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Literarisches Zentrum - Hausbesuch : Nino Haratischwili , Roman "Juja"

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Die Autorin Nino Haratischwili

Nino Haratischwili lebt in Hamburg, ist aber mit Göttingen seit einigen Jahren näher verbunden. 2007/08 war im Deutschen Theater unter ihrer Regie Charles Dickens' "Oliver Twist" aufgeführt worden. 2010 wurde das von ihr verfasste Stück "Zorn"im DT aufgeführt. Ebenfalls 2010 war sie Im Rahmen des Projektes "Stadt in Zukunft" Gastautorin des DT. Gegenwärtig ist sie Stadtschreiberin / Hausautorin des Deutschen Theaters und bereitet ein Stück für das Frühjahr 2011 vor, von dem sie im November 2010 noch nichts verraten wollte. Allerdings merkte sie an, dass es wohl wenig Sinn mache, allzusehr Göttingen dabei thematisch in den Mittelpunkt zu rücken. Ihre Beziehung zur Stadt dauere noch nicht lange genug. Und nun war sie zum 10. Hausbesuch, einer Veranstaltungsreihe des Literarischen Zentrums, ganz in der Nähe des DT, in einer Privatwohnung der Planckstrasse mit 50 BesucherInnen zur Lestung und zum Gespräch. Ganz im Sinne eines Zitats von ihr "Eine gute Literatur hat keine Nationalität - Punkt - Kunst ist obdachlos" reiten wir nicht groß auf der Tatsache herum, dass sie aus Georgien stammt.

Das Buch - Der Hausbesuch / die Lesung

Juja, Roman, Von Nino Haratischwili, 300 Seiten, Hardcover, 24,00 , ISBN : 978-3-940426-48-2, Berlin >>Verbrecher Verlag 2010 / Juja (gesprochen "Schuhscha") ist eine Art Kosewort für Freunde, Geliebte/n, ...

Das Buch ist folgendermaßen konstruiert: Ausgangspunkt ist das geheimnisvolle Tagebuch einer Jeanne Saré, die 17jährig Selbstmord begangen haben soll. Nach ihrem Tod werden die Aufzeichnungen von einem Verleger veröffentlicht. Der Inhalt ist hochemotional aufgeladen und zieht Leser/innen allzuleicht in einen Sog der Emotionen. Mehrere Leserinnen begehen ebenfalls Selbstmord. Diese Fiktion im Roman hat Haratischwili angelehnt an die Geschichte einer Legende um Danielle Sarréra.

Viele Personen, viele Geschichten in einer gemeinsamen Geschichte

Um die phantasmagorischen Texte der Selbstmörderin herum werden die Geschichten verschiedener Personen erzählt, die auf je unterschiedliche Weise von der Tagebuchveröffentlichung betroffen sind, mit ihr in Berührung kamen und/oder durch die Lektüre in eine Krise hineinschlitterten.
Für jede Textpassage die einer dieser Personen gewidmet ist, gibt es eine kennzeichnende Überschrift, die man sich zwecks Übersicht vielleicht am besten auf einem Zettel notieren sollte. D.h. es gibt viele Kapitel, diejedesmal die Überschrift "Eiszeit" oder "Olga" tragen wenn es um die Tagebuchtexte (Eiszeit) oder die Geschichte der Olga geht. Die verschiedenen Überschriften lauten

