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Film "8Wonderland"

Während der ersten 10 Minuten des Films fühlt man sich als würde man gleichzeitig am Fernseher zappen und im Internet surfen. Kleine Bildstörungen sind im Film eingebaut.

In diesem Film sprechen die SchauspielerInnen in 11 verschiedenen Sprachen, darunter Japanisch, Arabisch, Mandarin, und Persisch. Beruhigend zu wissen, dass die Kinofassung mit deutschen Untertiteln läuft. Wenn sich die global verstreuten TeilnehmerInnen online zum Video-Chat treffen ist die gemeinsame Sprache Englisch. Das ist schon ein globales Zugeständnis eines französischen Films :-)

Die Gesprächsteilnehmer/innen erscheinen auf schwebenden Video-Bildflächen mit ihren Portraits (siehe Foto) und können gleichzeitig alle sprechen und hören. Die herumschwirrenden Bilder sind nur Dekoration um die einfache Tatsache der Videokonferenz als Online-Kollektivität und Gleichzeitigkeit zu illustrieren. >> Trailer

Wieso 8? Achtes Weltwunder? Oder weil die Zahl 8 im Chinesischen für das gleichartig ausgesprochene Wort "Reichtum" steht?

Communities im Internet sind weithin Realität. Webseiten, Email, Twitter, Online-Ticker sind zu Organisationsmitteln in der Basispolitik geworden. Allerdings ist die gesamte Internetkommunikation auch wunderbar zu überwachen. Dem Film reicht der Vermerk, man käme nur mit Paßword weiter, wenn man die Homepage der 8Wonderworld aufrufe.


Wonderland-TeilnehmerInnen bei einem realen Treffen außerhalb der Video-Chats
eine unlogische Kapuzenmaskierung als dekoratives Element im Film

In der Videokonferenzgemeinschaft "8Wonderland" werden heikle Aktionen besprochen, die die Leute in den Knast bringen würden, falls sie das in der realen Realität unserer Gesellschaft machen würden. Insofern fällt die mangelnde Reflexion der Internetüberwachungsmöglichkeiten doppelt ins Gewicht. Aber eine Kritik am unzulänglichen Technikverständnis der Filmemacher führt vom eigentlichen Thema des Films weg. Der über der Technik schwebende Gedanke ist eine Idee von globaler Diskussion von Unten über Ungerechtigkeit und Inhumanität rund um den Globus. So versucht die Irakerin ihrem Mann klar zu machen, dass es 8Wonderland nicht mehr um die Vorteile einzelner Länder geht, sondern immer um die Menschen.

Filminterne Zwischensequenz

Der Film beschreibt in zwischengeschobenen Sequenzen, wie eine per Chip elektronisch gesteuerte Kakerlake zum Leittier ihrer Gemeinschaft wird und sie zu neuen Erfahrungen und Möglichkeiten führt. Obwohl sie das Licht scheuen folgen sie dem Leittier ins Helle.

Die Parallele zur Onlinegemeinschaft ist unübersehbar: Sie drängt mit ihren Aktionen in die Medien und will elektronisches Leittier werden.

Nun entwickelt sich diese Gemeinschaft mit ihren Aktionen immer weiter. In "Spaß-Guerrilla"-Manier hängen sie Kondomautomaten an den Gebäuden des Vatikan auf, um gegen die unverantwortliche Anti-AIDS-Politik des Vatikans zu protestieren. Sie drucken eine Darwin-Bibel und aus Protest gegen die Todesstrafe in den USA verlangen sie als ausgleichende Gerechtigkeit den Tod desjenigen Truthahns, den der amerikanische Präsident zu Thanksgiving traditionell "begnadigt" und vor der Bratröhre bewahren möchte. Wie ungerecht: Todesstrafe für Menschen, Begnadigung für Truthahn.

Bis dahin folgt die Entwicklung stets
dem Schema:
>>> Verabredung einer Aktion im Internet
>>> Reale Aktion
>>> Berichte in den Medien (vornehmlich Fernsehen)
>>> Bewertung der Berichte und der realen Effekte
>>> Verabredung Neuer Aktionen.

Die nächste Stufe der Aktionen greift zielgerichtet real ein, z.B. durch gezieltes Falsch-Dolmetschen bei einem Wirtschaftsgespräches. Ein Verkauf von russischen Atomkraftwerken kommt dadurch nicht zustande und eine politisch gefährliche Krise wird so durch 8Wonderland verhindert
Bei einer anderen Aktion mit realem Eingriff entführen 8Wonderland Aktivisten 3 internationale Fußballstars und zwingen sie unter vorgehaltener Maschinenpistole in einem chinesischen Sportschuhbetrieb zusammen mit Kinderarbeitern Schuhe zu produzieren (>>wonderland-webseite)
Ein Konzern dessen Firmen Massenentlassungen vornehmen, wird durch Sabotage an den Produkten so bei den VerbraucherInnen in Mißkredit gebracht, daß die Geschäfte abstürzen. Allerdings kommen hierbei schon VerbraucherInnen z.B. durch fehlerhafte Kinderwagen oder falsche Medikamente zu Schaden. Entführung und Körperverletzung stehen schon im Widerspruch zu den hehren Zielen von Wonderland. Dieser Widerspruch steigert sich noch, als ein korrupter Politiker der Drogenmafia erschossen werden soll. Wieso diese Eskalation dramaturgisch notwendig gewesen sein soll erschließt sich nicht wirklich.

Eine realistische Desillusionierung besteht darin, dass die Methoden der Öffentlichkeitsarbeit von Wonderland kopiert und für die gegenteilige Politik sowie Geschäftemacherei eingesetzt werden. Jemand der sich als Erfinder des 8Wonderland öffentlich ausgibt macht bald Geschäfte mit Werbung - er ißt beim "Retten der Welt" immer den bestimmten einen Joghurt ..." . Die reale Webseite >>www.8wonderland.org

Schließlich sprengen Militärs "den Server" von Wonderland - ein großes Rechenzentrum auf Gibraltar in die Luft. Der virtuelle Staat verschwindet. Jedoch gibt es bald darauf ein 9 Wonderland .... das sich bei näherem Hinsehen als "Greenwashing"-Projekt entpuppt. Die nun verbreiteten Berichte betreiben Imagepflege durch publikumswirksame Aktionen bei denen sich Firmen als human und umweltfreundlich darzustellen versuchen, während sie eine gegenteilige Alltagspraxis aufrecht erhalten.

Nach dem Film sucht man die Fernbedienung zum Zappen und die Tastatur zum Surfen oder aber auch die Möglichkeit einfach mal in Ruhe nachdenken zu können.