzung ihrer damaligen Protestschrift; an der linken Seite befindet sich der Widmungstext.
Mit den historischen Namen sollen die heutigen und zukünftigen Bürger unseres Landes angesprochen und zur Reflexion angeregt werden. Deshalb möchte ich an achter Stelle mit meiner Unterschrift das Demokratieverständnis weiterzutragen versuchen. Denn über Diktatur, Tyrannei und Machtbesessenheit muss auch heute noch befunden werden. Mein Entwurf basiert auf meinem Beitrag zum Wettbewerb "Die Göttinger Sieben / Der Wettbewerb für das Landesdenkmal in Hannover" (siehe die Dokumentation hrsg. vom Kuratorium "Denkmal für die Göttinger Sieben", Hannover 1994). **Götzendienst / Bildverehrung


Eingemeisselte Namen der Göttinger Sieben auf dem Sockel
/ Als Anknüpfung zu den Göttinger Sieben passt das Plakat im August 2016 "Kein Mensch ist illegal".

Während die Künstlerin Christiane Möbus sich selbst ein Denkmal setzte, indem sie vermessen ihren eigenen Namen neben den >Göttinger Sieben in der Reihe unten rechts einmeiseln liess,

... wird mit diesem Foto an den Arbeiter erinnert, der im November 2015, auf dem Sockel liegend Schweißarbeiten ausführen mußte.

Die Skulptur von Christiane Möbus entspricht in Größe und Material dem Denkmal des Königs Ernst August vor dem Hauptbahnhof in Hannover – allerdings ohne Reiterstandbild, dafür mit der Inschrift: "Dem Landesvater seine Göttinger Sieben" sowie die Namen der sieben Professoren - und dem der Künstlerin. Letzteres wäre vermeidbar gewesen und hätte dem Sinn des Denkmals mehr entsprochen.

Der Sockel wird gerne als Plakatsäule benutzt

Bürgerbegehren an die Stadt Göttingen
"Versetzen des Denkmalsockels vom Bahnhof zum Neuen Rathaus"


Plakat der Piratenpartei zur Kommunalwahl

Text aus der Initiative der Piratenpartei:

Mit meiner Unterschrift unter dieses Bürgerbegehren gemäß § 32 NKomVG beantrage ich die Durchführung e ines Bürgerentscheids nach § 33 NKomVG:

Begründung: Im Jahr 2015 wurde auf dem Bahnhofsplatz ein leerer. Denkmalsockel aufgestellt, welcher etwa 480.000 Euro gekostet haben soll, die von wenigen privaten Sponsoren übernommen wurden. Die Bevölkerung wurde nie nach ihrer Meinung gefragt. Dies soll hier nachgeholt werden. Viele Göttinger haben die Nennung des Namens der Künstlerin neben denen der Göttinger Sieben, die im Jahr 1837 nach einem Protest gegen die Obrigkeit von der Universität entlassen wurden, als anmaßend empfunden. Durch einen Standort am Neuen Rathaus soll den Verantwortlichen der Stadt täglich vor Augen geführt werden, wie wichtig es ist, den Willen der Bürgerinnen und Bürger auch jenseits der Wahltermine zu berücksichtigen. Kostendeckungsvorschlag: Für das Versetzen des Denkmals entstehen Kosten in Höhe von maximal 25.000 Euro netto, welche die Stadt übernimmt. Die Stadt hatte gemäß dem Ratsbeschluss vom 18. Juli 2014 die Kosten der Fundamentierungsarbeiten und baulichen Unterhaltungskosten übernommen, ohne gegenüber dem Stadtrat die Höhe dieser Kosten zu beziffern. Die Kosten sind aus dem dortigen Etat oder aus Investitionsnummer 6663055016 zu tragen. Dieser Posten beinhaltet die eingesparten Planungskosten von 50.000 Euro für ein inzwischen verworfenes Brückenbauwerk über die Leine in Höhe der Lokhalle.