"Eiszeit": Damit sind die Passagen überschrieben , die von Jeanne Saré handeln oder ihre Texte darstellen sollen.
"Frau" sind die Passagen überschrieben, die von Franchesca handeln, deren Mann sich und den Sohn umgebracht hat, deren Tochter Lynn noch lebt.
"Olga" bzw. "Nadine" kennzeichnet die Kapitel die von Olga Colert und Nadine handeln. Olga wird nach der Lektüre von "Eiszeit" in eine große Krise mit schlimmem Ende gestürzt, was ihre Freundin Nadine heftigst miterlebt.
"Bruder" ist die Überschrift für die Kapitel die Patrice Duchamp gewidmet sind, dem Schriftsteller der Auskunft darüber geben könnte, ob es tatsächlich Tagebuchtexte sind und ob es tatsächlich diese 17jährige Selbstmörderin gab, was sich aber nie ganz aufklären lässt. Die Frau von Patrice begeht Selbstmord.
"APIDAPI" lautet die etwas merkwürdige Überschrift für Textepassagen, die sich mit Laura beschäftigen. Laura ist eine Wissenschaftlerin, die nachweisen will, dass alles nur eine Fiktion ist und der Geschichte um die "Eiszeit"-Texte auf den Grund gehen will. (APIDAPI ist nur ein Wort auf einem Reklameschild, das Laura auf ihr Auto geklebt hat - weiter nichts.) Bei ihren Nachforschungen wird sie von einem Studenten ("Freak" genannt) begleitet. Einmal wird kurz erwähnt, dass auch die Mutter dieses Studenten sich erhängt habe, was aber nicht weiter vertieft wird.
"Ich" schließlich sind jene Passagen überschrieben, bei denen man meinen könnte, hier schreibe Nino Haratschwili über sich selbst, was mit ihr selbst passierte während sie den Roman schrieb. Darauf angesprochen widerspricht sie jedoch : Nein es ist ein künstliches "Ich", gibt aber zu, dass es Ähnlichkeiten zu ihr aufweisen könne. Unter der Überschrift "Ich" heißt es einmal: "Ich protokolliere ein Gespräch von heute. Da meine Freunde, die sich auskennen, Yoga machen, auf ihre Ernährung achten , ins Programmkino gehen und trotzdem Mitgefühl haben und sich um andere sorgen, mich darum gebeten haben, rede ich mit ihnen. Ich sei seit geraumer Zeit nicht mehr ich selbst.." (S. 142)

Die Zentrifuge: Geballtes Pathos der Jeanne Saré (Danielle Sarréra)

Das Zentrum um das sich alles dreht, bleibt die Geschichte des "Eiszeit"-Textes der ominösen, verschwundenen und evtl. nicht existierenden Jeanne Saré, die in fulminanter, emotionaler, entgrenzter Schreibweise Wahnsinnstexte von sich gegeben hat. Jeanne Saré ist abgeleitet aus der Legende um Danielle Sarréra, deren Notizhefte zu deutsch unter dem Titel Arsenikblüten nur noch antiquarisch zu finden sind (siehe Abbildung einer Verkaufsanzeige rechts). Diese Originaltexte sind so düster, dass Haratischwili in der Nachahmung dieser Texte eine mildere Form wählte. Die Originaltexte die von "Schädelbohrern" und gotteslästerlichen Abstrusitäten handeln mochte sie nicht direkt übertragen. Wikipedia weist darauf hin, dass diese Originaltexte in einer literaturwissenschaftlichen Studie sogar "als Ausdruck von Schizophrenie" angesehen wurde.

Obgleich Haratischwili eine mildere Form gewählt hat, enthalten ihre Eiszeittexte immer noch eine aufregende emotionale Kraft. Der Stil der "Eiszeit"-Passagen erinnert an Grenzenlosigkeit surrealistischer Texte und mich erinnerten sie z.B. auch an Gedichte Majakowskis. Um einen Eindruck zu vermitteln, sei eine Textstelle aus einem "Eiszeit"-Kapitel (S. 7) zitiert: "Ich war ein EMBRYO und wusste alles und dann wurde ich gefressen, durch das blutende Geschlecht und durch viel Geschrei. Ich vergaß mein Wissen. Alle Bäume entflammten als ich fortschritt, alle Häuser stürzten ein und alle Augen verfinsterten sich. Mich berührte nichts. ..."

Pathos wurde bei Frauen oft passend zum Wort im medizinischen Sinn pathologisiert, man betrachtete sie als Frauen, die an Hysterie erkrankt seien. In mehreren Interviews ließ Nino Haratischwili durchblicken, dass sie bewußt auf Pathos setzt. Auch im Gespräch nach der Hausbesuch-Lesung des Literarischen Zentrums erzählte sie, ihr wäre früher gelegentlich vorgeworfen, ihre Texte seien zu gefühlsbeladen. Sie hingegen war der Auffassung, dass die Gefühlsbeladenheit eigentlich das besonders gute an den Texten gewesen sei.

Pathos in der literarischen Verwendung, während der Verfassung eines Romans, zurückgezogen in der Schreibstube ist eine Sache. Eine andere Sache ist es, wenn die nach außen gekehrte Emotionalität die öffentliche Bühne betritt und dies unter Anwesenheit der Autorin geschieht. Das von ihr Geschriebene kann ihr bei der späteren Begegnung in der Öffentlichkeit plötzlich schon einmal belustigend vorkommen. Während der Lesung las sie folgende Passage: "Ich liebte ihn, wollte hunderte von Kindern von ihm, war sogar bereit, für ihn und seine Kinder fett zu werden, liebte seine Brusthaare ..." an dieser Stelle hätte sie plötzlich wohl am liebsten laut aufgelacht, verschob es in ein kurzes unterdrücktes Lachen und machte eine kurze Pause um fortfahren zu können. Ein anderes Mal stieß sie beim Lesen auf das Wort "ficken" , das las sie aber nicht, sondern ersetzte es durch ein anderes Wort. Sie vermied den ansonsten häufig im Buch zu findenden Ausdruck "ficken" und statt des geschriebenen Satzes (S. 251) "ich schaue fickenden Menschen im Fernsehen zu" las sie beim Hausbesuch "ich schaue vögelnden Menschen im Fernsehen zu".

Ein kritisches Regulativ gegenüber Pathos ist durchaus angebracht, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Einerseits sind die entgrenzten Gefühlsäußerungen ein positives Zeichen von Leben, Lebendigkeit, menschlicher Existenz, andererseits aber ist Pathos problematisch wenn dabei kritische Vernunft völlig auszuschaltet wird. In ihrem Roman findet sich ein Ansatz zur kritischen Reflexion als gegen Ende die das Tagebuch der Jeanne Saré als Projektionsfläche der um sie herum handelnden Personen erkannt wird. "Mittlerweile denke ich, dass Geschichten das einzige sind, was uns Menschen verbinden kann. Ich meine dass wir erst durch diese Geschichten unsere Identität finden können . Vielleicht können wir gemeinsam eine Geschichte schreiben, die einen Sinn ergibt, in der jeder von uns einen eigenen Platz hat, seine Bestimmung. Es ging nie um Jeanne Saré. Gerade dadurch, dass sie ein Phantom war, konnten sich Menschen an ihrer Geschichte bedienen." (S. 263)

[Da fällt mir der fiktive Bundestagsabgeordnete "Jakob Mierscheid" ein, der es sogar zu einem eigenen >>Eintrag auf der offiziellen Webseite des Bundestages gebracht hat, obwohl er gar nicht existiert. (weitere >>Erläuterungen) .]


Anna-Marie Mamar (Lit. Zentrum), Nino Haratischwili, Dr. Anja Johannsen (Leiterin Lit. Zentrum)

Literarisches Zentrum - Reihe Hausbesuch

Der unerfahrene "Hausbesucher" fragt sich, wie das gehen soll: eine Lesung des Literarischen Zentrums in einer Privatwohnung. Wird man da die Schuhe ausziehen müssen und kalte Füsse kriegen? Haben die denn genug Stühle und wieviele Leute kommen da hin? Muß man evtl, gar auf dem Boden sitzen? Und dann klärt sich das auf: in den alten Häusern der Planckstrasse - passend ganz in der Nähe des Deutschen Theaters - gibt es Wohnungen die groß genug sind, um 50 Leute zu einer Lesung unterzubringen und deren Bewohner herzlich und gastfreundlichst alle in ihren Privaträumen begrüßen. Vor dem Hauseinang markiert die Stehfahne des Literarischen Zentrums den Ort. Nachdem der Hund der gastgebenden Familie bei den Nachbarn im 1. Stock untergebracht wurde und der Nachbar dann noch bei der Bereitstellung von 50 Gläsern sowie ausreichend Stühlen behilflich gewesen war sind die Voraussetzungen gegeben. 50 Gäste legen die Garderobe übereinander auf eine Kiste. Die Stühle sind in mehreren Reihen aufgestellt, eine Zwischentür zum ebenso großen Nebenraum ist geöffnet. In diesem Nebenraum findet "Teil 2" des Abends statt. Nach der Lesung und dem Gespräch mit der Autorin, stehen Rotwein und Käse bereit. Aus Anlass des 10. "Hausbesuchs" wurde auch noch eine Torte mit 10 Kerzen gestiftet. Die Gespräche im Teil 2 ziehen sich dann in der von den allerfreundlichsten Gastgebern geschaffenen Atmosphäre noch bis nach 23 Uhr hin. So also verläuft ein "Hausbesuch".

Günter Schäfer / goest / November 2010

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